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Wie ein ehemaliges Lungensanatorium im Solothurner Jura zerfällt.
Aus Kopf voran vom 04.12.2020.
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Geschichte der Tuberkulose Als die Tuberkulose die Schweiz in Atem hielt

Früher fuhren Tuberkulose-Patienten zur Kur in die Schweiz. Aber die tödliche Infektionskrankheit forderte auch hierzulande ihre Opfer.

Die «Höhenklinik Allerheiligenberg» ist an schönster Lage an einen Südhang im Solothurner Jura gebaut. Auf 900 Meter Höhe bietet sie einen grandiosen Ausblick aufs Mittelland und auf die Alpen.

Doch die Klinik ist seit zehn Jahren geschlossen. Von Spuren des Zerfalls gezeichnet steht das verlassene Gebäude da. Es erinnert an eine der tödlichsten Infektionskrankheiten, die vor mehr als 100 Jahren auch in der Schweiz gewütet hat: Tuberkulose.

eine Luftaufnahme eines älteren grösseren Hauses
Legende: Der Kanton hätte die einstige Höhenklinik auf dem Allerheiligenberg längst verkaufen wollen. SRF

Armut als Nährboden

«Tuberkulose war immer eine Krankheit der Armen», sagt Lukas Fenner. Der Epidemiologe ist seit 2017 Solothurner Kantonsarzt. Vorher hat er in Tansania wissenschaftliche Feldstudien zu den Übertragungswegen von Tuberkulose durchgeführt.

Die tödlichste Infektionskrankheit: von Covid-19 verdrängt

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Als Mitte Oktober der jährliche Tuberkulosebericht , Link öffnet in einem neuen Fensterder Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlicht wurde, war Tuberkulose «noch» die tödlichste Infektionskrankheit der Welt. Zehn Millionen Menschen hatten sich 2019 weltweit mit TB angesteckt, 1.4 Millionen waren daran gestorben.

Mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 hatten sich bis Mitte Oktober 38 Millionen infiziert, aber «nur» eine Million Infizierte waren gestorben.

Inzwischen hat Covid-19 mehr als 1.5 Millionen Todesopfer gefordert – und damit die Statistik, der an TB-Verstorbenen überholt.

Dieser Verdrängungskampf spiegelt sich auch in finanzieller Hinsicht: Für die Behandlung von TB-Erkrankten ist nur die Hälfte der Mittel angekommen, welche die UN-Mitglieder 2018 versprochen hatten. Viele der vorgesehenen Mittel sind stattdessen in die Bekämpfung von Covid-19 geflossen. Die WHO befürchtet, den Kampf gegen TB langfristig wegen der Corona-Pandemie zu verlieren.

Auch über die Geschichte von TB in der Schweiz hat Fenner geforscht. «Ärmliche Verhältnisse, wie man sie heute etwa in der tansanischen Grossstadt Daressalam sieht, geben Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten den Boden», sagt Lukas Fenner.

«Diese Armut gab es vor 100, 150 Jahren auch in der Schweiz.» In den Arbeitersiedlungen wie etwa dem Berner Mattenquartier lebten die Menschen beengt und unhygienisch. In solchen Verhältnissen hatten TB-Bakterien ein leichtes Spiel, sich zu verbreiten.

Jeder zehnte Todesfall ging auf Tuberkulose zurück – in manchen Regionen sogar jeder sechste. Kinder und Jugendliche traf es dabei besonders schlimm.

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Aus dem Archiv: Tuberkulose hält sich hartnäckig
Aus Puls vom 24.03.2014.
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Therapeutisches Sonnenbaden

Medikamente gegen die «Auszehrung» oder «Schwindsucht», wie die Krankheit im Volksmund hiess, gab es keine. Trotzdem konnte man die Tuberkulose behandeln. Und manchmal sogar heilen: mit einer Höhen- oder Liegekur an der freien Luft.

1868 gründete der Mediziner Alexander Spengler in Davos das erste Kurhaus für Lungenkranke. Darauf entstanden im Hochgebirge eine ganze Reihe von luxuriösen Lungensanatorien.

eine schwarz-weiss Fotografie von edlen Leuten auf Liegestühlen auf einer Terrasse
Legende: Diese gut betuchten Gäste lagen täglich stundenlang an der frischen Luft auf der Terrasse der Villa Pravenda in Davos (um 1900). Dokumentationsbibliothek Davos

Etwa das Kurhaus «Schatzalp» in Davos, das Thomas Mann zu seinem berühmten Roman «Der Zauberberg» inspirierte.

Heilung für alle Schichten

Eine Höhenkur in solcher Sphäre konnten sich allerdings nur die Reichen leisten. Für arme TB-Patienten gab es kaum Behandlungsmöglichkeiten – bis um das Jahr 1900 die ersten sogenannten Volkssanatorien eröffnet wurden. Nun konnten auch Unbemittelte zur Höhenkur.

Ein solches Volkssanatorium war auch die «solothurnische Heilstätte für Lungenkranke» auf dem Allerheiligenberg, errichtet 1910 von der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons.

Grösster Geldgeber war Arthur Bally, Sohn des damals weltgrössten Schuhfabrikanten im solothurnischen Schönenwerd. Bally vermachte dem «Allerheiligenberg» mehr als eine halbe Million Franken – eine ungeheure Summe für die damalige Zeit.

Antibiotika waren die wirksamere Waffe

Die Höhenkur war keine spezifische Therapie. Sie kurbelte höchstens die Selbstheilungskräfte an. «Trotzdem nahmen die Tuberkulosefälle im Lauf der Jahrzehnte ab», sagt Infektiologe Lukas Fenner.

eine schwarz-weiss Fotografie von Holzblöcken im Freien und Frauen, die sich darin sonnen
Legende: Der Glaube an die heilsame Wirkung der Alpenluft machte auch Valbella zum Kurort: Patientinnen liessen sich um 1925 im drehbaren Sonnenbad behandeln. Foto Frankl (Berlin) / Dokumentationsbibliothek Davos

Die hygienischen Verhältnisse waren besser, die Wohnungen grösser und heller geworden. In den 1950er-Jahren begann man, TB mit Antibiotika zu behandeln. «Monatelanges Kuren war medizinisch nicht mehr zu rechtfertigen», so Fenner.

Problem bei TB: multiresistente Stämme

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Mit dem Aufkommen der Antibiotika in den 1950er-Jahren verlor die Tuberkulose ihren Schrecken. In der Schweiz nahmen die Fallzahlen rasch ab, die Behandlungszyklen wurden kürzer, die Assoziation mit Armut verblasste.

Heute ist TB im öffentlichen Bewusstsein kaum mehr präsent. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zählt jährlich circa 550 TB-Erkrankungen. Die Mehrzahl der Fälle wird bei Migrantinnen und Migranten festgestellt, die aus Ländern mit hohem TB-Vorkommen in die Schweiz gereist sind. Bei den Einheimischen sind laut BAG zur Hälfte über 65-Jährige betroffen, die sich noch als Kinder angesteckt haben.

Ein grosses Problem bei TB sind multiresistente Bakterienstämme: Gegen sie gibt es keine wirksamen Antibiotika mehr. Die WHO schätzt, dass im vergangenen Jahr bei 465'000 Menschen die gängigen Tuberkulose Medikamente nicht mehr anschlugen. Sie hatten eine resistente TB.

Manche Sanatorien wurden geschlossen, andere wurden zu Hotels umgewandelt oder waren fortan Reha-Kliniken. Und manche dieser Häuser sind erst nach jahrzehntelangem Kampf gescheitert.

Zu ihnen zählt der «Allerheiligenberg»: Eine Zeit lang «Mehrzwecksanatorium», später Höhenklinik, verlor das abgelegene Gebäude 2010 nach der dritten Volksabstimmung seinen Daseinszweck.

Seither sucht der Kanton Solothurn einen Käufer. Bisher ohne Erfolg.

Sendung: SRF Podcast, Kopf Voran, 4.12.2020, 18:00 Uhr

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