Gestatten, Frühaufsteher. Ja, ich gehöre zu den schrägen Vögeln, die als Lerche geboren wurden. Schon höre ich Eulen heulen: Lerchen – die haben doch einen Vogel?! Es mag da Neid aus ihnen sprechen. Denn der Volksmund pfeift es regelmässig von den Dächern: Lerchen, das sind die Erfolgstypen. Wer um fünf freiwillig aus den Federn kommt, nach dem wird später ein Hahn krähen.
Das ist natürlich höherer Unsinn. Nur gut, machte kürzlich eine Studie die Runde, die einen späteren Schulbeginn zum Thema hatte. Learning: Wer früh aus dem Bett muss, wird später den Unterricht verschlafen. Ich möchte hier früh festgehalten haben: Man kann ein Frühaufsteher sein und es später im Berufsleben doch nur zum Buchstabenmenschen bringen.
Hollywood-Star Mark Wahlberg macht sich um 3:30 Uhr in der Früh im Fitnessstudio nützlich. Apple-CEO Tim Cook, auch das lässt sich in dem Internet nachlesen, verschickt Punkt 3:45 Uhr seine erste Email. Und Schriftsteller Haruki Murakami soll um 4 in aller Frühe zu schreiben anfangen. (Für den Nobelpreis hat es trotzdem nicht gereicht.)
Man kann darüber streiten, ob man mit solchen Mannsbildern in guter Gesellschaft ist. (Am anderen Ende des Chronotypenspektrums stehen Eulen vom Typ Elon Musk oder Karl Lagerfeld.) Aber auf «Gesellschaft» pfeife ich sowieso: Als ausgefuchste Lerche ist man – das ist das Schöne an dieser Normvarianz – mausbeinallein auf weiter Flur. In der Küche. Oder im Badezimmer.
Das Gedöns unserer Gegenwart scheint irgendwie erträglicher, solange es dunkel ist.
«Im Frühtau zu Berge» stimmten wir in der Schule jeweils an. Nachmittags war's, da hatten wir Singstunde. «Wir wandern ohne Sorgen / singend in den Morgen.» Hey, es waren die frühen 1980er-Jahre. Mein Wecker hatte um 7 Uhr geklingelt. Ich habe ihn schon damals nicht gebraucht. Weil ich mir vornehmen kann, wann ich am nächsten Morgen die Augen aufschlage. Mit präseniler Bettflucht kenne ich mich aus, seit ich ein Kind bin.
Zurück an den Herd, wo ich mir den ersten Kaffee serviere. Die Zeitung lese – oder was davon übrig geblieben ist. Das Gedöns der Gegenwart scheint erträglicher, solange es dunkel ist. Vielleicht: Selbstgespräche führen bei offenem Fenster. Ist das vielleicht in etwa das, was man in grauer Vorzeit «Herrenleben» nannte?
Es kann vorkommen, dass ich mich einen «Biedermann» schimpfe. Es hat natürlich schon etwas Beamtenhaftes, dieses musterschülerhafte Fein-Sein mit dem Tagestakt, den uns unsere Schweizer Berufswelt vorgibt. Aber warum Trübsal blasen, wenn einem womöglich zum Pfeifen zumute ist, bevor die Sonne aufgeht?
Wenn ich vom Markt nach Hause komme, hat meine kleine Eulenschar ihre Schnarchnasen immer noch auf.
Höhepunkt der Frühaufsteher-Woche ist mein Gang auf den Markt – immer am «Sleep-in-Samstag» und so früh, dass er noch Samsnacht heisst. Da sind wir unter uns, die «Early Birds», und freuen uns ehrlich, dass der Salat noch nicht welk ist. Das Brot immer noch warm. Es ist wie Nestwärme zweiten Grades. Und wenn ich wieder nach Hause komme, hat meine kleine Eulenschar ihre Schnarchnasen immer noch auf. (Ich nenne sie Siebenschläfer, auch wenn um 7 nicht viel zu wollen ist.)
Von Jean-Paul Sartre, dem französischen Vielschreiber, erzählt man sich, er habe einmal gesagt, man könne jeden Tag vergessen, an dem man nicht bis zur Mittagsstunde zwei Seiten zu Papier gebracht habe. Ich bin da einen Tick radikaler.
Gleich schlägt's sechs.