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Auf jede Frage eine Antwort: 25 Jahre Mundart-Briefkasten auf SRF (Stunde 1)
Aus Dini Mundart Schnabelweid vom 21.05.2020.
abspielen. Laufzeit 57:27 Minuten.
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Faszination Schweizer Dialekt «Mundart liegt uns am Herzen»

Wieso sagen wir «Trottoir», «Bisiwätter» oder «chille»? Antworten darauf haben SRF Mundart-Experten – seit 25 Jahren.

«Vo wo chunt ds ‹Mattetäneli›? Was für e Gschicht steckt hinter em Wort ‹verbunggle›?» Radio-Hörerinnen und Hörer stellen viele Fragen an den SRF Mundart-Briefkasten. Vor allem Wörter interessieren dabei.

«Mundart ist wie Fussball»

Im Schweizerdeutschen sind Wörter mehr als nur Einheiten der Umgangssprache: Sie sprechen Emotionen an. «Wörter geben uns Nähe, Identität und Heimatgefühl», sagt Gabriela Bart, Redaktorin beim Schweizerischen Idiotikon, Link öffnet in einem neuen Fenster.

25 Jahre «Schnabelweid»-Briefkasten

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Die Schnabelweid auf Radio SRF 1 kümmert sich um Mundartkultur und -erforschung. Sie führt als Rubrik den wöchentlichen «Briefkasten» – seit 25 Jahren. Da beantworten dialektologisch geschulte Mitarbeiter Fragen von Hörerinnen und Hörern. Ob Wörter, Redewendungen oder Orts- und Flurnamen, Markus Gasser, André Perler und Christian Schmutz recherchieren und erklären. Diese beliebte Dienstleistung – von Christian Schmid und Martin Heule 1995 geschaffen – feiert zwei Stunden lang ihr Jubiläum. Im Mittelpunkt: natürlich das Publikum und ihre Fragen.

Auf den Erfolg und die Beliebtheit des Briefkastens angesprochen, sagt auch Markus Gasser, Leiter der SRF-Mundartredaktion: «Mundart ist wie Fussball oder Kulinarik: Sie liegt uns am Herzen. Wir alle sind Spezialisten, haben eine Meinung, haben Fragen.» Bei fast jedem Kontakt mit Leuten, die nicht die gleiche Mundart reden, wird man mit Dialekt-Stereotypen konfrontiert.

Grammatik wäre eigentlich wichtiger

Wörter fallen auf. Sie interessieren viel mehr als die Grammatik. «Grammatik tönt nach Schule und ist blöd», schmunzelt Martin Graf, Redaktor beim Schweizerischen Idiotikon. «Wörter sind fassbarer und an konkrete Sachen gekoppelt.»

Dabei würden Lautung, Betonung, Wort- oder Satzbau viel mehr über Mundarten aussagen. Solche sprachlichen Phänomene sind auch viel stabiler und sorgen dafür, dass die Mundarten am Leben bleiben. Sie existieren einfach, ohne dass man sie immer problematisiert.

Wird hingegen ein schweizerdeutsches Wort nicht mehr gebraucht (das «Ross» wird zu «Pferd», «plegere» zu «chille» ) geht man sofort davon aus, dass die Mundart bald ausstirbt.

Konflikt der Generationen

Dabei probieren gerade Junge gern aus, übernehmen schnell Wörter aus anderen Sprachen und Dialekten und vermischen diese Zugaben zu einem eigenen Menü. Jugendsprachliche Phänomene sind bei der älteren Generation nicht beliebt. Diese orientiert sich sprachlich oft eher rückwärts – nach der Sprache ihrer Eltern oder Grosseltern.

Woher kommen diese Wörter? Mundart-Experten klären auf!

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Manchmal müssen die Mundartredaktoren gegen Internetwissen und Behauptungen aus Publikationen ankämpfen und diese geradebiegen. Folgende Falschinfos halten sich hartnäckig:

  • Ferien komme von französisch «fait rien». Dabei kommt es von Latein feriae «(religiöser) Feiertag» und ist mit Feier, feiern verwandt.
  • Luzern komme von Latein «lucerna», «die Leuchte». Darum «die Leuchtenstadt». Ist längst widerlegt, auch wenn die genaue Herkunft nicht geklärt ist.
  • Läbchueche hat nichts mit Leben zu tun, sondern entweder mit dem Laib oder mit Latein «libum» für Kuchen.
  • Der Name Bern hat nichts mit Bären zu tun. Es ist eine Analogie zur italienischen Partnerstadt Verona, auf Deutsch «Welsch Bern».
  • Ds Bisi- oder ds Büsiwätter kommt von der Bise und nicht vom «Bisi» oder «Büsi».

Das Phänomen hat der Linguist Charles F. Hockett «age-grading» genannt: Man verhält sich sprachlich so, wie es seinem Alter entspricht. Wer dies durchbricht, fällt aus dem Rahmen.

Eine ältere Frau, die von «huereguet» und «chille» spricht, fällt auf. Martin Graf hat umgekehrt an seinen kasperli-hörenden Kindern gemerkt, dass sie plötzlich von «böimigi Idee» und «schüli guet» sprechen. «Ihre Sprache der 1970er-Jahre ist für mich voller Nostalgie», sagt Idiotikon-Redaktor Graf.

Lehnwörter brauchen Zeit

Interessant sind auch Lehnwörter. Auch über Sprachgrenzen hinweg wird nachgeahmt und übernommen. Das wird aber allgemein nicht so gern gesehen. Wörter sollen möglichst rein von fremden Einflüssen sein.

Aktuell sind Teutonismen und Anglizismen unbeliebt. Hingegen sind früher eingewanderte französische («Trottoir, Billet, moderiere, plagiere») oder lateinische Lehnwörter («Chäller, Chuchi, Muur, d'Ex») längst als Schweizerdeutsch akzeptiert.

Egal, aus welcher Zeit oder aus welcher Sprache ein Wort stammt: Wir wollen wissen, woher es kommt. Dieser Gwunder hilft dem «Schnabelweid»-Briefkasten – und den Gwundernasen.

Ach ja: «Mattetäneli» ist eines von Dutzenden Wörtern für «Schlüsselblume». Und «verbungglet» ist lautmalend für «zerknittert».

Sendung: Radio SRF 1, Schnabelweid, 21.5.2020, 20:03 Uhr

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Albert Planta  (Plal)
    Wädenswiler: ...kriegt ein Calanda ist bündnerisch, ...
    Kriegts auf die Reihe ist aber Bundesdeutsch.
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  • Kommentar von ely berger  (bärn)
    "Aktuell sind Teutonismen und Anglizismen unbeliebt." Etwas "Kriegerisches" und Einfältiges aber findet immer mehr in unserer Sprache Einzug: kriegen. Auf die Reihe kriegen, ein ... kriegen, herauskriegen, mitkriegen, einkriegen, abkriegen, totkriegen, kleinkriegen, hinkriegen, drankriegen, freikriegen, zusammenkriegen, die Polizei wird ihn schon noch kriegen, rumkriegen. Ja da tue ni doch lieber öpper um ä Finger wickle...
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    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Das Wort kriegen gehört schon seit jeher zum Graubündner Dialekt.
    2. Antwort von Peter Schnider  (peters)
      Der bündner Dialekt ist auch etwas anderes. Das von Räthoromanen gelernte Schuldeutsch, welches sie dann an die nachfolgenden Generationen weitergegeben haben. Deshalb finden sich dort viel mehr solcher Teutonismen als anderswoh.
      Was anderes, warum machen wir seit Corona alles gmeinsam und nicht mehr mitänand oder zämä?
    3. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Schnider: nein, nach dem verheerenden Chrer Stadtbrand 1464 , wo die meiste romanischsprechende Bevölkerung starb zogen Leute aus dem süddeutschen Raum nach Chur und führten die deutsche Sprache ein.
    4. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Wird dieses "Kriegerische" nicht eher beim geschriebenen Wort auf Schriftdeutsch benützt? Bis auf den Bündner Dialekt habe ich es bei anderen Dialekten noch nie gehört. Und beim Bündner steht dieses "krieg" doch für erhalten/bekommen. Z. B.: "I krieg no äs Calanda". :-) Oder: "Dr'Bünder kriegts uf d'Reihe." Andere bringen's auf die Reihe.
      Das ist eben die schöne Vielfältigkeit der Dialekte.
  • Kommentar von Lars Benvenido  (Swisslars)
    @Emil Brand. Ich habe nicht die Sprachforscher kristisiert. Ich habe gesagt man sollte dies den Sprachforschern überlassen und nicht dem SRF. Scheinbar sind einer von diesen Experten. Man beachte Ihre schulmeisterliche Lektion über meine fehlerhafte Grammatik. Sie mussten wohl nie Lehrlinge ausbilden. Sonstt wüssten Sie was schlechtes Deutsch ist.. Aber keine Angst, Sie können ruhiig weiter forschen und der Job bleibt erhalten. Ich hatte immerhin.über 400 Daumen runter. Zufrieden ?
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