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Georg Simmel Der Gott der kleinen Dinge

Er gilt als Gründungsvater der modernen Soziologie. Georg Simmel nahm die Grossstadt in den Blick – und entdeckte das Geld als Baustoff der Moderne. Vor 100 Jahren ist er gestorben.

Schwarzweissfotto eines Mannes mit Vollbarrt, Stirnglatze und Nickelbrille.
Legende: Ein Popstar seiner Zeit: der Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858-1918). Wikimedia Commons

Er war wohl der produktivste, am meisten gedruckte und gelesene Soziologe seiner Zeit. Georg Simmel war zu Lebzeiten eine schillernde Figur, ein Popstar der noch jungen Soziologe. Er wurde beargwöhnt von seinen Kollegen und umschwärmt von seinen Gasthörerinnen. Unkonventionell war sein Ansatz, den Blick auf die scheinbar kleinen Dinge des Lebens zu werfen.

Liebe, Kaufhäuser und Mode

Die Art und Weise, wie Simmel Lebensfragen und den Zeitgeist aufgriff, schienen einen Nerv getroffen zu haben. Er entwarf kein kompaktes Panorama, das politische, wirtschaftliche und soziale Fragen aufgreift. Sein Ansatz war der einer Mikrosoziologie, die sich auf konkrete Dinge des Lebens bezieht – etwa Liebe, Kaufhäuser oder Mode.

Georg Simmel hatte dafür exemplarisch die Grossstadt und den grossstädtischen Bewohner im Visier. Hier verortet er das flüchtige, stets alles berechnende Wesen der frühen Moderne, das sich im vor allem im Gebrauch von Geld ausdrückt.

Geld versachlicht

Für Simmel stand fest: Soziale Beziehungen werden in der modernen Geldwirtschaft versachlicht und persönlicher Noten beraubt. Wir sind niemandem mehr moralisch verpflichtet.

Wir sind frei, denn wir zahlen unsere Zeche mit barer Münze, nicht mehr mit Frondiensten. Mit der Übergabe von Ware und Geld entfallen moralische, soziale und herrschaftliche Verpflichtungen, so seine These.

Die moderne Geldgesellschaft ist eine nüchterne Tauschgesellschaft, in der so gegensätzliche Dinge wie Braten und Kunst oder Liebe und Regenschirme nahezu gleichrangig laufen. Begleitet wird das von negativen Effekten wie Neid, Gier und sozialer Gleichgültigkeit.

Geld gleicht alles auf den Tauschwert an

Simmels 1900 veröffentlichtes Hauptwerk, die «Philosophie des Geldes», hat diesen sozialen Wandel im Blick. Darin untersucht er nicht das Wesen technischer Geldwirtschaft, sondern dringt vor in die irrationale Wirkungsmacht des Geldes.

Buchhinweise

Georg Simmel: Philosophie des Geldes, Suhrkamp Verlag. In: Gesamtausgabe in 24 Bänden. Suhrkamp-Verlag.

Hans-Peter Müller, Tilman Reitz,(Hg.) Simmel-Handbuch. Begriffe, Hauptwerke, Aktualität. Suhrkamp Verlag.

Geld wird zum Massstab allen sozialen und geistigen Lebens und mündet in die mächtige Erkenntnis: Geld ist Gott. Das so mit Geld gekaufte Leben ist für jedermann zugänglich und nicht mehr das Produkt einer sozialen Ordnung zum Beispiel feudaler Prägung. Geld wird zu einem Instrument neuer sozialer Freiheit.

Doch der Gesellschaft ist nach Simmels pessimistischer Einschätzung die menschliche Qualität abhanden gekommen. Denn das Geld fragt nur nach dem, was allem gemeinsam ist: dem Tauschwert, der alle Qualität und Eigenart auf die Frage nach dem blossen Wieviel angleicht.

Kein einfaches Buch, aber Kult

Die «Philosophie des Geldes» war ein unzeitgemässes Buch, eine nicht leicht zu lesende Sammlung von Essay-Fragmenten und historischen Einschüben – ohne systematischen Anspruch. Es sollte keine nationalökonomische Analyse sein, sondern ein Psychogramm der monetär geprägten Moderne.

Das durch und durch sperrige Buch griff den Umbruchscharakter der frühen Moderne intuitiv auf und widerspiegelte ihn zugleich. Heute wird dieser zeitdiagnostische Koloss wiederentdeckt und scheint denn auch so recht in unsere Zeit zu passen.

Geld wird zum Fetisch

Im Schatten der globalen Finanzkrise von 2008, neuen Formen digitalen Geldes und mit Blick auf die schleichende Abschaffung des Bargelds, erscheint Simmels Philosophie des Geldes prophetisch und problematisch zugleich.

Das Geld ist nicht nur die bare Münze, das Bündel Banknoten oder das Girokonto. Geld wird zu einem Fetisch und einer bizarren Handelsware von erschreckender Dynamik.

Mehr noch als zu Simmels Zeiten hat Geld von seinem mythischen Zauber verloren. Es ist kein Wertgegenstand mehr, wie einst die Goldmünze, sondern eine digitale Rechengrösse, mit der weltweit Schulden gemessen werden.

Insofern müsste Simmels Geldphilosophie weitergedacht werden: Was macht das digitale Geld heute mit uns? Geld, das nunmehr in binären Codes gemessen wird und nicht in klingender Münze. Nicht mehr der Mensch bestimmt den Wert einer Ware, sondern der Börsen-Algorithmus.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 26.9.2018, 17.20 Uhr

1 Kommentar

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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Dass die Welt immer materialistischer werde und zwischenmenschliche Beziehungen immer weniger beachtet werden, diese Kritik liest man doch schon bei den alten Griechen. Wie heute Popstars und Fussballer vergöttert werden, hat mit feudalen Königen doch viel gemeinsam. Da geht es der Masse der Menschen auch nicht um Geld. Sie bezahlen sogar dafür, um den Millionär sehen zu dürfen. Ausdrucksformen ändern sich, der Kern bleibt: Menschen lieben Macht.
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