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Legende: Audio Gary Shteyngart: «Wir gehen rückwärts. Und zwar schnell.» abspielen. Laufzeit 12:25 Minuten.
Aus Kontext vom 26.08.2019.
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Gary Shteyngart «Eine Wiederwahl Trumps überleben die USA nicht»

Der russischstämmige US-Autor Gary Shteyngart nimmt kein Blatt vor den Mund – vor allem, wenn es um den US-Präsidenten geht. Ein Gespräch über Shteyngarts neues Buch, Trumps Kommunikation und den Untergang der USA.

Gary Shteyngart

Gary Shteyngart

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Gary Steyngart, 1972 in Leningrad geboren, emigrierte mit seinen Eltern im Alter von sieben Jahren in die USA. Heute lebt er in New York. Er ist als Kulturjournalist – unter anderem für den «New Yorker» und die «New York Times» – und als Buchautor tätig.

SRF: Was hat sich in den USA verändert, seit Trump Präsident ist?

Gary Shteyngart: Der Umgangston, das Niveau des Anstands. Rechtsextremismus ist Teil unseres Alltags geworden. Menschen werden wegen ihrer Hautfarbe oder Religion umgebracht.

Wir gehen rückwärts und zwar schnell. Dieses Land wird keine weiteren vier Jahre überleben, wenn Trump wiedergewählt wird.

Sie schreiben in Ihrem Roman «Willkommen in Lake Success», dass das Land im Krieg gegen sich selber steckt. Wie meinen Sie das?

Im Amerika herrscht die Überzeugung, dass jede Generation ein besseres Leben führt als die vorherige. Ich glaube, den Menschen ist nicht bewusst, was es für unser Land bedeutet, wenn das nicht mehr zutrifft.

Die USA und Russland haben mehr gemeinsam, als man sich eingestehen will.

Während Jahrhunderten haben wir uns weiterentwickelt, waren technologisch und militärisch weltweit führend. Jeder Generation ging es besser als ihren Eltern. Das ist der amerikanische Mythos – diese Einzigartigkeit.

Ohne diese Einzigartigkeit gibt es kein Amerika. Sie wird aber nicht weiterbestehen. Viele werden ihre Zugehörigkeit zur Mittelschicht verlieren. Es wird mehr ärmere Leute geben.

Der Roman «Willkommen in Lake Success»

Shteyngart ist eigentlich bekannt als satirischer Autor. Er findet es aber schwierig, Satire zu schreiben, seit Donald Trump an der Macht ist. Die Realität überbiete alles, was man erfinden könne, sagt er. Er sieht seine Hauptaufgabe vor allem darin, die Realität abzubilden.

In «Willkommen in Lake Success» schafft Shteyngart eine trump-ähnliche Hauptfigur: Barry, einen New Yorker Hedge-Fonds-Manager, der sich selbst als grossen Menschenfreund sieht, aber eigentlich ein grosser Narzisst ist. Auf einem Roadtrip in einem Greyhound-Bus quer durch die USA lernt Barry das «wirkliche» Amerika kennen. Leider lernt es überhaupt nichts dabei.

Genau das macht «Willkommen in Lake Success» so lesenswert: Shteyngart zeigt die soziale Ungleichheit in den USA anschaulich und differenziert – ebenso die Uneinsichtigkeit und den Egoismus eines Teils der amerikanischen Oberschicht.

Jedes Reich kommt einmal zu einem Ende. Ich bin in der Sowjetunion aufgewachsen. Wenn solche Giganten ins Straucheln kommen, gibt es Opfer.

Im Fall der Sowjetunion war es die Ukraine, in den USA sind es die Einwanderer, die Kinder, die an der Grenze von ihren Eltern getrennt werden. Die USA und Russland haben mehr gemeinsam, als man sich eingestehen will.

Glauben Sie, dass Amerika am Ende ist?

Es wird eine Weile dauern. Das Land wird versuchen, eine neue Identität zu finden. Aber wir überlassen der nächsten Generation so viele Probleme. Wie schon die Generation vorher, die sogenannten «Babyboomers».

In den sozialen Medien taucht er ständig auf. Ich mache dafür die Technologie verantwortlich.

Es ist erstaunlich, wie wenig es Trumps Wähler kümmert, was sie ihren Urgrosskindern überlassen. Ich verstehe nicht, wie man gegenüber zukünftigen Generationen so rücksichtslos sein kann. Der Narzissmus scheint da über allem zu stehen.

Sie haben einmal gesagt, dass Trump in fast jeder Konversation omnipräsent sei. Wie erklären Sie sich das?

Diktatoren – und Trump will einer sein – befassen sich ständig damit, wie sie sich in jedes Gespräch drängen können. Früher stellte man irgendwo an einen prominenten Platz in der Stadt oder an einer Schule ein grosses Porträt auf – heute läuft es ganz anders.

Gary Shteyngart hebt seine Brille.
Legende: Düstere Aussichten: Gary Shteyngart fürchtet sich vor der Wiederwahl Trumps. Imago / Leemage

Seit es Smartphones gibt, ist Trump omnipräsent. In den sozialen Medien taucht er ständig auf. Ich mache dafür die Technologie verantwortlich. Wieso gab es nie Sicherheitsmassnahmen? Man sah immer nur den Profit.

Die Zuckerbergs sind für diese desolate Situation genauso verantwortlich wie Trump. Man profitiert davon, dass sich viele Menschen nicht mehr differenziert informieren. Es ist eine globale Tragödie, die für viele Generationen Folgen haben wird. Besonders im Umgang mit Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Religion.

Ein Grund dafür ist sicher auch, dass es so einfach ist, in den sozialen Medien seine Meinung zu äussern kann.

Jeder ist plötzlich ein Experte. Wenn man ein Smartphone hat, fühlt man sich als Fotograf. Wenn man einen Blog hat, fühlt man sich als Schriftsteller.

Daraus kann natürlich auch viel Kreatives entstehen – ich will das nicht schlechtmachen. Aber wenn jede Information gleich viel Wert hat wie eine x-beliebige andere, ist plötzlich alles gleich – dann gibt keine Wahrheit mehr.

Das Gespräch führte Britta Spichiger.

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Legende:Getty Images / Bildmontage

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46 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    Der gute Herr unterschätzt die Trägheit so einer Nation gehörig. Es ist zwar richtig, was die Beobachtung angeht, aber ob es nun bei der Wiederwahl zu Ende ist oder noch 4 Jahre weiter dauert, spielt für die historische Dimension der USA keine allzu wichtige Rolle. Persönlich traue ich es den Leuten in den USA nicht zu, diesen Typen abzuwählen. Ich sehe nicht wie er sich diese fast sichere Wahl noch vermasseln kann.
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  • Kommentar von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
    Ja wen interessiert die USA denn wirklich??? Was mehr interessiert sind die gefaehrlichen fuehrenden Wichtigkeiten ... fuer den Weltfrieden und das Weltklima in jeder Beziehung...
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  • Kommentar von Jürg Brauchli  (Rondra)
    Das ist eine ganz persönliche Meinung eines Einzelnen. Und zu einer ausgewogenen, seriösen Berichterstattung würde eigentlich eine Gegenmeinung mit Argumenten gehören. Es sei denn, dass man einer Zwangsgebühren finanzierten Institution einseitige parteiische Information zugesteht. Unter Trump haben die USA jedenfalls bis jetzt ganz gut ùberlebt. Das ist meine neutrale Meinung, auch wenn ich ihn persönlich nicht mag. Und daher, wieso soll die USA ihn nicht weitere 4 Jahre "überleben"?
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    1. Antwort von Lothar Drack  (samSok)
      @Rondra, also Sie lesen seine ‚persönliche Meinung‘ und äussern dazu Ihre ‚neutrale Meinung‘? Wie Sie meinen, nur:
      Warum heulen alle Rechtsschreiber und Rechtsschreiberinnen hier in der Schweiz so gequält auf, wenn hier in der Kommentarspalte einer kritisiert wird, der sich halt richtig rechtsaussen profiliert hat, aber doch bitte sehr nur ein Ausländer ist? Was haben diese Rechtsheulenden denn davon, wenn anderswo son richtiger Rechtsaussensack Präsident oder sonstwie Staatsoberhaupt ist?
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    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Solche Schreiber wollen, das rechtsnationales Gedankengut als "normales" Gedankengut wahrgenommen wird. Darum verteidigen sie ihre Idole durch dick und dünn.
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    3. Antwort von Jürg Brauchli  (Rondra)
      @Drack: Irgendwie verstehe ich nicht, worauf Sie überhaupt hinaus wollen. Aber eigentlich egal und unwichtig. Aber ob ich mit "Linksaussensack" an SRF vorbeigekommen wäre, bezweifle ich sehr. Das zum Thema gleiche Ellen bei SRF.
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    4. Antwort von Lothar Drack  (samSok)
      Wie eben in Kommentar zum Artikel „Was heute fehlt, sind pointierte Gegenstimmen“ geschrieben, auch Ihnen Herr Brauchli zur Beruhigung und zum Thema gleiche Ellen bei SRF: Von mir wird jeder (gefühlt) zweite Kommentar wird nicht freigeschalten.
      Und:
      Wenn jemand einen Trump kritisiert (also einen Amerikaner), einen Salvini (Italiener), einen Orban (Ungare), einen Johnson (Brite) , einen Strache (Österreicher) etc. kritisiert, wieso heult da ein Rechter CH Patriot auf? Ist ja nur ein Ausländer
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    5. Antwort von Roger Gasser  (allesrotscher)
      weil "überleben" auch für Amerikaner einfach zu wenig ist.
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