Herrschaftsinstrument Klavier

Das Klavier steht vorwiegend in Wohnzimmern. Gespielt wird es mehrheitlich von Menschen mit höherer Bildung. Die Erfolgsgeschichte des «bürgerlichen Möbels» geht auf das 19. Jahrhundert zurück und hält sich ungebrochen.

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Bildlegende: Nach wie vor repräsentiert das Klavier den sozialen Aufstieg. Colourbox

Das Klavier ist ein Kind der industriellen Revolution. Mehr als jedes andere Instrument gleicht es einer Maschine, die bedient werden muss. Sein Klang kommt indirekt zustande – über die mechanische Vermittlung von Kräftehebeln.

Die Perfektionierung des Klavierbaus erlebte in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris einen ersten Höhepunkt. Die Firmen Erard und Pleyel griffen auf die Pionierleistungen englischer Klavierbauer zurück und entwickelten Instrumente mit mehr Klangfülle und grösserer Agilität.

Gleichzeitig konnte man durch hohe Produktionszahlen die Preise senken und somit einen neuen Markt erschliessen. Das aufstrebende Bürgertum konnte sich jetzt leisten, was früher nur der Oberschicht zugänglich war – das Tasteninstrument Klavier.

Das Klavier ist ein Statussymbol

Der «Kasten mit Tasten» machte sich gut in den Wohnzimmern und diente dort nicht allein der Hausmusik und dem – gemessen an anderen Instrumenten leichten – Erzeugen von Klängen und Melodien. Das Klavier repräsentierte darüber hinaus den sozialen Aufstieg und die Zugehörigkeit zu einer neuen Klasse. Diese konnte im Zuge der industriellen Revolution vom Wirtschaftswachstum profitieren und schuf sich eigene Statussymbole.

Das Klavierspielen unterschied und unterscheidet bis heute Menschen voneinander und ist ein Ausdruck spezifischen sozialen Handelns. Wer musiziert, grenzt sich von jenen ab, die es nicht tun. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu bezeichnet dies als Vorgang der «Distinktion, die gesellschaftliche Ein- und Ausgliederungsprozesse verfolgt.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Trotz Bemühungen wie zum Beispiel jenen der Reformpädagogik, die den Zugang zum Musizieren auch für Kinder sogenannt «bildungsferner» Milieus erleichtern wollte. Immer noch spielen sozial Privilegierte viermal häufiger ein Instrument, während Menschen anderer sozialer Prägung mehrheitlich Sport als Betätigungsfeld wählen.

Das Instrument ist teuer, braucht Platz und eine entsprechende soziale Umgebung. Die Macht der Distinktion ist ungebrochen und beim Klavier besonders augenfällig.

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