Neulich war ich sogar einmal für die Deutschen. 2:1 stand auf meinem E-Tippzettel. Gegner der Julian-Fingernagelkauermann-Truppe bei der Fussballweltmeisterschaft war die Elfenbeinküste. Die besseren Oranjes, finde ich. Und die Fussballwelt braucht mehr Afrika.
Gleichwohl drückte ich ausgerechnet den Deutschen die Daumen. Ich gestehe: Eigentlich wünsche ich der gefallenen Fussball-Grossmacht, seit ich denken kann, jede Niederlage und das frühe Turnier-Aus – trotz eines Schwiegervaters aus einem Kaff hinter Konstanz.
Trostpflaster und alte Wunden
Aber ich bin nun mal mit dem deutschen Rumpelfussball der Hans-Peter-Briegel-Ära aufgewachsen. («Die Walz aus der Pfalz!») Aus zirka jener finsteren Vorzeit stammt das very britische Bonmot: «Fussball ist, wenn 22 Männer dem Ball nachrennen – und am Ende gewinnen die Deutschen.» Noch treffender ist nur das Wort «Turniermannschaft». Das Trauma meiner Generation.
Für Deutschland war ich also nur meines Tipps wegen. Den Sieger korrekt vorauszusagen, fühlte sich an wie ein Trostpflaster. Drei Punkte, Anschluss an die Spitzengruppe meiner 20-köpfigen Tippgemeinschaft gehalten, die dauerhaft ein Jürg anführt, den ich nicht persönlich kenne. Vermutlich ein Mann, der seine Emotionen in Excel kuratiert.
Ich habe mich jahrelang erfolgreich dem Tippen verweigert. Erstens sind die Fussball-Fachfremden seltsamerweise oft die besseren Propheten. Zweitens brauche ich als langjähriger Amateur-Experte keinen Nebenschauplatz, der plötzlich wichtiger wird als das echte Geschehen auf dem Platz. Live-Fussball ist auch ohne Tippspiel aufreibend genug. Fragen Sie mal Sascha Ruefer.
Ein Tor, kein Freudenschrei
Es gibt, grob gesagt, zwei Tipp-Typen: den naiven Fan, der an die Kraft des positiven Denkens glaubt und seine Mannschaft immer gewinnen lässt. Den Angstgetriebenen, der vorsorglich mit dem Schlimmsten rechnet und hinterher wenigstens sagen kann: «Wusste ich es doch.» Ich gehöre eher zur zweiten Sorte. Oder gehörte? Nach drei Wochen Tippspiel bin ich mir ein bisschen fremd geworden.
Ich finde mich des Nachts auf dem Sofa wieder, und die Franzosen, denen ich die Daumen halte, weil die Schweiz meiner Jugend es nie an eine Endrunde schaffte und man sich zwangsläufig ein befreundetes Aus-Land suchen musste, schiessen gegen Schweden das vierte Tor. Ich aber freue mich nicht, weil ich ein 3:1 auf meinem Zettel stehen habe. So macht man sich den Fussball auch kaputt.
Wenigstens werden die USA nicht Weltmeister. Wobei: Bei Gianni Infantino weiss man derzeit nie.
Ich habe heimlich gehofft, das Tippen mache mich zu einem besseren Menschen. Zu einem, der alte Feindbilder entsorgt. Tatsächlich ertappe ich mich jeden Morgen dabei, dass es mir gar nicht mehr um Fussball geht. Sondern darum, recht gehabt zu haben. Ich fürchte, ich habe Überzeugungen durch Tabellenplätze auf einer Tipprangliste ersetzt.
Wer Weltmeister wird? Ich tippe auf Spanien. Oder auf die US-Boys, obwohl sie schon ausgeschieden sind. Bei Gianni Infantino weiss man derzeit ja nie. Wichtig ist ohnehin nur, dass die Deutschen es nicht schaffen. Ein paar Punkte im Tippspiel mögen manchmal Freude machen. Aber Schadenfreude ist immer Weltmeister.