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«Nicht mehr schweigen»: Queere Christen erzählen ihre Geschichte
Aus Kultur-Aktualität vom 08.03.2019.
abspielen. Laufzeit 03:59 Minuten.
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Fromm und schwul «Sogenannte Therapien für Homosexuelle sind bis heute Alltag»

Fromm, Freikirchler – und insgeheim schwul: So lebte Timo Platte lange. Nun hat er für ein Buch die Geschichten von schwulen, lesbischen und transsexuellen Christen gesammelt.

Im Gespräch erzählt Timo Platte, weshalb er selbst lange schwieg – und weshalb das viele queere Gläubige bis heute tun.

SRF: Sie kommen aus einer streng evangelikalen, freikirchlichen Familie. Wie war es für Sie, als Sie merkten, dass Sie Männer lieben?

Timo Platte: Als Jugendlicher hatte ich meine erste homosexuelle Begegnung in unserer christlichen Gemeinde. Jahre später habe ich mitbekommen, dass dieser junge Mann wegen seiner Homosexualität ausgeschlossen worden war.

Als ich dies erfuhr, wusste ich: Ich werde niemals über meine Homosexualität reden. Ich werde das ganz tief in mir vergraben.

Ich wusste: Ich werde niemals über meine Homosexualität reden.

Ich habe das Geheimnis viele Jahre mit mir herumgetragen. Ich hatte immer Angst, das könnte irgendwann rauskommen. Panik, dass mein Leben mir dann um die Ohren fliegt.

Ein Mann mit Brille und Hemd sitzt an einem Tisch mit einem Kugelschreiber in der Hand.
Legende: In seinem Buch gibt Timo Platte schwulen, lesbischen und transsexuellen Christen eine Stimme. Timo Platte

Wer hat Ihnen beim Coming-out geholfen?

Ein Pfarrer der Landeskirche, dem ich meine Geschichte anvertraute. Er sagte mir: «Timo, es ist okay, lass es zu.» Auf solche Worte hatte ich immer gewartet – aber nie gedacht, dass ich sie hören werde.

Als der evangelische Pastor mir sagte, es sei okay: Das hat mir sehr geholfen.

Ich war damals kirchlich engagiert, hatte meine Arbeit, meine Familie in diesem frommen Umfeld. Ich kannte keine Leute ausserhalb dieser Gemeinschaft. Daher war für mich Homosexualität ein Tabuthema.

Als der evangelische Pastor mir sagte, es sei okay, und mich fragte, wie es nun weitergehen soll: Das hat mir sehr geholfen. Irgendwann ging es auch nicht mehr anders.

In Ihrem Buch haben Sie Geschichten von schwulen, lesbischen und transsexuellen Christen gesammelt. Ähneln die Ihrer Geschichte?

Im Grundtenor schon. Aber natürlich variieren die Erlebnisse im Einzelfall. Es sind sehr unterschiedliche Männer und Frauen, die erzählen – von jung bis alt. Eine Frau zum Beispiel, die schon Enkelkinder hat und sich erst mit 60 geoutet hat.

Das Buchprojekt

Oder ein junger Mann, der das «Christival» besuchte, ein grosses Festival in Deutschland für Freikirchen und kirchliche Gemeinschaften. Da ist das Thema in einem Seminar diskutiert worden – und er sass dazwischen und wusste nicht, wo er steht.

Ein Pfarrer hatte Selbstmordgedanken, weil er nicht mehr glauben konnte, was er predigte. Einige Berichte erzählen auch explizit von Therapien, das habe ich selbst nicht hinter mir.

Um solche Therapien geht es auch im US-Film «Boy Erased», der aktuell im Kino läuft. Darin schickt eine freikirchliche Familie ihren homosexuellen Sohn in eine Art Umerziehungscamp. Gibt es so etwas auch bei uns?

Ich habe mit Leuten gesprochen, die hier in Deutschland oder in der Schweiz in solchen Einrichtungen waren. Das ist bis heute Alltag. Sie werden vielleicht nicht «Camp» genannt, sondern «Therapie-Einrichtung». Aber eigentlich geht es um das Gleiche.

Das Problem an diesen Therapien ist, dass sie suggerieren, es gebe Heilung.

Im Film wird dargestellt, dass der Protagonist sich «freiwillig» da anmeldet. Aber freiwillig gilt nur in Anführungszeichen: Denn wenn dein Vater dir droht, sonst die Familie zu verlassen, dann ist das keine freiwillige Entscheidung.

Dann bleibt einem als junger Mensch als einzige Möglichkeit, zu sagen: Ich muss heterosexuell werden.

Wie konkret wird in solchen Einrichtungen vorgegangen – will man den Leuten die Homosexualität in Gesprächen ausreden?

Ja, in Gesprächen miteinander. Das Problem an diesen Therapien ist, dass sie suggerieren, es gebe Heilung. Homosexualität sei eine Fehlfunktion – so wird es dargestellt.

Sie sind heute ein bekennender Homosexueller und ein bekennender Christ. Wo leben Sie Ihr Christsein?

Es gibt einen kleinen Kreis von unterstützenden Gemeinden. Für mich war die Hauptbaustelle nicht, mir eine neue Gemeinde zu suchen. Ich habe aber Menschen gefunden, die mich so annehmen, wie ich bin.

Meine Verbindung nach oben, zu Gott, ist geblieben. Das ist für mich letztendlich mein Christsein – und das kann mir auch keiner nehmen.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

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