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Frank Urbaniok: Achtung Mensch! Vom Versagen der Vernunft
Aus Sternstunde Philosophie vom 15.03.2020.
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Frank Urbaniok Dieses Buch wird zu reden geben

Frank Urbaniok hat den Schweizer Strafvollzug geprägt wie kein anderer. Nun legt er ein Buch über die Schwächen der Vernunft vor.

Stellen Sie sich zwei Urzeitmenschen vor. Beide hören ein Rascheln im Busch. Der eine denkt, da lauert ein Löwe und rennt weg. Der andere ist voller Neugier, geht hin und entdeckt: Es war nur der Wind. Auch beim nächsten Rascheln schaut er nach. Leider. Diesmal wartet nämlich ein Löwe.

Überlebt hat nur der der Ängstliche und Schnelle – und irgendwie auch der Dumme. Mit dieser Geschichte beginnt das neue Buch des einflussreichen Schweizer Gerichtspsychiaters Frank Urbaniok: «Darwin schlägt Kant. Über die Schwächen der Vernunft und ihre fatalen Folgen».

Der «Gutachter des Bösen»

Urbaniok kennt die Schwächen und Schattenseiten des Menschen: Der «Gutachter des Bösen» (nach einer DOK-Sendung über ihn) ist einer der führenden Experten für Gewalt- und Sexualverbrecher. Als Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich hat er den Schweizer Strafvollzug massgeblich geprägt.

Buchhinweis

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Darwin schlägt Kant: Über die Schwächen der menschlichen Vernunft und ihre fatalen Folgen. Orell Füssli Verlag, 2020.

Mit «FOTRES» hat er eine Methode entwickelt, um die Rückfallwahrscheinlichkeit von Straftätern zu bestimmen. Kritiker nannten ihn «den Wegsperrer der Nation».

Nach einer schweren Krebserkrankung im Jahr 2016 zog er sich aus öffentlichen Positionen zurück, mischt sich aber noch immer gerne in gesellschaftliche Debatten ein. Das tut er auch mit seinem neuen Buch.

Vernunft als Überlebenshilfe

Für Urbaniok ist klar: Die Vernunft ist ein Produkt der Evolution, in erster Linie eine Überlebenshilfe, kein Instrument der Wahrheitsfindung. Überleben statt Überlegen, lautet die Devise. Wir biegen uns die Welt zurecht, vereinfachen komplizierte Sachverhalte, blenden unbequeme Wahrheiten aus und denken in Schwarz und Weiss.

Das habe nicht nur evolutionäre Gründe, sondern auch gefährliche gesellschaftliche Auswirkungen. Diese legt Urbaniok im zweiten Teil seines knapp 500-seitigen Buches dar.

Da geht es um Extremismus, Populismus, Mafiamethoden in der Wirtschaft und Auswüchse der Bürokratie. All das seien Folgen der Evolution, «Konstruktionsschwächen» unserer Vernunft, schreibt Urbaniok.

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Gutachter des Bösen – Die Ära Frank Urbaniok
Aus DOK vom 12.09.2019.
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«Weiche Zensur» befeuert Rechtspopulismus

Das gelte auch für die «weiche Zensur» der Medien in Sachen «Ausländerkriminalität». Hier wagt sich Urbaniok – wieder einmal – auf heikles Terrain: Er belegt mit Zahlen, dass Ausländer proportional mehr Delikte begehen, dies aber von vielen Medien verschwiegen wird.

Die unangenehme Tatsache passe nicht ins Weltbild der Journalisten. Zudem wolle man keinen Rassismus befeuern. Die Strategie bewirke aber das Gegenteil: Die «weiche Zensur» befeure den Rechtspopulismus. Mit diesen streitbaren Thesen wird Urbaniok für Diskussionen sorgen. Er ist vorbereitet.

Anthropologie mit politischer Sprengkraft

«Darwin schlägt Kant» ist eine Anthropologie mit politischer Sprengkraft. Das Buch liest sich über weite Strecken hervorragend. Komplexe Sachverhalte und Theorien werden verständlich und prägnant erklärt. Kant und Nietzsche, Kahnemann und Harari, Machiavelli und Mao, AfD und SVP: Alles kommt vor.

Und noch viel mehr. Bisweilen gewinnt man den Eindruck, der Autor möchte zeigen, was er alles kennt. Dadurch geht der rote Faden da und dort verloren. Lehrreich und brisant bleibt das Buch aber auch dann.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 15.3.2020, 11.00 Uhr

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Steve Rasmussen  (rast)
    Lustig, wie Urbaniok mahnt davor, dass der Mensch nicht so vernünftig ist wie er denkt, und dem Moderator dazu nur und ausschliesslich Populismus einfällt, anstatt das eigene Spiegelbild. Ebenso ironisch, wie noch schnell betont werden musste, dass dann schon "eine Mehrheit" nicht mit Urbaniok einer Meining zur Ausländerkriminalität ist, und er damit genau das tut, was Urbaniok ja kritisiert.
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  • Kommentar von Roger Gasser  (allesrotscher)
    Vernunft ist die groesste Gabe Gottes an den Menschen, ja, die Gabe die ihn vom Tier unterscheidet. Sie ist eigentlich dazu bestimmt dem Menschen zu erlauben den Sinn seines Lebens zu erkennen. Wenn nun Urbaniok die Vernunft an sich verunglimpft kann das Buch für mich nicht lesenswert sein. Intelligenz an sich ist wertfrei, Vernunft hingegen sucht nach Sinn und definiert Werte. Viel zu wissen zeugt von Intelligenz, hat mit Vernunft aber nichts zu tun. Oft verhindert Intelligenz sogar Vernunft.
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    1. Antwort von Sam Brenner  (Sam Brenner)
      @RG: Ich würde es etwas anders formulieren:
      Oft verhindert mangelnde Intelligenz die Vernunft.
    2. Antwort von Roger Gasser  (allesrotscher)
      Liebe Ablehner, es ist schon so wie ich schreibe aber ihr habt es nicht VERSTANDen, Verstand = Vernunft ! Da nützt auch Intelligenz nichts. Intelligenz wohnt im Kopf, Vernunft im Herzen.!! Intelligenz ohne Vernunft(Herz) ist das Problem unserer Zeit!! (Z.B. Diktatoren.)
    3. Antwort von Michael Studer  (Mi_St)
      Lieber Herr Gasser.
      Kein Grund betupft zu reagieren. Spätestens seit Schopenhauer gibt es jenste Philosophen (und mit Sigmund Freud auch Psychologen), die der Vernunft nicht die klassisch-philosophische Rolle des Herrschers, sondern des Beherrschten zusprechen. Die Vormachtstellung kommt dem Voluntativen und dem Emotionalen zu. Frank Urbaniok greift diese Tradition auf, nichts weiter.
    4. Antwort von Sandra Jensen  (Dr. S. J.)
      Tiere nutzen Instinkte, die von der Gefahr zu schützen, Menschen haben deren Instinkte weitgehend unterdrückt und verwechseln oft die Vernunft mit dem Überlebensinstinkt. Intelligenz ist kein Hindernis zur Vernunft, ganz im Gegenteil.
  • Kommentar von Nico Stäger  (Nico Stäger)
    Ein mutiger Denker und Mahner unserer Zeit.
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