Barack Obamas Rede George Packer: «Obama stand über der Politik»

Obamas Siegesrede 2008 sah George Packer im TV, zuhause in Brooklyn. Doch lieber wäre er im Grant Park in Chicago gewesen, um die Ekstase zu erleben, die Begeisterung und Hoffnung, die in der realen Politik der letzten acht Jahre leider nie ankam.

Video «George Packer zu Obama» abspielen

George Packer zu Obama

1:12 min, vom 27.12.2016
Zusatzinhalt überspringen

George Packer

George Packer, geboren 1960, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist.

Er schreibt für «The New Yorker» und hat mit dem Bestseller «Die Abwicklung – Eine innere Geschichte des neuen Amerika» den ökonomischen Wandel der USA seit der Finanzkrise beschrieben.

George Packer wurde dafür 2013 mit dem National Book Award ausgezeichnet.

Wer einen Blick in das Innenleben der USA werfen will, sollte George Packer lesen. Seine Reportagen im «New Yorker», sein Buch «Die Abwicklung – Eine innere Geschichte des neuen Amerika» zeichnen ein Land, das man so bisher nicht kannte oder so nicht sehen wollte: Ein Amerika, gebeutelt von Finanzkrise und dem Verlust sozialer und politischer Werte.

Packer beschreibt die verödeten Landstriche, in denen nichts mehr produziert wird und Industrieruinen vom einstigen Wohlstand erzählen. Er zeigt, wie im neuen Amerika Geld gemacht und wie die Politik von Lobbyisten unterwandert wird. Würde er diesem Buch ein neues, letztes Kapitel hinzufügen, es hiesse «Trump», meint er im Gespräch.

Und Obama?

George Packers Sicht auf die Präsidentschaft von Barack Obama ist nicht der Blick eines politischen Analysten. Er zählt zwar auf, was Obama alles gelungen ist – er hat die Wirtschaftskrise gestoppt, die Autoindustrie gerettet, den Irakkrieg beendet und mit Obamacare die grösste Sozialreform seit 30 Jahren durchgesetzt. Ausserdem waren diese 8 Jahre eine Präsidentschaft ohne Skandale. Keine Korruption, keine Lügen, keine Blowjobs im Oval Office.

Doch darum geht es George Packer nicht, wenn er über Obama nachdenkt.

Porträt George Packer Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: George Packer sagt, Obama habe den Eindruck erweckt, «irgendwie über der Politik zu stehen.» SRF

«Er ist nicht jemand, der gerne Politik macht. Er steht irgendwie über der Politik», führt George Packer aus. «Im Weissen Haus, so konnte man hören, gab es Meetings, in denen er und seine Berater sich ansahen und nur noch mit den Augen rollten. So in dem Sinn: Das ist ja kaum zu glauben, wie die das hier machen. So als ob sie nicht selbst Teil davon wären.»

Vielleicht trifft das den Kern dieser acht Jahre von Barack Obama. Da betritt ein junger, charmanter, afro-amerikanischer Mann, der mit dem politischen System der USA und seinen Repräsentanten wenig zu tun hat, die politische Bühne und füllt mit seiner Persönlichkeit und seinen Visionen den Sehnsuchtsraum vieler, die von einem Wandel, von Veränderung, ja von einer besseren Welt träumen. Er ist keiner der etablierten alten weissen Männer, die in Washington D.C. die Geschicke der USA lenken.

Zu grosse Erwartungen

Zusatzinhalt überspringen

Neun Menschen erinnern sich

Wir blicken zurück auf die historische Siegesrede von Barack Obama. Es kommen Zeitzeugen zu Wort, die erzählen, was aus diesen Worten geworden ist.

«Obama hat das Land nicht verstanden», erläutert George Packer und meint damit die aggressive Dynamik, mit der die Konservativen ihn, den «schwarzen» Präsidenten und seine politischen Vorhaben ablehnten. Da lag viel Hoffnung, viel Versprechung in der Luft, doch in den Niederungen der Realpolitik liess sich vieles nicht verwirklichen.

Guantanamo beispielsweise zu schliessen, gelang ihm nicht, weil die Republikaner die Aufnahme der Internierten in US-Gefängnissen einfach ablehnten. Und schon war das Vorhaben geplatzt.

Die Energie, die Hoffnung auf Veränderung, verebbte nach der Siegesrede im Grant Park. «Obama verlor die Verbindung zu seinen Anhängern, alle gingen nach Hause, und es entstand ein Vakuum im Land, das von der Tea Party gefüllt wurde, vom Widerstand gegen ihn. Niemand sah das kommen». So beschreibt George Packer die ersten beiden Jahre von Obamas Amtszeit. Das Ergebnis waren Stillstand und Blockade. Ein politisches System, das sich lähmt.

In der Siegesrede ist alles enthalten

Warnung, Ernüchterung. Der Hinweis, dass der Weg steil und beschwerlich sein werde – wer die Siegesrede von Barack Obama heute liest, findet viele Hinweise auf das politische Dilemma, das seine Amtszeit prägte. Sie liest sich heute noch wie ein Appell, die Kleinkariertheit politischer Grabenkämpfe zu verlassen und gemeinsam nach politischen Lösungen zu suchen. Nichts davon ist eingetreten, das Gegenteil war der Fall.

Zusatzinhalt überspringen

Barack Obamas historische Rede

Die Amtszeit von US-Präsident Obama neigt sich dem Ende zu. Wir blicken zurück auf den Tag seiner Wahl, den 4. November 2008. An diesem Abend hielt er seine historische Siegesrede. Diese Rede bewegte nicht nur die 240'000 Zuhörer im Grant Park in Chicago, sondern auch Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.

Die Rede im Wortlaut

Und dennoch: «Obama hat seine eigene Geschichte zur Geschichte Amerikas gemacht. Wenn es möglich ist, dass ich hier bin, als erster afro-amerikanischer Präsident, dann ist alles möglich. Dann können wir gemeinsam etwas schaffen. Und das ist eine kraftvolle Botschaft der Hoffnung», sagt George Packer.

«So wird man sich an ihn erinnern, als jemand, der den Ton in der Politik verändert hat. Der unseren Blick erweitert und den Menschen Hoffnung gegeben hat, durch seine eigene Geschichte. Seine Präsidentschaft hat gezeigt, was möglich war, was unmöglich war und was verhindert wurde. Seine Person jedoch hat den Menschen Hoffnung gegeben. Und so wird ihn die Geschichte in Erinnerung halten.»

Nach acht Jahren ist Barack Obamas Präsidentschaft Geschichte. Seine Worte vom Grant Park jedoch haben nichts an Gültigkeit verloren.

Yes, we can.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 28.12.2016 22:25

    Kulturplatz
    «Kulturplatz extra»: Die Rede

    28.12.2016 22:25

    «Kulturplatz» reist in die USA - in den Grant Park in Chicago, wo Barack Obama am 4. November 2008 als neu gewählter Präsident eine historische Rede hielt. 240'000 begeisterte Menschen skandierten damals «Yes, we can.» «Kulturplatz» trifft Zeitzeugen und fragt, was aus diesen Worten geworden ist.