Helena Petrowna Blavatsky – Die Sphinx des 19. Jahrhunderts

Als eine der ersten Frauen gründete sie eine spirituelle Bewegung. Ihre Bücher sind noch heute Klassiker der westlichen Esoterik. Sie popularisierte östliche Religionen im Westen und trug dazu bei, dass Begriffe wie «Karma», «Reinkarnation» oder «Nirwana» heute zum Allgemeinwissen gehören.

Porträt von Helena Petrowna Blavatsky. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Madame Blavatsky: Eine wissbegierige, abenteuerlustige Frau mit Blick für das Unsichtbare (1889). Charlotte Wenger / blavatskyarchives

Helena Petrowna Blavatsky wird am 31. Juli 1831 in Südrussland geboren. Ihr Vater ist Offizier in der Armee des Zaren, ihre Mutter eine bekannte Schriftstellerin. Da die Mutter früh stirbt, wachsen Helena und ihre Geschwister bei den Grosseltern auf.

Helena ist ein eigenwilliges Kind, das sich jeglichen Erziehungsversuchen widersetzt. Sie weiss selbst am besten, was gut für sie ist: Zum Beispiel Lesen. In der grosselterlichen Bibliothek findet sie nicht nur die russischen Klassiker, sondern auch zahlreiche Bücher über Mystik, Magie, Alchemie und das Freimaurertum. Helena, die sich schon als Teenager zu allem Übersinnlichen hingezogen fühlt, verschlingt Buch um Buch.

Weltenbummlerin

Knapp 18 jährig heiratet sie den doppelt so alten Nikifor Blavatsky, den sie aber bald darauf wieder verlässt. Auch eine zweite Heirat einige Jahre später hält nur wenige Monate. Das Eheleben behagt ihr nicht. Sie will sich nicht in die damals übliche Frauenrolle zwängen lassen. Sie ist wissbegierig und lechzt nach Abenteuern.

Ihre Suche nach dem Sinn des Lebens treibt sie durch die halbe Welt. Mehrmals pilgert sie nach Indien, das damals im Westen gerne romantisiert wird. Ex oriente lux – vom Osten und insbesondere von Indien soll die Welterkenntnis kommen.

Jenseitskontakte

Aus Indien stammen auch Blavatskys geistige Führer, ihre «Meister», die vom Jenseits aus immer wieder Kontakt mit ihr aufnehmen. Diese Meister beauftragen sie nicht nur mit der Gründung der Theosophischen Gesellschaft, sondern diktieren ihr auch zahlreiche Schriften.

So ungewöhnlich war diese Vorstellung im 19. Jahrhundert nicht – spiritistische Séancen, bei denen Tische abhoben und Botschaften aus dem Jenseits durch Klopfsignale übermittelt wurden, sind zu der Zeit in Europa und in den USA gross in Mode.

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Buchhinweis

Ursula Keller & Natalja Sharandak: «Madame Blavatsky». Eine Biographie. Insel, 2013.

Selbst Einstein liest Blavatsky

Trotz zahlreicher Skandalgeschichten, die über sie verbreitet werden, scharen sich zahlreiche Anhänger um Blavatsky. Ihr erstes Hauptwerk «Isis entschleiert» ist bereits nach zehn Tagen vergriffen. Und ihr Opus magnum «Geheimlehre» soll sogar in Albert Einsteins Bibliothek gestanden haben. Es heisst, Einstein habe seinem Kollegen Werner Heisenberg geraten, sich bei Problemen in dieses Buch zu vertiefen.

Die Theosophie polarisiert

Das zentrale Thema der Theosophie, wie sie Blavatsky in der «Geheimlehre» darstellt, ist die geistige Entwicklung des Menschen durch verschiedene Reinkarnationen. Dabei herrscht das Gesetz des Karma: Alle Taten und Gedanken im jetzigen Leben haben Auswirkungen auf das nächste. Angestrebt wird ein Aufstieg zu immer höheren spirituellen Ebenen.

Doch die Hohepriesterin der Theosophie wird nicht nur bejubelt. Blavatskys scharfe Kritik an Christentum und Kirche und die von ihr postulierte Gleichberechtigung der Religionen bleibt nicht unwidersprochen. In ihren letzten Lebensjahren kämpft sie immer wieder gegen Betrugsvorwürfe und Verleumdungen. Am 8. Mai 1891 stirbt sie in London.

Zwischen Wahrheit und Fiktion

Helena Petrowna Blavatsky war zweifellos eine der schillerndsten Frauenfiguren des 19. Jahrhunderts. «Ich bin ein psychologisches Rätsel für die späteren Generationen», schrieb sie über sich selbst. Wie wahr! Sie selbst verwob Fakten und Phantasie über ihr Leben dermassen, dass es kaum je möglich sein wird, in ihrer Biographie Realität und Fiktion säuberlich voneinander zu trennen.

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