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Gesellschaft & Religion Halten Sie Ihren Job für sinnvoll?

Ob Verträge, Formulare oder Rechnungen – der US-amerikanische Anthropologe und Bestsellerautor David Graeber sieht überall nur Papierkram und Regelwerke. Jetzt hat er der Bürokratie den Kampf angesagt. Graeber ist überzeugt: Viele Jobs sind überflüssig und gehören eliminiert.

Legende: Video «David Graeber: Wir bürokratisieren uns zu Tode» abspielen. Laufzeit 59:00 Minuten.
Aus Sternstunde Philosophie vom 01.05.2016.

Wenn David Graeber an einer Party Leute kennenlernt und sie nach ihrem Job fragt, winken diese oft verlegen ab: «Ach, ich mache nichts Besonderes». Je weiter die Stunden aber vorangeschritten sind und je mehr die Luft nach Ethanol riecht, desto deutlicher werden manche Illusionen der modernen Ökonomie. Plötzlich erzählen die Leute über ihre Anstellungen – über die Monotonie und vor allem über die Sinnlosigkeit ihrer Arbeit. Diese nächtlichen Beichten liessen Graeber über das Wesen der Arbeit heutzutage nachdenken. Das Ergebnis: Viele haben sogenannte «Bullshit-Jobs».

Sinnfreie Jobs provozieren Krisen

Darüber schrieb Graeber auch in seinem 2013 erschienen Essay , Link öffnet in einem neuen Fenster«On the Phenomenon of Bullshit Jobs». Darin betont er, es gebe eine beträchtliche Menge an Menschen in Europa und Nordamerika, die ihr komplettes Arbeitsleben lang Aufgaben erfüllten, welche sie insgeheim als sinnfrei und unwichtig erachteten. Dies sei nicht unproblematisch, daraus könnten tiefschürfende Krisen entstehen – soweit die These. Graebers Essay löste in Grossbritannien eine Umfrage zur Arbeitszufriedenheit aus. Das ernüchternde Ergebnis: Lediglich 50 Prozent aller Befragten waren der Überzeugung, eine nützliche Arbeit auszuführen. Grund dafür sei die Bürokratie.

Der Bürokratie widmete David Graeber jüngst sogar ein 300-seitiges Buch. Der Anteil an administrativen Arbeiten hätte heute stark zugenommen, sagt Graeber. Die Leute seien öfter damit beschäftigt, Dinge zu verwalten, anstatt kreativ zu arbeiten. Papierstapel zu verschieben, scheint die moderne Form industrieller Förderbandarbeit geworden zu sein.

Mehr Technik, weniger Freiheit

Als weiteren Grund für die Sinnlosigkeit vieler Tätigkeiten sieht Graeber die wachsende Komplexität der Wirtschaft und der Arbeitsprozesse, welche in einer hochgradigen Spezialisierung resultieren. Damit wird der Arbeitnehmer zu einem winzigen Rädchen in einem Gesamtorganismus degradiert. Kein Wunder, fällt es vielen Leuten schwer, ihrem Beruf Sinn zuzuschreiben, wenn ihre Tätigkeit weit entfernt von den Endpunkten eines Produktionsprozesses stattfindet. Schon Karl Marx hatte dieses Phänomen erkannt. Er nannte es: entfremdete Arbeit.

Doch gab es nicht immer schon Menschen, die ihre Jobs als sinnlos erachteten? Natürlich gab es die. Was Graeber beklagt – nicht ohne ein Schmunzeln auf seinem Gesicht – ist, dass uns die technologischen Fortschritte wenig von der einst erhofften Freiheit brachten. Sie wurde nicht dafür eingesetzt, dass Menschen mehr Zeit und Ressourcen haben. Oftmals diene der technologische Fortschritt eher dazu, uns umfangreicher und präziser zu kontrollieren. Und vor allem habe uns die Technologie nicht weniger, sondern mehr Arbeit gebracht.

Was sagen Sie dazu, erscheint Ihnen Ihre Arbeit als sinnvoll? Kommentieren Sie!

22 Kommentare

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  • Kommentar von andreas furrer, prilly
    eh voila, das abendland scheitert also nicht an seinem unstillbaren hunger nach ressourcen, sondern schlicht an der sinnlosigkeit der geleisteten arbeit. die goetter werden sich kugeln vor lachen.
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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    David Graeber hat m.E. eine naive Einstellung gegenüber einer Gesellschaft ohne Polizei.Ob eine Gesellschaft ohne Polizei funktioniert ist eine Frage der Einstellung,der Kultur aller."Gute Menschen brauchen keine Gesetze",sagte mal Platon und folglich brauchen diese auch keine Polizei und keinen Staat. Das Problem beginnt mit dem menschlichen Ego mancher welches die Phantasie befeuert mit "wie kann ich anderen meinen Willen aufzwingen", "wie andere von mir abhängig?", "wie werde ich bliebt" usw.
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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    David Graeber hat es genau auf den Punkt gebracht; in Internationalen Firmen gibt es Manager und Projektleiter welche möglichst viele Leute "beschäftigen" wollen, es macht sich bei einem Stellenwechsel besser wenn man sagen kann man habe 16 anstelle von 8 oder 110 anstelle von 70 Mitarbeiter geführt. Und nebenbei kann man so höhere Lohnforderungen stellen, trotz oder geade wegen dem Kapitalismus. ...
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Das selbe hat auch Auswikung auf die Management-"philosophie"; führt man oder informiert man die Mitarbeiter nicht wirklich und überlässt sie ihrem Schicksal oder betreibt sonsige Machtspiele, so genertiert man bei diesen Mehraufwände, Leerläufe, Doppelspurigkeit und ineffziente Bürokratie und schon hat man "Argumente" um noch mehr Mitarbeiter einzustellen um die gestellten Aufgaben zu bewältigen. Hat dabei ein Mitarbeiter ein Burnout, so "ist dies sein Problem".
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    2. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Dieses Verhalten der Manager führt dann seiten Topmanager zur Gegenreaktion, dass diese zentralistisch Vorschriften machen wieviele Mitarbeiter pro Kunde oder Gewinn in den einzelnen Abteilungen arbeiten dürfen, entkoppelt vom effektiven aufwandsgesteuerten Personalbedarf. Manche Bereiche gehören dann zu den Gewinnern, andere zu den Verlierern die zwangsläuftig nur scheitern können. Dabei ist das eigentliche Problem ist das menschliche Ego anderer.
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