Zum Inhalt springen

Header

Video
Der Schlagerpfarrer Stefan Moll im Porträt
Aus Kultur Webvideos vom 24.11.2022.
abspielen. Laufzeit 2 Minuten 37 Sekunden.
Inhalt

Gottesdienste der heilen Welt Warum ein Pfarrer auf Schlager statt Kirchenlieder setzt

Die Kirche müsse neue Wege gehen, um für die Menschen relevant zu bleiben, sagt der Pfarrer Stefan Moll, und lässt bei seinen Predigten Schlagermusik laufen.

Deutsche Schlager statt Orgelmusik, Jodeln statt Choräle: Was ungewöhnlich klingt, begeistert in der Schweiz zahlreiche Menschen. Jeden Sonntag um 10 Uhr sendet der private Fernsehsender Musig24 einen Gottesdienst, bei dem die Programmpunkte nicht von frommen Kirchenliedern untermalt werden, sondern von lebenslustigen Schlagern: die Schlagergottesdienste.

Statt Orgelmusik laufen Schlager

Ausgerichtet werden die Gottesdienste von dem methodistischen Pfarrer Stefan Moll aus Baden. Dieser hört privat zwar lieber klassische Musik, ist allerdings überzeugt: «Wenn die traditionellen Kirchen die Menschen ansprechen wollen, müssen sie neue Wege gehen.»

Zwei Frauen in Tracht singen in ländlicher Umgebung
Legende: Musikalische Intermezzi: Das volkstümliche Schlager-Duo «Sigrid & Marina» ist regelmässig in den TV-Gottesdiensten von Stefan Moll zu hören und zu sehen. Screenshot Musig24

«Kirche ist dort, wo die Musik spielt», erklärt der Pfarrer, der mit Flüchtlingen arbeitet und sich als kritischen Geist bezeichnet. Molls Publikum weiss seinen Einsatz zu schätzen. Seine eingefleischten Fans bezeichnen sich als «Schlagerfamilie». «Die Leute sagen: Das ist endlich einmal ein Gottesdienst für mich, denn die Musik passt», so Moll.

Sonntagsritual: Schlagerpredigt

Er staune über die vielen schönen Rückmeldungen, sagt er. «Eine Seniorin im Altersheim hat mir gesagt, dass sie jeden Sonntag alle Leute von ihrer Station zusammentrommelt, um gemeinsam Tee zu trinken und den Gottesdienst zu schauen.»

Drei bis vier Mal im Jahr trifft der Pfarrer sich mit seiner Fangemeinde an Konzerten für gemeinsame Gespräche, den sogenannten «Schlagertreffen». Ein Angebot, das rege genutzt wird.

Mann mit Brille, grauen Haaren und rot-blau kariertem Hemd vor Bücherregal
Legende: Pfarrer Stefan Moll setzt für seine TV-Gottesdienste auf die verbindende Kraft der Musik. Privat hört er lieber Klassik. Reto Schlatter

«Die meisten sind zwar in ihrer Kindheit kirchlich sozialisiert worden, aber die wenigsten gehen heute regelmässig in die Kirche», erklärt Moll: «Sie sind katholisch, protestantisch, methodistisch oder nichts.»

Aber genau darum gehe es ihm: «Diese Menschen zusammen und in ein Gespräch zu bringen. Kirche ist nicht ein Gebäude, sondern Begegnung.»

Hackbraten, Gott und Live-Musik

Dass die Schlagertreffen für Begegnung stehen, zeigt ein Augenschein vor Ort in einem Restaurant in der Ostschweiz: Mehr als 40 Schlagerfans versammeln sich zu Hackbraten und Live-Musik – alle über 60. Wer will, kann persönlich mit Pfarrer Stefan Moll sprechen.

Nach dem Essen tritt die Schlagersängerin Andrea Wirth auf. «Ich liebe das Leben, ich liebe den Wein, heyaheya-ho», singt sie. Das Publikum applaudiert und singt begeistert mit.

Musikvideo von Andrea Wirth

Wirth, in Tracht und von ihrer Band flankiert, versprüht ungekünstelte Fröhlichkeit. Ob die Liebe zum Wein, zur Heimat und den Bergen, ob nachdenkliche Worte über die Härte arbeitender Hände: Die Schlagerfamilie folgt der Sängerin von Stimmung zu Stimmung. 

Den harten Alltag vergessen

Ist es für Pfarrer Moll kein Problem, dass diese heile Welt, die da besungen wird, wenig mit der Realität zu tun hat? Er schüttelt den Kopf: «Die Menschen hier sind oft gebeutelt vom Leben. Ich finde es legitim, wenn sie nicht auch noch in den Liedern mit Elend konfrontiert werden wollen.»

Ein Mann im Trachtenhemd redet in einem Festsaal mit einem Mann im Hawaii-Hemd
Legende: Stefan Moll bei einer Aufzeichnung von Musig24 im August. Der Pfarrer sucht das direkte Gespräch mit den Schlagerfans. Musig24

Es ist beeindruckend, wie ungekünstelt und nachdenklich die Teilnehmenden ihre Gedanken offenlegen: null Eitelkeit und wenig Angst, etwas Falsches zu sagen. Das gilt auch für Gisela und Sepp, beide um die 70 und seit Kurzem ein Paar. «Ich wohne in meinem Dorf, er in seinem», erklärt Gisela. Kennengelernt haben sie sich durch die Schlagerfamilie.

Aus dem Leben gegriffen

«Einmal sehen wir uns wieder», klingt es plötzlich melancholisch von der Bühne. «Mein Lieblingslied!», schwärmt Gisela. Es erinnere sie an ihre Eltern, die sie als Kind früh verloren habe. Die Seniorin kann nicht verstehen, wie man über Volksmusik oder Schlager die Nase rümpfen kann. «Das ist doch alles aus dem Leben gegriffen», sagt sie.

Wenn jemand ein Problem hat, besucht der Pfarrer uns zu Hause.
Autor: Gisela Schlagerfan

Abgesehen davon habe er nie Englisch in der Schule gelernt, ergänzt ihr Partner Sepp. Diese Musik verstehe er wenigstens. «Und ich darf meine Meinung sagen und mit dem Herrn Pfarrer diskutieren.»

Auch bei Gisela steht Stefan Moll hoch im Kurs: «Er nimmt sich viel Zeit für uns. Wenn jemand ein Problem hat, besucht er uns zu Hause.»

Musikbegeisterte Ersatzfamilie

Ein anderes, treues Mitglied der Schlagerfamilie ist Erika. Auf die Frage, was ihr die Schlagerfamilie bedeute, bekommt Erika gerade noch knapp «Na, Familie halt ...» heraus. Dann fliessen die Tränen. 

Ältere Menschen sitzen in einem Festsaal am Tisch, ein stehender Mann im Sennenhemd hört ihnen zu
Legende: Viele der Schlagerfans schätzen, wie viel Zeit sich der Pfarrer für ihre Anliegen nimmt. Musig24

Sie erzählt von ihrer Kindheit im Kinderheim: «Immer hiess es: ‹Sei still, geh weg›.» In Erikas Nebensätzen verbergen sich Abgründe: «Ja, dann habe ich geheiratet, das hätte nicht sein müssen.»

Inseln der Unbeschwertheit

Der Tod ihres Mannes war eine Erlösung. Ihr Sohn sei immer ihr Sonnenschein gewesen, sagt Erika. Doch der spreche auch nicht mehr mit ihr, erzählt sie, was den nächsten Tränenschub auslöst. Stefan Moll habe ihr bei der Verarbeitung geholfen. Sie sei richtig stolz auf sich und auf die Schlagerfamilie.

Eines ist nach diesem Abend klar: Die Mitglieder der Schlagerfamilie verwechseln die «Schubidu-Heiterkeit» der Schlagerwelt keineswegs mit dem richtigen Leben. Aber sie geniessen die Anlässe der Schlagerfamilie und die Lieder als kleine Inseln seltener Unbeschwertheit in einer nicht ganz einfachen Welt.

Sein Ziel, Menschen zu erreichen, die sonst nicht in die Kirche gehen, hat Moll damit auf jeden Fall erreicht.

Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 23.11.2022, 09:03 Uhr

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen
  • Kommentar von SRF (SRF)
    Wir schliessen die Kommentarspalte für heute wieder, vielen Dank für Ihre Beiträge.
    Liebe Grüsse SRF Kultur
  • Kommentar von Werner Gubser  (Gubsi0)
    Die Schlagermusik wird nichts daran ändern, dass die aufgeklärten Leute nicht mehr glauben, was ihnen in der Kirche von Auferstehung, Seele, ewigem Leben usw. vorgekaukelt wird.
  • Kommentar von Andreas Müller  (Hugh Everett)
    Daniel M. Abrams at al. haben mit ihrem Artikel "A mathematical model of social group competition with application to the growth of religious non-affliation" mit Hilfe der Störungstheorie aufzeigen können, dass sich Gruppen (wie u.B. die ref. Kirche) die in Konkurrenz mit anderen Gruppen stehen (z.b. Atheisten, Muslimen, Hinuds usw.) sich mit der Zeit vollkommen auflösen. da wird auch die Schlagermusik nichts daran ändern können.
    1. Antwort von Roman Wenger  (Rowe)
      Nun ja, dafür dass das Christentum seit seinen Ursprüngen in Konkurenz mit anderen Religionen, Weltbildern, ja sogar mit ganzen Kulturen steht, hält es sich doch schon eine ganze Weile. Ich stimme Ihnen aber insofern zu, dass ich ebenfalls finde, dass Schlagermusik nicht „matchentscheidend“ ist, wenn es ums Überleben des christlichen Glaubens geht. Das wäre dann wohl eher Jesus selber, der dafür sorgt.
    2. Antwort von Daniel Rotzer  (Don Daniel)
      Diese Theorie hat die Kirche in den letzten 2000 Jahren eindeutig widerlegt...
  • Kommentar von SRF (SRF)
    Liebe Community, Gottesdienst mit Schlagermusik: Ist das ein Mittel gegen den Besucherschwund in Kirchen? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung.