Notstand in der Pflege Hat die Langzeitpflege ein Imageproblem?

Zu wenig Fachkräfte wollen in der Langzeitpflege arbeiten. Gesellschaftliche Veränderungen verschärfen die Situation zusätzlich.

Ein Bild aus einem Altersheim: Eine Pflegerin hält die Hand einer Patientin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In der Langzeitpflege haben Fachkräfte mit Menschen zu tun, die nicht mehr gesund werden. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Den meisten Alters- und Pflegeheimen fehlt es an Fachkräften.
  • Die Langzeitpflege wird immer anstrengender. Gleichzeitg sind Lohn und Karrierechancen gering.
  • Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, müssen Aufgabenprofile attraktiver sowie die Arbeitsbedingungen verbessert werden.

93 Prozent aller schweizerischen Alters- und Pflegeheime haben grösste Schwierigkeiten, genügend qualifiziertes Pflegepersonal zu finden. Das ergibt eine Studie des Institutes für Pflegewissenschaft der Universität Basel.

Wie kann unter diesen Umständen die Pflegequalität für alte Menschen gesichert werden? Wie kann dafür gesorgt werden, dass die Fachkräfte in den Pflegeheimen nicht überfordert sind oder gar ausbrennen?

Es kann Jahre dauern

Helena Zaugg, Präsidentin des Schweizerischen Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK, stimmt dieser Notstand nachdenklich.

Hat die Langzeitpflege ein Imageproblem? Oder weshalb gehen Pflegefachpersonen nicht in die Langzeitpflege und arbeiten zum Beispiel in einem Pflegeheim? «Eine Person, die diese Arbeit wählt, hat primär das medizinische, von der Schulmedizin geprägte Setting vor Augen» meint Zaugg.

Man erwarte, dass es schnell gehe und spannend sei. Im Pflegeheimsetting stehe gerade diese Schnelligkeit, das Akute, nicht im Vordergrund. Hier pflege man die Bewohner bis zum Tod – das kann Tage dauern, manchmal auch Jahre.

Anstrengender Rhythmus

Mit anderen Worten: In der Langzeitpflege haben es die Profis mit Menschen zu tun, die nicht mehr gesund werden. Mit Menschen, die gleichzeitig sehr häufig an mehreren Krankheiten leiden. Menschen, die hohe Ansprüche an die Pflege stellen und trotz guter Pflege und Altersmedizin ihrem Ende entgegen leben.

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Die grösste Not im Pflegenotstand kommt aber auch von gesellschaftlichen Veränderungen. Die Präsidentin des SBK erklärt: «Die wichtigste Veränderung ist wohl, dass die Personen erst zu einem späteren Zeitpunkt ins Heim eintreten. Sie sind kränker und leiden oft an mehreren Erkrankungen. Ausserdem gibt es mehr ältere Menschen».

Durch das spätere Eintreten und die Zunahme der Zahl älterer Menschen sei in der Langzeitpflege ein anstrengender Rhythmus entstanden.

Alle Hände voll zu tun

Weil alte Menschen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben möchten, hat auch die Spitex alle Hände voll zu tun. Auch dort fehlt es an Fachkräften. Es gibt also Handlungsbedarf.

Helena Zaugg hat eine anspruchsvolle To-do-Liste im Kopf: «Es ist dringend nötig, in der Langzeitpflege attraktive Aufgabenprofile und Karrieremodelle zur Verfügung zu stellen. Und mit Weiterbildungen alle Pflegenden, also auch Ü-60-Pflegepersonen zu qualifizieren», so Zaugg.

Als zweiten Punkt müsse man das Lohnniveau angleichen. Und drittens individualisierte Zeitmodelle einführen. Kleine Arbeitspensen sollen möglich sein. Es gibt Betriebe, die das bereits tun, und sie feiern damit grosse Erfolge.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 26. Januar 2017, 17:06 Uhr.