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Eine Frau steht im blauen Blazer auf der Bühne vor einem Mikrofon.
Legende: Will die Belanglosigkeit des Comedy-Genres zerstören: Hannah Gadsby in «Nanette». Netflix
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Hannah Gadsby Eine Komikerin macht Schluss mit lustig

Hannah Gadsby ist mit ihrem einstündigen Netflix-Comedy-Special «Nanette» international erfolgreich. Ihr Rezept: Sie kehrt dem Comedy-Genre den Rücken.

Sie ist müde. So jedenfalls steht es in ihrer Instagram-Bio: «Tired». Kein Wunder: Hannah Gadsby ist die gefragteste Comedienne der Stunde.

Die Australierin ist die Schöpferin von «Nanette», einer Bühnenshow, die seit einigen Wochen auf dem Streamingdienst Netflix läuft und für Aufsehen sorgt. Die Feuilletons feiern sie, begeisterte Tweets und Instagram-Posts («Ansehen! Und zwar komplett.») durchfluten nach dem Release die Social-Media-Kanäle, Gadsby tourt um die Welt und sitzt auf den Sofas etlicher Late-Night-Shows.

Wie sie etliche Herzen in kurzer Zeit erobert hat? Gadsby ist witzig, wütend und eine Wucht.

Lachen über Lesben

Nicht der Erfolg hat sie müde gemacht. Ermüdend sind die vielen Witze über dicke Lesben. Also über sie. Ermüdend ist die Diskriminierung, mit der Gadsby in einer homophoben Umgebung aufwachsen musste. Darum geht es auch in ihrem Bühnenstück.

«Nanette» beginnt wie ein klassisches Comedy-Programm. Gadsby steht im dunkelblauen Blazer auf der Bühne der Oper von Sydney, neben ihr ein Hocker, ein Wasser und das Mikro. Die Dunkelheit versteckt die Gesichter des Publikums, während die 40-Jährige Material aus ihrer Biografie pickt und Witze über sich selbst macht.

Und wenn jemand aus dem Vollen schöpfen kann, dann sie. Denn Gadsby ist in Tasmanien aufgewachsen, wo Homosexualität erst 1997 entkriminalisiert wurde.

Coming-out vor der Mutter

Die Reaktion ihrer Mutter auf ihr Coming-out sorgt ebenso für Lacher wie ihr Flirt mit der Frau eines heterosexuellen Mannes. Er droht ihr mit Schlägen. Erst als er erkennt, dass sie eine Frau ist, entschuldigt er sich mit einem: «Oh, ich schlage keine Frauen.»

Dann kippt die Stimmung. Aus den Pointen werden Kommentare. Nicht über die Diskriminierung, sondern über Comedy an sich. «Ich finde, ich muss meine Comedy-Karriere beenden.» Das Publikum schweigt. Gadsby lächelt: «Das ist wohl nicht der beste Rahmen, um so eine Ankündigung zu machen – mitten in einer Comedy-Show.»

Hannah Gadsby auf der Bühne vor einem Mirkofon.
Legende: Hannah Gadsby geht dahin, wo sich ihr Schmerz angestaut hat. Denn er muss raus. Netflix

Platz da, für die Wut

Gadsby, die schon mehr als ein Jahrzehnt auf der Bühne steht, attackiert das Genre, das sie sich einst für ihre Kunst ausgesucht hat. «Ich habe meine ganze Karriere auf Humor aufgebaut, der mich selbst herabwürdigte», erklärt sie. «Aber wisst ihr, was das für jemanden bedeutet, der bereits am Rande der Gesellschaft existiert? Das ist keine Demut. Das ist Demütigung.»

Gerade sie, die sich ohnehin einen Platz in dieser Welt erkämpfen musste, will ihre Geschichte nicht mehr hinter Witzen verstecken. Gadsbys Wut soll sichtbar werden. Und die braucht Platz.

Video
Hannah Gadsby: «Nanette»
Aus Kultur vom 08.08.2018.
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So hört Gadsby auf, ihr Publikum mit Punchlines von einer Anspannung zu erlösen, die sie als gewiefte Comedienne selbst aufgebaut hat. Sie holt aus, redet sich in Rage.

Darüber, wie Frauen und queere Leute wie sie – oder andere, die anders sind oder anders aussehen – bedroht, herabgewürdigt oder zum Schweigen gebracht werden. Ihre Augen röten sich, ihre Stimme wird lauter. Aus der Verspotteten wird die Anklägerin.

Ungeschönt und unerlöst

Mit einer vernichtenden Entschlossenheit spricht sie über die Beschimpfungen und den Missbrauch, den sie persönlich – und andere – ertragen mussten. Sie spricht über die Notwendigkeit, ihre Geschichte ungeschönt, unerlöst und also ohne Pointen zu erzählen.

Sie wird explizit, spricht über physische und psychische Gewalt, die in brutalem Selbsthass mündete. Als sie ihr Coming-out hatte, sagt Gadsby, sei sie längst selbst homophob gewesen.

Sendehinweis

Das Bühnenprogramm «Nanette» von Hannah Gadsby läuft seit dem 19. Juni auf Netflix.

Klingt nicht mehr so lustig, oder? Das ist Hannah Gadsbys Absicht. Denn sie will die Wahrheit nicht mehr weglassen. Anspannung, Punchline, fertig: So funktioniert Comedy. Kein Ende, kein Leid, kein Unbehagen.

Aber Gadsby will die Leute nicht mehr dazu einladen, über Leid zu lachen. Sie verabschiedet sich von der Comedy, die dort aufhört, wo es unangenehm wird und wehtut.

Es ist ein grandioser, paradoxer Abschied: Eine Komikerin hört auf, lustig zu sein. Und das mit einem Stück, das als Comedy-Show beginnt und als intellektuelle Ohrfeige an eine misogyne Welt und das Comedy-Genre endet.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Danny Kinda  (Kinda)
    Die macht das schon sehr gut. Als Komiker muss man sich auch an die Begebenheiten anpassen können. Was kommt gerade beim Publikum an? Heutzutage ist das einfach: Alles was mit Trump, MeToo & Co zu tun hat aber sie geht noch einen Schritt weiter. Sie nutzt das ideale Momentum indem sie ihre Homosexualität und ihr Äusseres einwebt um ihre Karriere auf einem anderen Pfad zu boosten. Wahnsinnig gut getimed. Da kann man enorm viel lernen!
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    1. Antwort von Stefan Trasser  (chiggifan)
      Genau das ist es. Eine perfekte Opferrolle einzunehmen und eine grosse Anklage an die Gesellschaft, das kommt heutzutage gut an. Sie macht noch das grosse Business damit.
      Ich hasse dieses Spiel mit der Opferrolle. So viele Menschen, die ich kenne, haben ihr eigenes Leben damit blockiert. Möglicherweise haben sie mit Vielem, das sie sagen, auch recht. Allerdings nützt es nichts, wenn sie sich damit selbst blockieren.
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    2. Antwort von Anna Gavalda  (Ruined87)
      Danny und Stefan: Wenn Gadsby vor der MeToo-Ära über ihre Vergewaltigung geredet hätte, hätten Typen wie ihr sie nicht beachtet oder ihr nicht gelaubt. Jetzt, nach MeToo, hört ihr ihr zwar zu, glaubt ihr ihr (vielleicht) sogar, aber ihr bezichtigt sie, dies einfach aus Geltungssucht/für Zuschauerzahlen zu tun. Wie nett.

      Stefan: Sie haben Nanette nicht gesehen/gehört, wieso erlauben Sie sich einen Kommentar dazu?
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  • Kommentar von Edgar Dubach  (Shikamoo)
    Boah...ganz grosses Kino!!! Habe die 'Show' nicht gesehen. Wenn das aber so ablief dann meinen allergrössten Respekt, Daumen hoch, Gratulation!!! Eine Revolution der Comedy!!
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