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Buchbesprechung: Sachbuch «Food Code»
Aus Kultur-Aktualität vom 11.05.2021.
abspielen. Laufzeit 03:15 Minuten.
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Food-Industrie der Zukunft Die digitale Revolution ist auf unseren Tellern angekommen

Ernteroboter, Nutri-Score auf den Smartphones und Rezepte-Apps: Das Buch «Food Code» schaut kritisch hin.

«Die digitale Zukunft ist auf unseren Tellern längst angekommen», sagt Hendrik Haase. Der Food-Blogger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Herstellung, Lieferung und Verarbeitung von Lebensmitteln. Gemeinsam mit dem Wirtschaftsjournalisten Olaf Deininger hat er ein Buch zur Problematik geschrieben: «Food Code. Wie wir in der digitalen Welt die Kontrolle über unser Essen behalten».

Die beiden Autoren haben beobachtet, dass die Verzahnung von Digitalisierung und Industrie auch bei den Lebensmitteln immer schneller voranschreitet. Aber es redet niemand darüber. Das sei nicht unproblematisch, warnt Hendrik Haase. Denn «digital» heisse immer auch: Datenerfassung.

Legende: Eiskalte Händchen: Ernteroboter sind Sinnbild für die fortgeschrittene Digitalisierung in der Lebensmittelindustrie. Getty Images / Teera Konakan

Gefährliche Zentralisierung

Die Datenflut läuft meist bei digitalen Monopolisten zusammen. Ein grosser Player sei Amazon, weiss Hendrik Haase: «Das ist längst nicht mehr nur ein Online-Shop sondern eigentlich ein Serverplatz-Handel. Viele Start-ups arbeiten mit diesen Servern, viele Bauern sind auf die Server von Amazon angewiesen.» Das hinterlasse bei ihm ein mulmiges Gefühl.

Der Food-Aktivist fordert darum, dass eine digitale Infrastruktur geschaffen wird, die in öffentlicher Hand liegt – ähnlich dem Stromnetz, das von den Stadtwerken gesteuert wird. Die Belange der «digitalen Essgesellschaft» der Zukunft müssten auf mehrere Schultern verteilt werden, ist Haase überzeugt.

Kontrollinstanz Konsumenten

Natürlich sollten auch Konsumentinnen und Konsumenten den Prozess der Digitalisierung und Technologisierung kritischen verfolgen. Es gehe unter anderem darum, eine vielfältige, gesunde Esskultur zu erhalten – eine Esskultur, die nicht einfach algorithmenhörig einem gewissen Mainstream folgt.

Hendrik Haase denkt da etwa an Apps, die uns mittels QR-Code anzeigen, wie gut der sogenannte Nutri-Score eines Lebensmittels ist. Sein aktuelles Beispiel kommt aus der Schweiz: «Mir ist kürzlich ein Gruyère aufgefallen, der einen schlechten Nutri-Score bekommen hat, weil er zu viel Fett enthielt. Das Toastbrot nebenan hatte aufgrund seiner guten Nährwerte den grünen Nutri-Score A.» Solche Gesundheitsempfehlungen müssten unbedingt hinterfragt werden.

Innovative Schweiz

Die Digitalisierung im Food-Sektor birgt aber auch Chancen, betont Hendrik Haase. Sie verspricht eine Verbesserung, wenn es um Lebensmittelsicherheit, transparente und effiziente Lieferketten, Nachhaltigkeit oder das Minimieren von Lebensmittelverschwendung geht.

Die Schweiz sei diesbezüglich ziemlich innovativ: Hier werde an Technologien wie der Blockchain geforscht, sagt Haase, also an der lückenlosen Aufklärung über das Produkt.

Einmal den QR-Code mit dem Smartphone gelesen – und man erfährt sofort, ob das Gemüse mit Glyphosat besprüht oder das Poulet mit Antibiotikum gemästet wurde, heisst es etwa bei IBM Food Trust. Im Nestlé-Forschungszentrum in Lausanne wiederum wird an personalisierten Nahrungsmitteln, ökologischen Verpackungen und pflanzlichen Alternativen zu Fleisch experimentiert.

Debatte anstossen

Mit ihrem Buch «Food Code» wollen Hendrik Haase und Olaf Deininger zur längst überfälligen Diskussion anregen. Sie denken dabei an Agrarroboter und Algorithmenhörigkeit – also an Chancen wie auch Gefahren. «Negieren wir die Entwicklungen», so Haase, «müssen wir vielleicht irgendwann feststellen, dass wir wegen eines Küchenmixers krank geworden sind, weil der uns Rezepte vorgeschlagen hat, die wir gar nicht vertragen.»

Buchhinweis

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Olaf Deininger und Hendrik Haase: «Food Code. Wie wir in der digitalen Welt die Kontrolle über unser Essen behalten». Kunstmann, 2021.

Über die Autoren:

Olaf Deininger (geb. 1963), ist Wirtschaftsjournalist und schreibt für Tageszeitungen und Fachmagazine über Food, Medien, neue Technologien und Künstliche Intelligenz. Hendrik Haase (geb. 1984), setzt sich als Food-Aktivist für gute Lebensmittel und eine nachhaltige Küche ein.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 11.05.2021, 7:50 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Patrick Janssens  (patrickjanssens)
    Digitalisierung im Food Sektor, sehr fragwürdig. Wie lange wird es dauern bis diese Digitalisierung gehackt wird? Ein Hacker Angriff und die Nahrungsmittelversorgung kommt in Gefahr?
    Ein fehlgeschlagenes Update in Kombination mit Delivery just in time und alles kommt zum Stillstand?
    Digitalisierung in der Wirtschaft hat nur einen zweck: Einsparungen
    1. Antwort von Vale Nipo  (VNxpo)
      Und sollte es wegen den Einsparungen schlecht sein? Entweder sind Sie einfach konservativ und wirtschaftsfeindlich oder ich missverstehe Ihr Argument?

      Wie auch schon früher gezeigt wurde, haben Maschinen den Menschen die Arbeit erleichtert, was auch kein Nuovo ist. Also sind Einsparungen durchaus sinnvoll.