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Neue Lebenswelten statt Früchte aus der Konserve
Aus Kontext vom 15.10.2019.
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Fotoband «Hero – Im Lenz» Wo Hero früher Konfi machte, steht heute ein Hipster-Restaurant

Fotojournalist Hans Weber dokumentiert in einem Bildband den Abbruch und Umbau des Industrieareals «Hero» in Lenzburg.

Die Lenzburger Konfitüre «Hero» war für Generationen ein Begriff und kam landauf landab auf den Tisch. Doch dabei blieb es nicht: Die «Hero» versorgte die Schweizer Armee mit Frucht- und Fleischkonserven.

Sie erleichterte den berufstätigen Frauen in der Nachkriegsschweiz mit Büchsenravioli die Alltagsplackerei und mit Pasteten-Füllungen selbst die sonntägliche Kocherei.

Ein Bild des alten Fabrikareals "Hero" aus Sicht des Bahnhofs Lenzburg.
Legende: «Hero» wurde 1886 an logistisch vorteilhafter Lage, am Bahnhof in Lenzburg, eröffnet. Hans Weber, Lenzburg

Mit dem Grosi in der Fabrikhalle

Mit der Konservenfabrik verbinden viele persönliche Kindheitserinnerungen. So auch der Lenzburger Fotojournalist Hans Weber: «Im Sommer habe ich wie Hunderte von Kindern und Erwachsenen auf den Pflanzungen der Hero ‹Trüübeli› geerntet oder zusammen mit meiner Grossmutter in den Fabrikhallen Erdbeeren oder Kirschen abgestielt.»

Die Konservenfabrik feierte 2011 ihr 125-jähriges Bestehen und konnte dabei auf eine lange Erfolgsgeschichte zurückblicken. Sie wurde 1886 von zwei deutschen Unternehmern an logistisch vorteilhafter Lage, am Bahnhof in Lenzburg, eröffnet.

Ein Mann arbeitet beim Umbau des ehemaligen "Hero"-Areals mit.
Legende: Hans Weber besuchte während der Abbrucharbeiten immer wieder das Areal und hielt den Umbau des Industriekomplex «Hero» fotografisch fest. Hans Weber, Lenzburg

Bald fasste die Firma auch in Deutschland, Frankreich, Spanien und den Niederlanden Fuss. «Hero» lieferte Konserven mit Bohnen, Erbsen und Rüebli nach Übersee. Selbst die Konfitüren kamen in kleinen Alu-Dosen mit der Swissair in alle Welt.

Eine Stadt in der Stadt

«Hero» hatte sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem industriellen Komplex mit Produktions- und Kühlräumen, einer Schlachthalle und Dosen-Spenglerei, mit Speditions- und Verwaltungsgebäuden entwickelt.

Sie war zur Stadt in der Stadt geworden mit einer Kantine, Wohnhäusern und Villen für Angestellte. «Hero» blieb in Lenzburg lange der wichtigste Arbeitgeber.

Kinder der Montessori-Schule sitzen im Kreis. Daneben sieht man das trendige Restaurant «Barracuda».
Legende: «Im Lenz» der Gegenwart: Restaurant und Montessori-Schule. Das Lenzburger Wohn- und Gewerbequartier gilt als beispielhafte Umnutzung. Hans Weber, Lenzburg

Farbenfrohe Industrie

Nachdem die Produktion der traditionsreichen Firma an einen neuen Ort in Lenzburg – diesmal mit Autobahnanschluss – verlegt worden war, begann 2012 der Abbruch und Umbau des Areals. Der Fotojournalist Hans Weber war mit der Kamera dabei.

Buchhinweis

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Hans Weber: «Hero – Im Lenz. Vom Fabrikareal zum Stadtquartier». Hier + Jetzt Verlag, 2019.

Hans Weber bringt stumme Zeitzeugen zum Leuchten. Er fängt Farbtupfer ein, die Arbeiterinnen und Arbeiter hinterlassen haben, wie eine hängen gebliebene, schmutzige Plastikschürze. Er dokumentiert vergessene Besen in einer Ecke und Graffitis an den Wänden. An einer Tür steht die verblichene, hingekritzelte Botschaft: «Mon Buro est petit, mais mon coeur est grand».

Fotojournalist dokumentiert eine verblichene hingekritzelte Botschaft auf einer Tür: «Mon Buro est petit, mais mon coeur est grand.»
Legende: Eine von Hans Weber entdeckte, verblichene Botschaft auf einer Tür. Hans Weber, Lenzburg

Hans Weber hat bei aller Weitläufigkeit des Areals auch solche kleine Überbleibsel des Alltags eingefangen und in einer farbigen, mal melancholischen, mal witzigen Ästhetik umgesetzt.

Aus Speditionshalle wird Restaurant

Besonders eindrücklich sind die Bilder von jenen Räumlichkeiten, die Hans Weber einander gegenüberstellt. Wenn sichtbar wird, wie sich nach dem Auszug von «Hero» die leere Speditionshalle in das trendige Restaurant «Barracuda» verwandelt hat.

Ein Bild, mit dem Hans Weber exemplarisch den Umbau einer traditionsreichen Industrie zum modernen Dienstleistungssektor dokumentiert und damit ein Stück Schweizer Wirtschaftsgeschichte in den Blick nimmt.

Ein Foto über Lenzburg mit dem Logo "Hero" sichtbar im Hintergrund.
Legende: «Hero» blieb in Lenzburg lange der wichtigste Arbeitgeber. Hans Weber, Lenzburg

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