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Gesellschaft & Religion Hans Küng: «Ich lebe auf Abruf»

Hans Küng hat sein drittes und letztes autobiographisches Buch veröffentlicht. Der weltberühmte Schweizer Theologe resümiert darin sein Leben und Werk. Für Aufsehen sorgt vor allem sein Schlusskapitel «Am Abend des Lebens». Darin denkt der 85-Jährige offen über einen selbstbestimmten Tod nach.

Hans Küng an einem Rednerpult
Legende: Hans Küng denkt öffentlich über einen selbstbestimmten Tod nach. Das könnte seine letzte grosse Rebellion sein. Keystone

Im Januar 2008 war Schluss mit dem Skifahren. Kurz vor seinem 80. Geburtstag kam Hans Küng zur Erkenntnis, dass nun ein Ende sein müsse mit Parallelschwung und kühner Abfahrt. Danach begannen sich die Altersbeschwerden des Professors zu häufen. Das Kreuz tat weh, das Reisen wurde schwieriger, die Hände schmerzten.

Vor einem Jahr kam die beginnende Parkinson-Krankheit hinzu. Nach einem Hörsturz fiel das rechte Ohr weitgehend aus. Eine altersbedingte Makula-Degeneration sorgte dafür, dass die Sehkraft immer schlechter wurde und der Schriftgelehrte bald nicht mehr sehen konnte.

Vorboten des Todes

«Ich lebe auf Abruf», konstatiert der einst so energische Kirchenkritiker Hans Küng im dritten Teil seiner Memoiren. Die zunehmenden Gebrechen seien «Vorboten des Todes». Noch kämpft er gegen sie an mit Medikamenten und physischen Übungen. Auch mit 85 möchte Hans Küng noch weitgehend selbstbestimmt sein. Dazu gehört für ihn auch der selbstbestimmte Tod.

Über das menschenwürdige Sterben, ein Sterben in Selbstverantwortung, hatte sich Küng schon in den 1990er-Jahren intensive Gedanken gemacht. Damals hielt er mit seinem Tübinger Nachbarn und Freund Walter Jens zusammen eine entsprechende Vortragsreihe. In diesem Sommer hat Küng miterleben müssen wie sein Freund, der grosse Rhetoriker, nach langer, schwerer Demenz starb.

«Ich will nicht als Schatten meiner selbst weiter existieren», schreibt Küng. Er denkt darüber nach, eventuell auch mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben zu scheiden, wenn er keine Hoffnung mehr sieht auf ein humanes Weiterleben. Es gebe ein Recht auf ein Weiterleben, aber keine Pflicht dazu, stellt Küng klar. Er wolle sein Leben nicht verenden, er wolle es vollenden.

Küng beschreibt sich als lebenssatt

Auf 600 Seiten beschreibt Hans Küng seinen Kampf als Kirchenkritiker und Begründer der Stiftung Weltethos. Küng wurde im Laufe dieses Kampfes zu einem der weltweit wichtigsten Vorkämpfer eines reformorientierten Katholizismus. Nun ist er – er nennt es nicht lebensmüde, er nennt es lebenssatt.

Sein öffentliches Nachdenken über einen selbstbestimmten Tod könnte eine letzte grosse Rebellion gegen die katholische Amtskirche sein, die dieses grundlegend ablehnt. Der sehr fromme Theologe Hans Küng aber schreibt, dass nirgendwo in der Bibel stünde, der Mensch habe bis zu einem verfügten Ende durchzuhalten. Stattdessen glaubt er fest an ein Leben nach dem Tod.

Hans Küng ist nicht nur unbeirrbar, er ist auch Perfektionist. Sein Grab auf dem Tübinger Stadtfriedhof ist schon ausgesucht. Es liegt direkt neben seinem früheren Wohnungsnachbarn Walter Jens.

Buchhinweis

Hans Küng: «Erlebte Menschlichkeit. Erinnerungen.» Piper-Verlag, 2013.

14 Kommentare

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  • Kommentar von A.Käser, Zürich
    U.Zaugg/Wie jede/r unter uns,ist Herr Küng eine"Liebes-Manifestation".Die Liebe sich selbst und Allem gegenüber,sowie die Liebe von Allem ihm gegenüber,lässt ihm die Entscheidung frei,über die Aufrechterhaltung seines materiellen Seins-Zustand in eigener Verantwortung zu entscheiden.Sterben ist kein Zustand sondern ein Prozess.Übergang in eine andere Dimension.Tod sein,gibt es nicht.Es gibt nur verschiedene Seinszustände.Liebe,Leben und Tod sind EINS.
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  • Kommentar von Ueli Zaugg, Eriz
    "Sein Leben selbst bestimmen - also auch seinen Tod" erscheint auf den 1. Blick logisch. Logischer wäre aber: Wurde Herr Küng gefragt, ob und ab wann er leben wolle? Ergo -> Bei Vertrauen in (s)einen Schöpfer könnte man auch das Ende 'abgeben'...Ich wünsche Herrn Küng solches Vertrauen!
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    1. Antwort von A.Käser, Zürich
      @U.Zaugg/Ein Ende gibt es nicht und wird es nie geben.Anfang und Ende ist ein Begriff in welchem der Mensch eine Orientierung sucht.Gleichzeitig führt ihn diesen Begriff jedoch in die grösste Verwirrung.Denn durch ihn versucht er eine Sinnhaftigkeit zu finden/definieren.Diese gibt es jedoch in unserem"Sinn"nicht.Es gibt nur Liebe.Liebe IST.Sie sucht keinen Sinn.Sie manifestiert sich in Verbindung mit Geist in endlosen Variationen um sich selbst zu reflektieren.Liebe liebt sich selbst und ALLES.
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  • Kommentar von Suzanne Altmann, München
    Hr Küng ist ein Repräsentant der modernen Theologie, als für ihn zuerst der Arzt kommt und dann erst Gott, und Mose 2,15,26 wird auf den Kopf gestellt: "Ich bin der ARZT, dein HERR". Auch gesamtgesellschaftlich haben die Theologie und der Glaube an Gott schon längst abgedankt zu Gunsten der Unterwerfung unter die modernen Götter in Weiß und deren HEILsdiktat (Doktatur). Die Krankheit wird verteufelt und die Illusion HEIL&Gesundheit läßt die Kassen klingeln. Zum Glück gibt es die Patientenfront.
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