Veganer Hardcore Punk Fuck the System – aber ohne Drogen, Alkohol und One-Night-Stands

Kein Alkohol. Keine Drogen. Keine One-Night-Stands. Das Credo der Straight-Edge-Bewegung klingt spiessig, ist aber Punk. Mattias Winiger lebte sieben Jahre als enthaltsamer «Edger». Im Gespräch verrät er, wieso Veganismus dazugehört und wie es um die Schweizer Szene steht.

Mattias Winiger Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mattias Winiger: «Straight Edge ist ein Teil von mir, obwohl ich heute gerne mal ein Glas Wein trinke.» Roots

«I’ve got the straight edge», brüllte Ian MacKaye 1981 ins Mikrofon. Das war die Geburtsstunde der Straight-Edge-Bewegung in den USA. Die Hardcore-Punk-Band Minor Threat sorgte mit ihrem Song «Straight Edge» für Furore in der Punkszene.

Drei einfache Regeln

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Zur Person

Mattias Winiger war während sieben Jahren Vegan Straight Edger. Hardcore Punk und Veganismus gehören nach wie vor zu ihm – privat wie beruflich. Als Stellvertretender Geschäftsführer des Take-Away-Restaurants roots macht er den Zürchern veganes und gesundes Essen schmackhaft.

MacKaye propagiert den bewussten Verzicht. Verzicht auf Alkohol, Drogen und sexuelle Freizügigkeit: «Don’t drink, don’t smoke, don’t fuck».

Drei einfache Regeln, die die fucked-up-Mentalität der alteingesessenen Punks infrage stellten. Die jungen Punker waren begeistert.

Mit schwarzem «X» durchs Leben

Was nach Langeweile klingt, ist pure Rebellion. Gegen den Staat, gegen die konsumgeile Gesellschaft, gegen den Durchschnitt. Durch ihren Verzicht zahlen Straight Edger weder Tabak- noch Alkoholsteuern. Und sie schützen ihren Körper – vor sexuell übertragbaren Krankheiten, vor dem Filmriss.

Straight Edge ist eine Lebenseinstellung, die mit einem schwarzen «X» gekennzeichnet wird. Das Symbol wird klassischerweise auf den Handrücken tätowiert. Auch Mattias Winiger trägt es.

SRF: Herr Winiger, was bedeutet für Sie Straight Edge?

Mattias Winiger: Straight Edge bedeutet für mich, Respekt vor sich und dem Leben zu haben. Seinen eigenen Körper zu respektieren sowie alle anderen Menschen auch. Im Grunde ist Straight Edge ein Bekenntnis: «If you’re not now, you never were.» Du bist es oder du bist es nie gewesen.

Wie kamen Sie zur Straight Edge-Bewegung?

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Straight Edge in Kürze

Straight Edge in Kürze

Minor Threat, Washington 1981 Flickr/Malco23

  • Don't drink/smoke: Verzicht auf Alkohol und Drogen.
  • Don't fuck: Verzicht auf wechselnde Sexualpartner. Grund: Respekt, Schutz.
  • Vegan Straight Edge: Zusätzlicher Verzicht auf Tierprodukte.
  • Ian MacKaye, der Leadsänger von Minor Threat, gilt als Gründer der Straight Edge Bewegung.

Ich wurde mit 19 Jahren Straight Edger. Damals hatte ich mein Leben nicht im Griff. Ich habe zu viel gekifft. Das wollte ich nicht mehr.

Getrunken habe ich nur selten, deshalb dachte ich mir, ich kann auch gleich mit allem aufhören. Ich kannte bereits Leute aus der Szene und wusste: Ich brauche diese Veränderung und ziehe es auch durch. Das habe ich auch getan, sieben Jahre lang.

Warum sind Sie ausgestiegen?

Menschen verändern sich. Ich habe damals neue Leute kennengelernt, verkehrte in anderen Kreisen. Dann lernte ich eine Frau kennen, die meinen Verzicht auf Alkohol nicht verstand.

Heute denke ich, wenn sie nicht gewesen wäre, hätte ich einen anderen Grund gefunden, um auszusteigen. Und ganz ehrlich: Zürich ist nicht der beste Ort, um Straight Edge zu sein. (lacht)

Wie stehen Veganismus und Straight Edge zueinander?

Eigentlich hat das eine nichts mit dem anderen zu tun. Es gibt trotzdem viele Edger, die sich vegan oder vegetarisch ernähren.

Ich persönlich finde, dass man als Edger zumindest Vegetarier sein sollte. Das sagt auch Ian MacKaye, der Gründer von Straight Edge: Es geht um Respekt vor dem Leben. Er selbst ist auch Vegetarier. Musikalisch ist der Veganismus mit der Band Youth of Today in den Hardcore gekommen.

Wie gross ist die Straight-Edge-Szene heute?

Die Szene in der Schweiz ist geschrumpft. Im Vergleich zum Anfang der 2000er-Jahre läuft heute fast nichts mehr. Früher fuhren wir jedes Wochenende an Konzerte in der ganzen Schweiz. Heute trifft sich die Szene vor allem im Zürcher Werk 21.

Wer ist Straight Edge?

Jeder kann Straight Edge werden. Und auch jeder kann an Hardcore-Punk-Konzerte kommen. Ich denke aber, dass sich viele Straight Edger in keiner anderen Szene sehen könnten. Sie passen sonst nirgends rein. Sie haben ihre Freunde in der Szene, nicht in der Schule oder bei der Arbeit. Ein Straight Edger ist ein punkender Punk. Er fühlt sich wirklich anders. Sein Verzicht ist eine Rebellion gegen den Staat.

Was hat es mit dem «don’t fuck» auf sich?

(lacht) … at least you can fucking think. Dieses «don’t fuck» wird ganz individuell interpretiert. Wie immer bei Straight Edge geht es auch hier um Respekt gegenüber seinen Mitmenschen. Ian MacKaye meinte damit nie, du darfst keinen Sex haben.

Tragen Sie auch ein schwarzes «X»?

Nur ein kleines, auf der Wade. Damit kann ich leben. Schliesslich war ich sieben Jahre Edger.

Das Gespräch führte: Sônia Kewan.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, 100 Sekunden Wissen, 25.11.2016, 6.20 Uhr

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