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«Überwachen und Strafen» in Port Arthur
Aus Passage vom 23.09.2021.
abspielen. Laufzeit 51:54 Minuten.
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Gefängnis von Port Arthur Eingesperrt am Ende der Welt

Im 19. Jahrhundert entstand auf Tasmanien die berüchtigste Sträflingsanstalt des British Empire. Dort wurden Menschen in Isolationshaft zum Wahnsinn getrieben. Mittlerweile gehört das heutige Freilichtmuseum zum UNESCO-Welterbe.

Port Arthur im Südosten Tasmaniens: Von 1830 bis 1877 befand sich hier das grösste Gefängnis des British Empire ausserhalb des Mutterlandes. Zugleich galt Port Arthur als die sicherste Sträflingsstätte Australiens. Heute ist der einst gefürchtete Ort ein Freilichtmuseum.

Die weitläufige Gefängnisanlage zieht sich über ein hügeliges Gelände und wird von einer Meeresbucht begrenzt. Zypressen stehen Wache vor den Ruinen, Schwarzdrosseln zwitschern. Die britischen Kolonialisten hatten sie aus ihrer Heimat mitgebracht. Wie die Pflanzen für den Rosengarten des Kommandeurs.

Reise ohne Rückkehr

Doch der Ort war alles andere als eine Idylle. Mit Schrecken dachten die Sträflinge an jenes Fleckchen Erde, das für sie eine Reise ohne Rückfahrschein bedeutete.

Insgesamt wurden 163'000 Strafgefangene nach Australien deportiert. Davon 73'000 allein nach Tasmanien, sagt Museumsführerin Liz La Trope: «Nach Port Arthur kamen auch die Sträflinge mit den höchsten Sicherheitsstufen.»

Legende: Die Ruinen des Gefängnisses: Was heute fast idyllisch aussieht, war einst ein Ort des Schreckens. Michael Marek

Das Hauptgebäude, ein vierstöckiger Zellenblock, war das Herz von Port Arthur – ein gelbliches, lang gezogenes Bauwerk. Wo einst die Deportierten eingesperrt waren, stehen nur noch die mittlerweile renovierten Aussenmauern. Sie erinnern wie ein steinernes Skelett an die «Doing Time» – die Zeit, die ein Häftling im Gefängnis sass.

Kinder hinter Gittern

Die meisten Strafgefangenen waren junge Arbeiter zwischen 19 und 25 Jahren, die zum Aufbau der Kolonie gebraucht wurden. Sogar Kinder wurden hier verwahrt: Der jüngste Häftling war neuneinhalb Jahre alt. Auch deshalb gehört das Gefängnis zum UNESCO-Welterbe: Port Arthur hatte eines der ersten Jugendgefängnisse des British Empire.

Welches Interesse hatte England an einem Ort, der 16'000 Kilometer von Europa entfernt liegt, aber nur 2700 Kilometer von der Antarktis? Liz La Trope vergegenwärtigt die Situation in England Anfang des 19. Jahrhunderts: Die industrielle Revolution forderte ihren Tribut. Die soziale Verelendung breiter Bevölkerungsschichten führte zu mehr Kriminalität. Schon für ein gestohlenes Brot wurde man nach Tasmanien verbannt. Die Wälder waren abgeholzt, um die Dampfmaschinen zu beheizen.

Doch wo Holz hernehmen, wenn es im eigenen Land keines mehr gab? Wie verlockend war die Idee, so La Trope, «Tasmaniens üppigen Baumbestand zu roden, um Englands Bedarf zu decken.» Überdies liessen sich straffällig gewordene junge Männer als billige Arbeiter in die ferne Kolonie verbannen, und auch politisch Andersdenkende wurden nach Tasmanien deportiert – vor allem aus Irland.

Legende: Hierhin deportierte das British Empire Straftäter und politisch Andersdenkende. Michael Marek

1848 wurde die Isolationshaft eingeführt: Statt die Gefangenen bei Vergehen oder Fluchtversuchen auszupeitschen, unterwarf man sie von nun ab der «stillen Strafe»: Man ging davon aus, dass körperliche Züchtigung die Häftlinge nur stärker mache, psychische sie dagegen schwäche.

Sprechen verboten!

Zur Isolationshaft gehörte, dass die Häftlinge in winzige Einzelzellen gesperrt wurden. Sie hatten keinerlei Kontakt untereinander und durften nur für eine Stunde am Tag mit Kapuzen bedeckt aus ihren Zellen ohne Fenster.

Aber noch wichtiger war: Sie durften nicht sprechen, zu jeder Tages- und Nachtzeit sollte absolute Stille herrschen. «Viele wurden in den Wahnsinn getrieben», so La Trope. Hinter den meterdicken Mauern konnte niemand die Schreie der Sträflinge hören.

Auch Port Arthur sei ein Monument für «die Geburt des Gefängnisses», schreibt der französische Philosoph und Diskurstheoretiker Michel Foucault: Bis zum 18. Jahrhundert wurden die Körper der Delinquenten mittels Martern grausam zugerichtet und bis zum langsamen Tod hin gequält.

Auf eine kalte Art modern

Mit dem Zeitalter der Aufklärung veränderte sich dies. Der Mensch wurde allmählich als Wesen mit einer Seele wahrgenommen und ihm die Fähigkeit zum Lernen zuerkannt.

Die Strafe zielte jetzt auf die Zukunft ab, und ihre Hauptfunktion diente der Vorbeugung. Diese Art zu Strafen war in Port Arthur auf eine kalte Art und Weise modern: Isolationshaft in winzigen Zellen, ohne Licht und ohne Hörkontakt zur Aussenwelt.  

Port Arthur zeigt, was Foucault herausgearbeitet hat: Wie vereinbar die schrecklichsten Formen des Überwachens und Strafens sind mit den höchsten Zielen und Werten der Aufklärung.

Radio SRF 2 Kultur, Passage, 24.09.2021, 20:00 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Thirza Schneider  (thikoyales)
    Genau über dieses Thema geht ein wunderbarer Roman (leider nur auf Englisch) von Christina Baker Kline: „The Exiles“. In dem Buch erfährt man auch über die vielen Frauen, die aus Hunger und Armut ums Überleben stahlen oder unehelich schwanger wurden, und dann nach Tasmanien geschickt wurden, da die Gefangenen ja auch Frauen brauchten. Ein schrecklicher Teil von Englands Geschichte, wie auch der Umgang mit den Aborigines!
  • Kommentar von Beat von Känel  (sgritheall)
    Es entspricht dem Zeitgeist - und ganz besonders demjenigen von srf - dass das Leiden der Täter im Vordergrund steht, nicht ihre Tat. In der Sendung vom Sonntag wurde wörtlich behauptet, England hätte hierin seine "unerwünschten" Elemente entsorgt. Dass es sich grösstenteils um Mörder, Vergewaltiger, Räuber handelte - geschenkt.
    1. Antwort von Laura Brunner  (laurabrunner)
      Einen Laib Brot zu stehlen, wenn man nichts zu beissen hat ist bei ihnen ein Schwerverbrechen, wow.
    2. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Und um Brotdiebe....
    3. Antwort von Klaus Schüpbach  (Echolot)
      Etwas gar schlicht sehen Sie das, Herr von Känel.
      Ein vernünftiges Verhältnis von Schuld zu Sühne darf m.E nicht dem Zeitgeist unterliegen. Wir haben unterdessen auch Erkenntnisse in Psychologie und Neurologie, die früher fehlten und zu einer angemessenen Reaktion der Gesellschaft auf Fehlverhalten führen sollten.
      Was schlagen Sie denn vor, wenn z.B.lhr Sohn im Supermarkt eine Schoggi klauen würde? Hand abhacken?