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Himmelsscheibe von Nebra – Zeichen für eine frühe Globalisierung?
Aus Perspektiven vom 05.06.2021.
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Himmelsscheibe von Nebra Neue irdische Erkenntnisse – dank dieser Himmelsscheibe

Globaler Handel ist viel älter, als man bisher dachte: Das zeigt eine neue Analyse der ältesten Himmelsdarstellung der Welt.

«Die Himmelsscheibe von Nebra ist wie eine Flaschenpost aus der Vergangenheit», sagt der Historiker Kai Michel. «Sie erzählt uns wunderbare Dinge über eine uns fast unbekannte Kultur.» Als die Bronzescheibe vor 20 Jahren gefunden wurde, war das eine Sensation.

Die älteste Himmelsdarstellung weltweit wurde nicht im Orient mit seinen Hochkulturen in Ägypten und Babylon entdeckt, sondern im Harzgebirge im Osten Deutschlands. Im «Reich von Nebra» der wenig bekannten Aunjetitzer Kultur.

Die Himmelsscheibe von Nebra

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Die Himmelsscheibe von Nebra, rund 3800 Jahre alt, zeigt eine Mondsichel, einen Vollmond oder eine Sonne, Sterne und ein Sternenbild, wohl die Plejaden. Dazu einen Himmelsbogen am Rand und ein Schiff.

Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass die Himmelsscheibe mehrmals verändert wurde. Zunächst war sie wohl eine Art Kalender. Dann kamen die Himmelsbögen hinzu (ursprünglich waren es zwei), die Sonnenauf- und Sonnenuntergang im Laufe der Jahres zeigten, sowie halfen, den kürzesten und längsten Tag zu berechnen.

Das Schiff – die letzte Veränderung – deutet die Forschung als mythische Himmelsbarke. Vor rund 3600 Jahren wurde die Himmelsscheibe vergraben, weshalb ist unbekannt.

Der Fund der Himmelsscheibe löste eine Forschungswelle aus. Viele kleine Puzzlesteinchen kamen zusammen. So fanden Forscherinnen und Forscher etwa die Kreisgrabenanlage von Pömmelte, das «Stonehenge von Deutschland»: einen Ritualort, ebenso komplex wie der Steinkreis in England.

Handelsbeziehungen von England bis nach Babylon

Es zeigte sich, dass es schon in der Bronzezeit vor 4000 Jahren weitläufige Handelsbeziehungen gab: Gold und Zinn der Himmelsscheibe stammten aus Cornwall, das Kupfer kommt aus Österreich. Und das Wissen, das auf der Himmelsscheibe verewigt wurde, komme gar aus dem Nahen Osten, schreiben Historiker Kai Michel und sein Co-Autor Harald Mellner in ihrem neuen Buch.

Buchhinweis

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Harald Meller, Kai Michel. Griff nach den Sternen. Nebra, Stonehenge, Babylon: Reise ins Universum der Himmelsscheibe. Propyläen Verlag, 2021.

Sie argumentieren, die Himmelsscheibe sei in ihrer Anfangszeit, also vor 3800 Jahren, ein Instrument gewesen, um den Sonnen- und Mondkalender zu vereinen. Dieselbe Technik hätten auch die Herrscher in Babylon benutzt, etwa der berühmte Hammurabi.

Die Aunjetitzer könnten das Wissen also aus dem Nahen Osten übernommen haben. Zumal es Beweise für Handelsbeziehungen gab: Perlen aus Ägypten, die in England gefunden wurden. Und Bernstein aus dem Baltikum in Assur im heutigen Irak. Wenn es Warenverkehr gab, warum also kein Wissensverkehr?

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Himmelsscheibe von Nebra: Ausdruck einer schon damals vernetzten Welt
07:00 min, aus Echo der Zeit vom 04.06.2021.
abspielen. Laufzeit 07:00 Minuten.

Weniger Gleichheit, mehr Hierarchie

Diese Theorie ist bisher genau das: eine Theorie. Vieles bleibt trotz Himmelsscheibe und neuer Forschung unbekannt. Denn die Aunjetitzer kannten keine Schrift, in der sie von Reisen oder Handelsbeziehungen hätten erzählen können.

Klar ist aber: Die Bronzezeit war eine Zeit der grossen Veränderungen. Erstmals gab es grössere Reiche in Europa mit Herrschern, die über kleinflächige Häuptlingstümer hinauswuchsen. Aus einer relativ egalitären Gemeinschaft wurde eine hierarchische. Die neuen Anführer mussten ihre Herrschaft neu legitimieren und begannen, sich als Nachfahren der Götter darzustellen.

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Krumme Tour mit historischen Folgen — wie die Himmelsscheibe von Nebra in die Schweiz kam
Aus Kulturplatz vom 27.09.2006.
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Auch das zeigt sich auf der Himmelsscheibe. Denn sie wurde im Laufe der Zeit verändert und erhielt neu eine Sonnenbarke, ein Schiff, das den Übergang von der Erde zum Himmel symbolisiert – vom irdischen zum göttlichen. Die Forscherinnen und Forscher gehen zudem davon aus, dass die Himmelsscheibe neu zur Schau gestellt wurde.

Darauf deuten die Löcher hin, die nachträglich in den Rand gestanzt wurden. Die Himmelsscheibe wurde also von einem wissenschaftlichen Instrument zur Berechnung der Zeit zu einem Herrschaftssymbol, das die Nähe der Elite zum Göttlichen beweisen sollte.  

Sendung: Radio SRF 2 Kultur. Perspektiven, 5.6.2021, 17:59 Uhr

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Aeschlimann  (wernz)
    Und dann kamen die Christen.........
  • Kommentar von Peter Hahnau  (Peter Hahnau)
    Man stelle sich vor, in 1000 Jahren finden die Menschen Relikte aus der heutigen Zeit. Was die da wohl alles reininterpretieren? Konservierte Reste gebrauchter Masken als Zeichen für intensiven Mundgeruch? Aus Baggypants werden Rückschlüsse auf unsere Körperfigur gezogen? Ein Rubics Cube als prophetisches Hilfmittel? Ein Smartphone ein Gegenstand ritueller Handlungen?
    1. Antwort von Julius Stern  (Stimme der Vernunft)
      Ja, das wäre doch lustig! :) Schade, dass wir das nicht mehr erleben werden (logischerweise).
    2. Antwort von Andreas Grünkraut  (Grünkraut)
      Da wir inzwischen wesentlich fortschrittlichere Methoden zur Bewahrung von Informationen besitzen, scheint Ihre Vorstellung doch recht weit von Realität entfernt. Ausser wir schiessen uns selbst an den Rande der Existenz mit z.B. Kriegen oder das Ignorieren der Erderwärmung.
    3. Antwort von Peter Hahnau  (Peter Hahnau)
      @Andreas Grünkraut: Ich lasse es jetzt mal offen, ob es Ihnen an Phantasie oder Humor fehlt.
    4. Antwort von Pascal Ringenbach  (stuhlflechter)
      @Grünkraut: Wiso weit entfernt von der Realität? Wer weiss denn genau was in 1000 Jahren noch hier ist und in welchem Zustand? Und wenn etwas gefunden werden sollte, wer sagt uns das die zukünftigen Entdecker das Objekt auch richtig einordnen können? Zeigen Sie einem U20 Menschen z.B. ein Butterfass oder Abziehleder hat dieser wahrscheinlich keine Ahnung was das sein soll. Und diese Dinge waren bis vor kurzem (weniger als 50 Jahre) noch in Gebrauch.
  • Kommentar von Frederic Weill  (Frederic)
    Liebes Team von SRF, vielen Dank für diesen interessanten Beitrag.