Flüchtlinge als Hörer an den Universitäten

Mit speziellen Hörerprogrammen wollen Schweizer Universitäten Flüchtlingen den Wiedereinstieg ins Studium erleichtern. Doch können solche Projekte wirklich halten, was sie versprechen?

Studenten in einem Hörsaal Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: An mehreren Schweizer Universitäten werden Flüchtlinge als Hörer zugelassen. Keystone

Rahmat Qorbani hat den Deutschtest bereits geschrieben. Noch muss er sich ein wenig gedulden, bis er die Resultate erhält. Dann wird klar sein, ob der 24-jährige Afghane als Hörer erneut Vorlesungen an der Universität Basel besuchen darf.

Während die Universität Zürich und die ETH diesen Herbst erstmals spezielle Angebote für Flüchtlinge anbieten, geht das Hörerprogramm «Offener Hörsaal» an der Universität Basel bereits in die zweite Runde.

Einheimische kennenlernen

Erneut werden 20 Flüchtlinge zwei Vorlesungen pro Woche besuchen. Als Hörerinnen und Hörer dürfen sie zwar keine Prüfungen am Ende des Semesters ablegen. Aber sie können die Bibliotheken nutzen und profitieren von vergünstigten Sprachkursen der Universität.

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Die Zahlen

In der Schweiz leben (Stand 31.07.2016) knapp 58'000 vorläufig aufgenommene und anerkannte Flüchtlinge. Wie viele davon gerne studieren wollen, weiss niemand genau. Eine kleine Umfrage des Staatssekretariats für Migration ergab, dass 7 Prozent einen Universitätsabschluss besitzen und 2 Prozent an einer Fachhochschule studiert haben.

Verschiedene Stiftungen finanzieren das Projekt, das ausschliesslich von Studierenden organisiert wird. Es sind ebenfalls Studierende, die den Teilnehmern des Offenen Hörsaals helfen, sich an der fremden Universität zurechtzufinden.

Qorbanis Mentor hat ihn zudem seinen Freunden vorgestellt. «Als ich letzten Oktober in die Schweiz gekommen bin, kannte ich niemand in Basel. Heute kenne ich eine Menge Leute», freut sich Qorbani.

Enttäuschungen verhindern

Seamus Forde ist Vorstandsmitglied des Offenen Hörsaals und zieht eine positive Bilanz aus dem letzten Semester. Das Projekt sei bei allen Beteiligten sehr gut angekommen. Allerdings war eine wichtige Lehre aus dem ersten Semester, dass die interessierten Flüchtlinge zuerst ihre Sprachkenntnisse beweisen müssen.

Das war im letzten Semester noch nicht so. Die Konsequenz: Drei Flüchtlinge haben frustriert abgebrochen, weil sie den Vorlesungen nicht genügend folgen konnten. «Das wollen wir künftig mit dem Sprachtest verhindern und so uns und den Teilnehmern die Enttäuschung ersparen», sagt Forde.

Motivation ist das wichtigste

Die Sprache ist und bleibt eine der grossen Hürden für Flüchtlinge, die an die Universität wollen. Denn ein Studium erfordert ein hohes Sprachniveau. «Eine Person, die sich gewohnt ist, zu lernen, kann ein solches Niveau innerhalb von zwei Jahren erreichen», sagt Kaspar Schneider, leitender Berater der Asylorganisation Zürich.

Die AOZ begleitet Flüchtlinge auf dem Weg in einen Job oder eine Ausbildung. Jemand mit wenig Bildung hingegen brauche in der Regel bedeutend länger. «Ein Mensch, der zudem traumatisiert ist, erreicht ein solch hohes Sprachniveau womöglich gar nie», sagt Schneider.

Genauso so wichtig wie Sprachkurse ist laut Schneider noch etwas anderes: «Sehen die Flüchtlinge, dass sie in der Schweiz eine berufliche Perspektive haben oder studieren können, dann erhöht das die Motivation ungemein».

Nahziel Physikstudium

Auch Qorbani gibt sich kämpferisch. «Wenn ich will, dann werde ich Deutsch richtig gut lernen», ist er überzeugt. Als nächstes möchte er erneut am Hörerprogramm teilnehmen und dann so schnell wie möglich ins reguläre Physikstudium einsteigen.

Denn einen Bachelorabschluss in Physik hat er an der Universität Kabul bereits abgeschlossen. Zusätzlich motivieren ihn zwei ehemalige syrische Teilnehmer des Offenen Hörsaals. Beide beginnen in wenigen Tagen ein Masterstudium an der Universität Basel.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 3.9.2015, 12:40 Uhr

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