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Hausaufgaben: Tamar schreibt Tagebuch
Aus Kontext vom 04.05.2020.
abspielen. Laufzeit 15:19 Minuten.
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Hausaufgabe: Corona-Tagebuch Das Tagebuch von heute ist das Geschichtsbuch von morgen

Viele Lehrpersonen lassen ihre Schüler im Fernunterricht ein Corona-Tagebuch schreiben. Was verspricht man sich davon?

Normalerweise liegen die Tagebücher griffbereit unter den Pulten. Die Klasse 5e vom Primarschulhaus Neubad in Basel schreibt schon seit längerem Tagebuch.

«Es ist wie ein guter Freund, dem ich alles erzählen kann», sagt Schülerin Tamar. Und Hanna meint, sie schreibe gerne ins Tagebuch – sofern sie etwas erlebt habe.

Vom Tagebuch ins Geschichtsbuch?

Nun erleben die Kinder eine Pandemie. Die Schulen sind geschlossen. Ein historischer Moment. Dieser soll festgehalten werden, findet Primarlehrerin Christine Kamasa.

Sie hat jedem Kind das Tagebuch nach Hause gebracht und den Kindern die historische Dimension der Gegenwart erklärt. «Ich habe der Klasse gesagt, dass wenn sie etwas in ihr Tagebuch schreiben, der Text vielleicht eines Tages in einem Geschichtsbuch steht.»

Schule zu Hause und weisse Nächte

Ein didaktisch cleverer Kniff – weil es wohl den Ehrgeiz beim einen oder anderen Schreibmuffel weckt und weil es wahr ist. Diese Tagebucheinträge sind historisch.

Zum Beispiel der erste Beitrag von Hanna zur Coronazeit. Am 19. März berichtet sie, wie sie das Schulmaterial nach Hause geliefert bekommt. Der Beitrag von Leon, der am 29. April schreibt, wie es sich anfühlt, seit 7 Wochen nicht mehr in der Schule gewesen zu sein.

Oder der Beitrag von Tamar. Sie beschreibt, wie sie endlich die Mutter überzeugen konnte, eine sogenannte weisse Nacht zu veranstalten. Eine Nacht, in der man ewig aufbleiben, so viele Filme schauen und Bücher lesen darf, wie man will.

Die Methode Tagebuch – mehr als ein didaktischer Kniff

Die Klasse von Christine Kamasa hat schon vor Corona Tagebuch geschrieben. Die Methode überzeugt die Klassenlehrerin aus mehreren Gründen:

  • Wenn die Klasse aufgebracht sei, dann lasse sie die Kinder 20 Minuten lang schreiben. Das bringe Ruhe in die Klasse und die Kinder können sich entspannen.
  • Aus schreibdidaktischer Sicht gilt das Tagebuch als gutes Mittel. Schreibdidaktik, also die Frage, wie man Kinder zum Schreiben bringt, ist eine knifflige Angelegenheit:
    «Es ist immer ein Balanceakt zwischen schreiben müssen und schreiben wollen. Gerade das Tagebuch bietet hier viele Freiheiten. Es gibt kein richtig oder falsch, kein Ziel», so Kamasa. «So entstehen immer wieder richtige Perlen.»
  • Das Tagebuch sei eine niederschwellige Art zu schreiben: Man braucht nur ein Stift, ein Heft, sich selber – und nicht selten vergesse man sich beim Schreiben.

Mit der Büroklammer das Geheimnis wahren

Die Gedanken sind frei, aber nicht privat. Denn Christine Kamasa liest die Texte. Deswegen gibt es eine Abmachung zwischen der Lehrerin und der Klasse: Die Schülerinnen und Schüler dürfen Seiten mit dem Bostich oder einer Büroklammer zusammenheften, wenn sie nicht wollen, dass Christine Kamasa sie liest.

Besteht bei aller Freiheit nicht trotzdem die Gefahr, dass die Kinder angepasst schreiben, im Wissen darum, dass die Lehrerin mitliest? «Sicher, das lässt sich nie ganz vermeiden», so Kamasa. «Ich empfinde die Texte trotzdem häufig als sehr authentisch und ehrlich.»

Das Tagebuch als Anker

So lernt Christine Kamasa durch die Tagebucheinträge ihre Schülerinnen und Schüler immer wieder von einer neuen Seite kennen. «Es gibt Schreibkinder und Sprechkinder.» Gerade Kinder, die eher etwas zurückhaltend seien, können sich schriftlich eher mitteilen. Wenn es für sie stimme, in ihrem Tempo.

«Ich hoffe auch, dass das Tagebuch ein Anker sein kann für die Kinder. Vielleicht auch mal in einem Moment, wo sie wirklich verzweifelt sind. Oder extrem glücklich.»

Voller Emotion und Erinnerung

Wie nutzen Tamar und Hanna das Tagebuch? «Ich schreibe rein, wenn ich glücklich oder hässig bin. Dann steht es auf Papier und ich kann mich immer dran erinnern», meint Hanna und Tamar sagt: «Es ist wie ein Trost.» Auch wenn sie betont, dass ihr Tagebuch vor allem aus Seiten voller Glück bestehe.

Das Tagebuch als Anker für das Selbst, als Anker, um Gefühle zu bändigen: so wird das Tagebuchschreiben letztlich eine Fähigkeit, die einem im Leben helfen kann – nicht nur während einer Pandemie.

Und Leon? Er sieht sich schon als Vater, wenn er eines Tages seinen Kindern von jener Zeit erzählen wird, als er nicht zur Schule durfte. «Meine Kinder liegen gelangweilt auf dem Sofa. Und dann wühle ich in meiner Krimskrams-Kiste, zücke das Tagebuch und erzähle, wie das war.»

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 5.5.2020, 9.03 Uhr

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