Geklaute Bauten: Wie China westliche Städte klont

Englische Tudorhäuser, ein nachgebauter Eiffelturm, italienische Villen: In China boomt die «Fake-Architektur». Vor allem in der Mittelschicht gilt es als schick, in einer pseudo-europäischen Anlage zu wohnen. Dabei hat die Kopie in der chinesischen Architekturgeschichte Tradition.

Ein Innenhof in italienischem Ambiente, in der Mitte plätschert ein Springbrunnen, aus Lautsprechern säuselt Musik. Das «Florentia Village» in der Nähe von Peking ist ein grosses Designer-Outlet. Doch längst nicht alle Besucher kommen zum Geldausgeben hierher. Einige wollen einfach nur die schöne Umgebung geniessen: «Ich finde es sehr schön hier, mir gefällt der Baustil, die Strassen sind sauber und gepflegt. Ich bin mit einer Freundin hier, wir wollen nur etwas spazieren gehen», sagen zwei junge Frauen.

Französische Landhäuser, englische Pubs

Das Florentia Village ist nicht etwa nur ein Einkaufszentrum. Es ist ein Stück Italien – zumindest so, wie sich Chinesen Italien vorstellen. Rot gepflasterte Strassen, die Geschäfte in nachgebauten Stadtvillen mit grünen Fensterläden. Kopien von Michelangelos David und des römischen Kolosseums. Viele Europäer würden angesichts des Kitsches eher die Nase rümpfen, die meisten Chinesen geraten hingegen ins Schwärmen: «Wir sind extra aus Peking gekommen, bei uns gibt es so etwas leider nicht. Ich finde es toll hier», erzählen die jungen Frauen begeistert.

«Fake-Architektur» wie im Florentia Village boomt in ganz China – und längst nicht nur in Einkaufszentren. Französische Landhäuser, italienische Villen: Im ganzen Land werden westlich inspirierte Wohnanlagen hochgezogen. Und das nicht nur als Ausflugsziele, sondern wirklich, um darin zu wohnen. Das «Thames Town» bei Shanghai etwa wurde gleich für Hunderttausende gebaut, inklusive Pub und Coffee-Shop.

Der Westen als Symbol des Erfolgs

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Buchhinweis

Bianca Bosker: «Original Copies: Architectural Mimicry in Contemporary China.» University of Hawaii Press, 2013.

Die amerikanische Journalistin Bianca Bosker hat soeben ein Buch über Chinas Fake-Architektur geschrieben, auch sie hat «Thames Town» besucht und berichtet: «Es ist sehr seltsam, wenn man da hinfährt, weil man plötzlich das China der Autobahnen und Neonreklamen verlässt und an diesen Ort kommt, der so ur-britisch wirkt. Sogar das Wach-Personal in der Anlage wurde in Kostüme gesteckt, die man der Garde vom Buckingham-Palast abgeschaut hat.»

Das Nachmachen werde dabei nicht als unanständig betrachtet, meint die Buchautorin. Im Gegenteil: Traditionell sei man in China sogar stolz, wenn eine Kopie besonders gut gelungen ist. Vor allem in der jüngst zu Geld gekommenen Mittelschicht sind die westlichen Bauten derzeit im Trend.

Traditionellem chinesischem Design dagegen kehren die Neureichen in der Volksrepublik eher den Rücken, erklärt der Pekinger Architekt Hao Dong: «Viele Chinesen verbinden mit dem Westen positive Werte. Über 100 Jahre lang haben sie sich unterlegen gefühlt, aber jetzt, dank der Wirtschaftsentwicklung, haben sie Geld. Jetzt wollen auch sie so leben wie im Westen, das gibt ihnen das Gefühl, erfolgreich zu sein.»

Die Kopie hat in China Tradition

Auch Kopien des Eiffelturms, der Londoner Tower-Bridge, des Kapitols in Washington und des Weissen Hauses findet man in China. Vor allem Politiker und Parteikader liessen diese Ikonen der westlichen Kultur errichten. Das hat einen Grund: «Im alten China hat man zum Teil die Paläste von eroberten Feinden in der eigenen Hauptstadt nachgebaut», sagt Bianca Bosker. «Man hat also die Architektur benutzt, um symbolisch die eigene Macht über die Rivalen zu demonstrieren. Wenn man das weiss, dann bekommen die Kopien durchaus eine neue Bedeutung.»

Selbst vor noch unfertigen Entwürfen schrecken Chinas Bauherren nicht zurück. Während Peking gerade der Büro- und Einkaufskomplex «Wangjing SOHO» von Star-Architektin Zaha Hadid gebaut wird, wird es in der Stadt Chongqing bereits kopiert. Besonders kurios in diesem Fall: Die Kopie wird wohl schneller fertig sein als das Original.