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Gesellschaft & Religion Wie Secondos das Rätoromanisch retten

Vor 75 Jahren wurde das Rätoromanische als vierte Landessprache anerkannt. Seither ist es vielfach totgesagt worden. Doch ein Besuch im Unterengadin zeigt: Die Sprache ist quicklebendig – dank der Kindern der Gastarbeiter.

Im Klassenzimmer in Tarasp sitzen sechs Kinder zwischen neun und zwölf Jahren, an der Wandtafel steht heute nicht die Lehrerin, sondern Rapper Gino Clavuot alias «Snook». Vor zwanzig Jahren drückte der Engadiner mit brasilianischen Wurzeln hier die Schulbank. Jetzt ist er aus Zürich angereist, um mit den Kindern einen Rap-Workshop zu machen.

Die Eltern der anwesenden Schülerinnen und Schüler sind ins Engadin gekommen, um in der Hotellerie ihr Geld zu verdienen. Sie stammen aus Portugal, Bosnien Deutschland und der Deutschschweiz. Romanisch ist seit dem Kindergarten die gemeinsame Sprache der Kinder, obwohl keines von ihnen zu Hause die vierte Landessprache spricht.

Rappen auf Romanisch

Video
Rapper Gino Clavuot alias «Snook» rappt auf Mundart
Aus Kulturplatz vom 06.11.2013.
abspielen. Laufzeit 34 Sekunden.

Momentan besuchen nur 14 Kinder die Gesamtschule von Tarasp. Zwei Klassen führt die Schule derzeit. «Das Überleben der Schule stand auf der Kippe», erinnert sich die Lehrerin Aglaia Gallmann. «Dank des neu eingeführten Familiennachzugs konnten die Gastarbeiter ihre Kinder hierher holen. Und so mussten wir die Schule nicht schliessen.»

Rapper «Snook» trifft das Lebensgefühl der anwesenden Kinder auf den Punkt. Seine Texte schreibt er auf Romanisch und Schweizerdeutsch, manchmal auch auf Spanisch, Englisch und Französisch, ganz nach Lust und Laune. Dabei setzt er sich mit viel Verve für die Erhaltung des Romanischen ein: «Ich bewahre mit ganzem Herzen meine Muttersprache. Wir lassen unseren Slang auferstehen» rappt er mit den Kollegen der Gruppe «Liricas Analas» im Song «Duos Idioms».

Rätoromanen als Musterschweizer

Dass dereinst die Kinder der Gastarbeiter die vierte Landessprache am Leben erhalten würden, hätten sich die Initianten der Volksabstimmung vor 75 Jahren nicht träumen lassen. Damals stand Mussolini vor der einen Tür, Hitler vor der andern. Der Kampf um Vormacht spielte sich auch auf kultureller Ebene ab: Italienische Faschisten erklärten das Romanische zu einem italienischen Dialekt. Hitler-Sympathisanten wollten die Sprache sterben lassen zugunsten der «höher wertigen» deutschen Kultur.

In diesem Umfeld forderten die Rätoromanen die nationale Anerkennung ihrer Sprache. Im Abstimmungskampf wurden die Romanen als heimatverbundene Bergler zu Musterschweizern stilisiert. 1938 nahmen die Schweizer Männer an der Urne das Anliegen wuchtig an: Mit 92 Prozent Ja-Stimmen war es das drittbeste Ergebnis in der Geschichte der Schweizer Volksabstimmungen.

Die urchigen Jäger und die Trachtenmädchen der 1930er-Jahre scheinen auf den ersten Blick nichts gemein zu haben mit den polyglotten Kindern einer globalisierten Welt, die das Romanische heute am Leben erhalten. Bis auf eines: Typisch Schweizerisch sind beide.

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