Hallo Echo! Der Nachhall eines antiken Mythos

Wer war als Kind nicht fasziniert vom Echo? Wer hat nicht in Höhlen, Tunnel oder Bergwände gerufen, um den faszinierenden Widerhall der eigenen Stimme und Worte zu erleben? Schon vor rund 2000 Jahren widmete der römische Dichter Ovid dem Phänomen eine Geschichte. Deren Nachhall klingt noch immer.

Echo und Narziss. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Echo und Narziss. (John William Waterhouse, 1903). Walker Art Gallery, Liverpool

  • Echo ist der Name einer mädchenhaften Nymphe in der altgriechischen Literatur. Einen prominenten Platz hat sie z.B. in der Geschichte vom Jüngling Narziss.
  • Echo wurde für ihre Geschwätzigkeit bestraft: Sie konnte nur noch widerhallen, was an sie herangetragen wurde – und Narziss ihre Liebe nicht gestehen.
  • Hinter der Figur Echo steht die philosophische Frage: Was braucht der Mensch, um sich selbst zu erkennen? Psychoanalytiker sagen: Wir haben ein Bedürfnis nach Widerhall – dass jemand zurück tönt und auf unsere Äusserungen reagiert.

«Echo» heissen berühmte Musikpreise für Pop und Klassik. «Echo» findet sich im Titel populärer Nachrichten- und Kultursendungen aus aller Welt. «Echo» macht aus dem Bürgermeister von Wesel einen Esel. Denn Echo ist vor allem ein faszinierendes Phänomen in Schluchten und an schroffen Felswänden. Die Rückkehr des Schalls mit einer zeitlichen Verzögerung macht dort unmittelbar erfahrbar, was für jeden Menschen essentiell ist: den Widerhall des Raumes, in dem jeder seinen Ort hat, das Erlebnis von Resonanz.

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Projekt EchoTopos

Im Projekt EchoTopos vermisst der Schweizer Sänger Christian Zehnder den Alpenraum akustisch. Im Widerhall der Berge ertönen antike Mythen, eine Kulturgeschichte der Vermessung, die Alpenwahrnehmung der Romantik und die ewige Suche des Menschen nach sich selbst im Resonanzraum des anderen.

Die Story von Echo und Narziss

Was anthropologisch wichtig ist, hat in der Kulturgeschichte des Menschen auch seinen Platz in der antiken Mythologie: Echo ist in der altgriechischen Literatur eine der mädchenhaften Nymphen. Als geisterhafte Personifikationen von Naturphänomenen leben sie singend und musizierend in Wiesen, kühlen Grotten, an Bächen, Quellen oder in Wäldern.

Sie sind Gespielinnen der antiken Götter und Helden wie Odysseus huldigen ihnen. «Echo ist damit im Prinzip Teil einer ursprünglich unbestimmten Vielheit, in der sie aufgeht. Nur einige dieser Nymphen haben eine Individualisierung erfahren», sagt die Religionswissenschaftlerin Almut Renger, Professorin an der Freien Universität Berlin.

Bestrafung für Echos Geschwätzigkeit

Die Nymphe Echo fällt in dem Reigen zunächst auf, weil sie als Berg-, Wald- und Höhlennymphe zugleich wirkt, so Renger. Als der römische Dichter Ovid sie dann vor rund 2000 Jahren in die Geschichte vom Jüngling Narziss integriert, erhält sie ihre heute bekannteste solitäre Geschichte.

Echo soll Juno beschäftigen, während deren Göttergatte sich mit den Nymphen vergnügt. Aber Juno durchschaut Echos Geschwätzigkeit und bestraft die Nymphe hart: Fortan kann sie nur noch widerhallen, was an sie herangetragen wird. Echo zieht sich in den Wald zurück und als Narziss sich dort verirrt, antwortet die in Liebe entbrannte Nymphe dem verzweifelt rufenden Jüngling.

Als der sie auffordert, zu ihm zu kommen, tritt Echo aus dem Wald. Doch Narziss weist Echo zurück und das gegenseitige Liebessehnen endet tragisch: Die zurückgewiesene Echo verkümmert zu Fels und übrig bleibt allein der Widerhall. Narziss ertrinkt bekanntermassen im eigenen Spiegelbild.

Auf der Suche nach sich Selbst

Ovids Figuren sind paradox aufeinander bezogen. «So wie Narziss immer das andere sucht, aber nur sich selbst findet, so sucht Echo eigentlich sich selbst, ist aber stets auf das andere verwiesen», sagt die Altphilologin Antje Wessels, Professorin an der Universität Leiden in Holland.

Deutet man die Geschichte philosophisch oder psychologisch, so wird hier die zentrale Frage nach der Selbsterkenntnis gestellt. Was braucht der Mensch, um sich selbst zu erkennen? «Es gibt ein Bedürfnis nach Widerhall – dass jemand zurück tönt und auf das Geäusserte reagiert», so der Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff, Professor an der Universität Basel. «Wir leben von der Resonanz, die etwas aufnimmt und es dann aber in verarbeiteter Form zurückgibt.»

Widerhall in der Kunst

Liest man Ovids Geschichte im Lateinischen genau, dann verarbeitet Echo das Gesagte. Narziss fragt in den Wald: Equis adest? Wer ist da? Und Echo sagt: Adest. Hier. «Das heisst, Echo sagt zwar nur das Ende des Satzes, aber dadurch bekommt der Sinn eine leichte Veränderung. Sie verwandelt das Gesagte durch ihre Stimme in einen neuen Text», erklärt Antje Wessels.

Damit lässt sich die Geschichte auch poetologisch deuten. «Das ist im Grunde das, was auch der Dichter macht. Er kann eigentlich nicht beginnen, ohne auf die Tradition zu verweisen, ohne das aufzunehmen, was um ihn herum ist, was auch schon da ist.» So ist jede Form von Kunst auf Echo verwiesen, auf das, was gegeben ist, oder auf das, was wiederum aus Kunst- und Kulturgeschichte widerhallt. Sie nimmt auf, interpretiert, verarbeitet, verändert.

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