Franziskus geisselt Götzendienst an Geld und Aktien

Papst Franziskus hat sein erstes apostolisches Schreiben vorgelegt: «Evangelii Gaudium» (Freude des Evangeliums). Er plädiert für eine Reform der römisch-katholischen Kirche auf vielen Ebenen. In euphorischen Reaktionen wird der Papst bereits als grösster Erneuerer der letzten 50 Jahren gefeiert.

Papst Franziskus winkt Menschen zu auf der Strasse in der Nacht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Kirche, die auf die Welt zugeht, wünscht Papst Franziskus. Keystone

«Freude des Evangeliums», heisst die Regierungserklärung, die Papst Franziskus verfasst hat. Freude werden sie nicht alle daran haben, die weltweiten Würdenträger der römisch-katholischen Kirche. Denn teilweise liest sich der Text des Papstes aus Argentinien, als hätte ihn ein südamerikanischer Befreiungstheologe verfasst.

«Wir leben in einer Wegwerfkultur», geisselt der Papst, Menschen würden einfach weggeworfen, wenn man sie nicht brauche, wenn sie in der Gesellschaft nicht genug leisteten. Niemand rege sich doch mehr darüber auf, wenn alte Menschen auf der Strasse erfrieren, Hauptsache der Börsenindex sei wieder um zwei Prozent gestiegen.

Und dann schreibt Franziskus den wohl deutlichsten Satz, den man über unsere globale Ökonomie sagen kann: «Diese Wirtschaft tötet.» Diese Wirtschaft tötet im wahrsten Sinne des Wortes, weil sie in einem Teil der Welt Nahrungsmittel produziert, die weggeworfen werden, während im anderen Teil die Menschen an Hunger sterben. Schärfer als aus bisherigen Briefen bekannt, ist der Ton des Papstes auch, wenn es um unseren Götzendienst an Geld und Aktien geht.

Kirche, die sich Beulen holt

Was für Konsequenzen für seine Kirche zieht Franziskus aus seinen radikalen Analysen? Hier klingt vieles wohlvertraut, die Grundintention haben wir in diesem neunmonatigen Pontifikat kennengelernt: Die Gläubigen müssen sich zu einem Beitrag für eine gerechtere Welt verpflichten und für die Armen da sein. Und deshalb soll die Kirche zu einer Kirche der Armen werden.

Eine Konsequenz daraus soll eine Dezentralisierung der Kirche werden, weg von Rom, hin zu Bistümern und Gemeinden. Und dort müsse vorgelebt werden, was es heisst eine Kirche für die Armen zu sein.

Anders als sein Vorgänger Benedikt kann Franziskus die Moderne kritisieren und sich zugleich ohne Berührungsängste in ihr bewegen. Und von seinen Mitarbeitern verlangt er das Gleiche. Er möchte eine Kirche haben, die auf die Welt zugeht, so wie sie ist. Eine Kirche, die sich Beulen holt, die nicht nach Sicherheiten sucht, die aufhört, um sich zu kreisen.

Türen aufgestossen

Wollte man diesen reformwilligen Papst politisch zuordnen, so könnte man fast sagen, er ist ein radikaler Linker. Er geht die weltpolitisch wesentlichen Fragen beherzt an. Andere kirchenpolitische Fragen, die vor allem bei uns in Europa interessieren, klammert er erst einmal aus: Frauenpriestertum, Zölibat oder ein klares Bekenntnis zur Ökumene.

Und doch muss man festhalten: Mit diesem unmissverständlich und sehr unmittelbar verfassten apostolischen Lehrschreiben hat Franziskus Türen aufgestossen. Nun ist es an den Gemeinden, mit einer Diskussion über die Erneuerung der Kirche zu beginnen. Und es ist an den Bischöfen, mit dieser Erneuerung anzufangen. Hinter Rom können sie sich jetzt nicht mehr verstecken.

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