Brexit Gisela Stuart: Die Deutsche, die die Engländer aus der EU führte

Die Bayerin Gisela Stuart kam mit 19 nach England. Als Sprecherin der Kampagne «Vote Leave» machte sie von sich reden. Weil sie keine typische EU-Gegnerin ist.

Gisela Stuart in einer Fabrik. Zusammen mit Boris Johnson und Michael Gove. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Unabhängigkeit im Visier: Das hatte Gisela Stuart während der Brexit-Kampagne. Getty Images

  • Gisela Stuart kämpfte während der Brexit-Kampagne an vorderster Front. Jetzt wird die Frage diskutiert: Welchen Brexit-Weg soll Grossbritannien gehen?
  • Sie war Sprecherin der Brexit-Kampagne «Vote Leave». Mit 19 Jahren kam sie nach England.
  • Sie machte vor allem als Sprecherin der Kampagne von sich reden, weil sie die proeuropäische Labour-Partei im Parlament vertritt.
  • Sie ist keine typische EU-Gegnerin: Sie argumentiert nicht ausländerfeindlich, sie schürt keine Ressentiments, sie ist nicht kleinbürgerlich.

Wenn man die 61-jährige Abgeordnete in der Westminster Hall trifft und sie einen in ihr Büro begleitet, merkt man gleich: Diese Anti-Europäerin hat nichts gemein mit den berühmten Brexit-Befürwortern Boris Johnson oder Michael Farage.

Ihr geht es nur um das Thema und nicht um sich selbst. Und um ihr politisches Zauberwort: die Unabhängigkeit. Für sie war das Brexit-Referendum die letzte Chance, die Kontrolle über das eigene Land zurückzuerlangen.

Sie will nicht, dass woanders als in London über die Steuern in Grossbritannien, über die Absicherung der Grenzen und über die Verteilung der Arbeit entschieden wird.

Ihr Land ist eine Insel

Wenn man Gisela Stuart argumentieren hört, wird einem schnell klar, warum sie und nicht ein Konservativer wie Johnson die Brexit-Kampagne angeführt hat.

Sie passt nicht in all die Klischees, die wir von den britischen EU-Gegnern haben. Sie argumentiert nicht ausländerfeindlich, sie schürt keine Ressentiments, sie ist nicht kleinbürgerlich.

Längst spricht Gisela Stuart viel lieber Englisch als Deutsch. Und so denkt sie auch: Mit kontinentalem Idealismus kann sie wenig anfangen. Ihr Land ist eine Insel, weit westlich draussen auf der europäischen Landkarte und in der Geschichte schon immer recht eigenwillig. Das Projekt Europa beurteilt sie pragmatisch – welchen Nutzen bringt des dem Einzelstaat? Und wie teuer ist das?

Sie argumentiert anders

Für uns fühlte sich der Wahlkampf der Brexit-Befürworter ja recht populistisch an: Europa koste nur Geld und bringe Einwanderung. Gisela Stuart hat da anders argumentiert: Sie hat ihre Erfahrungen mit der EU, war sie doch Premierminister Tony Blairs Vertreterin bei der Aushandlung der Lissaboner Verträge.

Gisela Stuart schmunzelt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Schmunzeln hatte sie schon im Gesicht: Gisela Stuart kurz vor dem beschlossenen Brexit. Getty Images

Seit ihrer Brüsseler Innensicht sagt sie: Die EU übt für die Mitgliedsstaaten eine lähmende Wirkung aus. Brüssel entmündige nationale Politiker, übernehme zu oft deren Verantwortung. Und in der Finanz- und Flüchtlingskrise habe Europa bewiesen, dass Brüssel wichtige Entscheidungen zumeist nur aufschiebt. Ein selbstständiges Grossbritannien könne da viel besser reagieren.

Der Kampf um die EU

Gisela Stuart sagt, sie sei nicht gegen Europa. Im Gegenteil, sie erkennt mit Respekt an, dass Europas Frieden seit 70 Jahren hält.

Sie will aber ein lockeres Europa. Die Engländer hätten schon Bindungen genug durch Schottland, Wales und Irland. Mit dem Resteuropa sei man ja durch die NATO verbunden und könne jede Menge Handels- und Wirtschaftsverträge abschliessen. Aber dazu brauche man die EU nicht, weshalb sie sich auch an die Spitze der EU-Gegner gestellt habe.

Was dann – wenn im März tatsächlich das Austrittsgesuch gestellt wird – mit der EU passiert, sei ihr ziemlich egal, sagt Gisela Stuart in ihrem nüchtern-nationalen Gesprächston.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 17.02.2016, 09.00 Uhr.

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