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Heiliger Whanganui-River Ein Fluss bekommt Rechte – und ändert unseren Blick auf die Natur

Kann ein Fluss eine juristische Person sein? Ja, kann er – zumindest in Neuseeland. Der Whanganui-River war den Māori schon immer heilig, seit 2017 ist er eine juristische Person. Ein Urteil, das weltweit aufhorchen liess.

Der Māori-Flusswächter Ned Tapa lädt einen Ältesten der First Nations aus Australien und dessen Tochter zu einer Kanufahrt auf dem neuseeländischen Fluss Whanganui ein. Der Whanganui erlangte 2017 weltweit Bekanntheit, weil ihm das Parlament Neuseelands aufgrund seiner kulturellen und spirituellen Bedeutung für das Volk der Māori den Status einer juristischen Person verlieh.

Person im Kanu auf breitem Fluss zwischen grünen Ufern.
Legende: Der Whanganui-River in Neuseeland ist einer der kulturell und spirituell bedeutendsten Flüsse der Welt – insbesondere für die Māori. Imago Images / Danita Delimont

Begleitet werden die drei von einer Filmcrew aus Europa und Ned Tapas Hund Jimmy. «Wir kannten Ned von einem früheren Projekt, und als er uns einlud, mit ihm und seinen australischen Gästen den Whanganui paddelnd auf dem Wasser zu erkunden, waren wir sofort dabei», sagt Corinne van Egeraat, die den Film mit Regisseur Petr Lom produzierte. «Es geht um kaupapa, wie die Māori sagen, um einen moralischen Kompass, der uns durchs Leben leitet.»

Der Fluss ist ein Vorfahr

Für die Māori sind Mensch und Natur eins, wie es der Klangkünstler Puoro Jerome erklärt: «Je nachdem, aus welcher Region man kommt, haben wir alle einen Berg und einen Fluss, auf den wir uns berufen. Wenn wir also eine Ansprache halten oder uns vorstellen, nennen wir zuerst den Berg, dann den Fluss, dann den Stamm und die Unterstämme und zum Schluss unseren Namen.»

Person am Flussufer mit Holzblasinstrument.
Legende: Der Fluss ist für die Māori des Whanganui-Iwi ein Ahne (tupuna) – also ein Vorfahr und Teil ihrer Identität. 2024 ZIN DOCUMENTAIRE

Diese Weltsicht sei der weissen Mehrheit inzwischen bekannt, auch weil Neuseeland – oder Aotearoa, wie die Māori ihr Land nennen – in den letzten Jahrzehnten signifikante Fortschritte erzielte, wie Corinne van Egeraat erklärt. «Die Sprache der Māori – Te reo Māori – ist eine Landessprache und wird inzwischen auch von Weissen gelernt, ihre Kultur ist anerkannt und Teil des nationalen Selbstverständnisses.»

Auswirkung des Kolonialismus

Das war nicht immer so. Im Gegenteil: Der Kampf um den Whanganui River reicht über 140 Jahre zurück und beginnt mit der Ankunft weisser Siedler aus Europa. Es ist eine Geschichte, die auch in den USA, Kanada oder Lateinamerika spielen könnte. Also überall dort, wo sich weisse Europäer niederliessen und Flora, Fauna und der einheimischen Bevölkerung ihre Weltsicht und Lebensweise aufzwangen.

Rechtlich gesehen, so erklärt es eine neuseeländische Parlamentarierin im Film, sei die Umsetzung übrigens kein Problem, denn erstens hätte der Fluss zwei «Flusssprecher», die ihn vor Gericht vertreten und zweitens hätten auch Firmen eine Rechtspersönlichkeit, obwohl sie keine echte Sache seien. Darüber herrsche in der westlichen Welt auch Konsens.

Immer mehr Flüsse

Heute gibt es Flüsse in Australien, Indien und Kolumbien, denen ebenfalls eine Rechtspersönlichkeit zugesprochen wurde. Und in Ecuador sind die Rechte der Natur sogar seit 2008 in der Verfassung verankert. Dies zeige, dass sich die Sichtweise der Menschen auf die Natur verändere, so van Egeraat.

Kleiner Wasserfall inmitten von üppiger Vegetation an einer Felswand.
Legende: Werden Naturerscheinungen wie Flüsse zu juristischen Personen erhoben, fordert dies stets westliche Rechtsvorstellungen vom «Eigentum an Natur» heraus. 2024 ZIN DOCUMENTAIRE

«Das Bewusstsein, dass wir als Hüterin und nicht als Eigentümerin der Natur handeln sollten, wächst. Ebenso dass unsere Entscheidungen Generationen betreffen, nicht bloss uns selbst.»

Rechte für die Reuss?

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Fluss vor schneebedecktem Berg und bewaldeten Hügeln.
Legende: KEYSTONE/Urs Flueeler

«Der Lebensraum der Natur schrumpft kontinuierlich. Das wird nur aufhören, wenn sich die Natur in unserem Rechtssystem mit eigener Rechtspersönlichkeit dagegen wehren kann», schreibt Alt-Nationalrat Hans Widmer, der gemeinsam mit Juristen, Politikerinnen und Privatpersonen die Reuss-Initiative lancierte. Diese möchte den Anspruch der Reuss auf «ökologische Unversehrtheit» in der Luzerner Kantonsverfassung verankern. Voraussichtlich 2027 wird darüber abgestimmt.

Die kleine Gruppe kommt am Ende ihrer Flussfahrt dort an, wo der Fluss ins Meer mündet. Und Brendan sagt: «Alles ist miteinander verbunden. In Australien nennen wir dies Traumpfade. Wenn wir der Natur zuhören, dann hören wir, wie diese Traumpfade sich verbinden. Deshalb geh einfach zu deinem Fluss, und höre zu, wie er klingt. Das ist schon mal ein Anfang.»

SRF 1, Sternstunde Religion, 25.5.2026, 10:05 Uhr

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