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Gewalt gegen Frauen, warum so viel ausgerechnet in Lateinamerika?
Aus Kontext vom 21.06.2020.
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Frauengewalt in Nicaragua Der Staat als Vergewaltiger

Gewalt an Mädchen und Frauen sind in Nicaragua Teil nationaler Politik. Verändern möchte der Staat die Situation nicht.

«El violador eres tú» – «Der Vergewaltiger bist du», skandieren Millionen von Frauen in ganz Lateinamerika. Sie meinen damit die strukturelle Gewalt: Die Gewalt der patriarchalischen Ordnung, die den Frauen das Recht abspricht, über ihren eigenen Körper zu bestimmen und die auch von den Kirchen gestützt wird. Und sie meinen auch die ganz konkrete Gewalt zu Hause, gegen die niemand etwas unternimmt.

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«Es ist nicht meine Schuld - der Vergewaltiger bist du»
Aus SRF News vom 30.11.2019.
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Nach Erhebungen der panamerikanischen Gesundheitsorganisation werden jedes Jahr etwa 58 Prozent der Kinder in Lateinamerika und der Karibik sexuell und emotional missbraucht. Frauen und Mädchen leben in einer ständigen Risikosituation – einfach nur, weil sie weiblich sind.

Unheilige Allianz zwischen Kirche und Staat

Dass der Staat ein Vergewaltiger ist, stimmt in besonderer Weise für Nicaragua. 2006 hatte die Ortega-Murillo-Regierung eine unheilige Allianz mit den Kirchen und den konservativen Parteien geschmiedet, um ihre Wiederwahl zu begünstigen.

Als eine Art Wahlversprechen verbot sie den Schwangerschaftsabbruch – auch nach einer Vergewaltigung und selbst dann, wenn Leib und Leben der meist viel zu jungen Mütter in Gefahr ist.

In Nicaragua werden jeden Tag fünf Mädchen unter 14 Jahren dazu gezwungen, ihr Kind auszutragen. Damit steht das Land neben Guatemala, Honduras, Panama und Ecuador an der Spitze mit Geburtenraten von minderjährigen Müttern. Feministischen Organisationen gehen von einer Dunkelziffer von mindestens 10'000 Vergewaltigungsopfern pro Jahr aus.

Arm und abgeschieden

Bei der Volksgruppe der Miskito an der Karibikküste verdreifacht sich die Situation der Geschlechtergewalt. Schuld sei ihre Abgeschiedenheit, ihre ethnische Zugehörigkeit und natürlich die Armut, sagt Shira Miguel Downs. Sie leitet seit 20 Jahren das Frauenhaus von Puerto Cabezas.

Eine Frau an einem Tisch
Legende: Shira Miguel Downs bei einer Versammlung im Frauenhaus. Ulrike Prinz

Hier, in der Hauptstadt der «Autonomen Region nördliche Karibikküste» suchen im Durchschnitt täglich 15 Frauen, Mädchen und Jugendliche Hilfe. Shira und ihr Team arbeiten hart daran, diesen Frauen und Mädchen Alternativen anzubieten, unter anderem mit Mikrokrediten.

Doch «ihre finanzielle Situation zwingt die Frauen dazu, die Missbrauchssituation zu tolerieren – oder zu ihren Schändern zurückzukehren», so Shira.

Die Frauen müssen sich unterordnen, um Konflikte zu vermeiden. «Dass der Ehemann das Oberhaupt der Familie ist, wird durch die Kirche bekräftigt», sagt Shira. Diese Unterordnung betrifft auch das Thema Verhütung. So verhüten manche Frauen heimlich mit einer Hormonspritze, die drei Monate lang hält. Doch für die meisten ist der Weg zum Arzt in die Stadt zu weit.

Staat ist nicht an Veränderung interessiert

Die Situation der Mädchen verkompliziert sich in den Comunidades der Miskito, den abgelegenen Orten, die mit ihrem karibischen Flair ein Paradies vorgaukeln. Hier sind die traditionellen Richter, die Wihtas, verantwortlich für Gerechtigkeit.

Sechs Menschen in einem Raum
Legende: Wihtas, traditionelle Richter der Konfliktviertel von Puerto Cabezas, werden nun zur Rechtslage und Geschlechtergewalt fortgebildet. Ulrike Prinz

Doch bestraft das Gewohnheitsrecht weniger die Gewalttäter, sondern ist eher darum bemüht, die harmonischen Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft wieder herzustellen. So muss der Vergewaltiger zwar für sein Vergehen zahlen, doch hilft das weder gegen den physischen noch gegen den emotionalen Schmerz der Mädchen. Oft werden sie gezwungen, ihren Peiniger zu heiraten.

Der Staat zeigt an einer Veränderung dieser Situation kein Interesse. Gewalt und Unterordnung von Mädchen und Frauen sind in Nicaragua Teil nationaler Politik. Wen wundert das in einem Land, in dem der Präsident selbst von seiner Stieftochter bezichtigt wird, sie jahrelang missbraucht zu haben.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 22.06.2020, 9:06 Uhr

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Widmer  (pinkpoet)
    Wahrlich eine menschlich katastrophale und tragische Entwicklung, die Nicaragua seit 1990 genommen hat. Das hat absolut gar nichts mit links, sozialistisch oder marxistisch zu tun. Es ist einfach eine der übelsten Missbrauchsgeschichten von politischer Macht.
    Ich hatte in den 80er Jahren das Aufblühen dieses Staates mitverfolgt - bin einfach nur erschüttert.
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  • Kommentar von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
    Ist es event so, dass in Nicaragua die natuerliche Ordnung noch spielt.... also die Frau sei dem Manne untertan, die Frau (Spare-rib?) ist aus der Rippe des Mannes gemacht worden.. etcetcetc.. Ja wenn man an Gott und die Bibel glaubt sollte man auch die Konsequenzen tragen.... oder dann das an und fuer sich nicht schlechte Regelwerk Namens Bibel in eine moderne Form bringen...
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    1. Antwort von Fabian Malovini  (malovini.ch)
      @ nanni: die bibel ist ein sehr schlechtes regelwerk (es befürwortet völkermord, sklaverei, vergewaltigung etc.). Sie sollten das buch mal lesen.
      und abgesehen davon, dass es für die biblische rippen-geschichte keine beweise gibt, sagt die bibel an anderer stelle „gott schuf den menschen als sein abbild [...] als mann und frau schuf er sie“ (gen 1, 27) - tönt für mich gleichwertig.
  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Dank der katholischen Kirche
    welche im
    Mittelalter stehen geblieben ist kann sich diese Schande weiterhin halten
    Wann endlich wird dieser Zwang für die Menschheit aufhören? Aber gegenwärtig ist sogar der Papst, der das ganze Modell Klerus menschlicher gestalten möchte mit dem
    leben bedroht
    Dieses System ist über alle Stufen zum
    Erhält der Macht vernetzt. Der Kommunismus hatte Das System sehr gut studiert und kopiert
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