1886 kam Stephanie Hollenstein in einer armen Bauern- und Stickerfamilie in Lustenau im österreichischen Vorarlberg zur Welt. Ihr Leben lässt sich mit zwei Formulierungen aus Nina Schedlmayers Buch «Hitlers queere Künstlerin» so zusammenfassen: «vom Melkschemel zur Künstlerin» und «von der Bohème zu den NS-Bonzen».
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Bild 1 von 3. Stephanie Hollenstein führte ein Leben der Gegensätze: zwischen ihrer NS-Begeisterung einerseits und dem Ausbrechen aus den damaligen Wertvorstellungen andererseits. Bildquelle: Historisches Archiv der Marktgemeinde Lustenau / Oliver Heinzle.
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Bild 2 von 3. Auch das ist Stephanie Hollenstein: Als Soldat Stephan Hollenstein während des Ersten Weltkriegs. Ihre wahre Identität war bekannt, aber sie wurde (auch von Offizieren) gedeckt. Konsequenzen hatte ihr Fronteinsatz nicht. Bildquelle: Historisches Archiv der Marktgemeinde Lustenau / Oliver Heinzle.
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Bild 3 von 3. Stephanie Hollenstein, die lesbische, österreichische Malerin stieg im Nationalsozialismus zu einer hohen Funktionärin des öffentlichen Kunstbetriebs auf. Ihre sexuelle Orienterung sorgte innerhalb dieser Kreise nicht für Kontroverse. Bildquelle: Historisches Archiv der Marktgemeinde Lustenau / Oliver Heinzle.
Hollenstein war eine aussergewöhnliche Figur. Als Stephan Hollenstein rückte sie 1915 in den Krieg ein, als Soldat, als Mann. Das sei der erste Ausgangspunkt ihres Interesses für ein Buch gewesen, erklärt Nina Schedlmayer. Was sie auch interessierte, war der – wie sich später herausstellen sollte – nur scheinbare Widerspruch zwischen der Tatsache, dass sie eine glühende Anhängerin der NSDAP und dabei lesbisch war.
Widersprüche ausgeblendet
Man denke «zu oft in zu engen Kategorien», sagt Schedlmayer. Längst nicht alle Kunstschaffenden dachten damals progressiv und demokratisch.
Homosexualität sei in Österreich wie in Deutschland vor, während und nach der Nazizeit verfolgt worden, Hollenstein hat aber «offensichtlich die Einstellung der Gesellschaft, der NSDAP und von Adolf Hitler zu homosexuellen Personen ausgeblendet». Das habe für sie «ganz gut funktioniert», zumal Lesben nicht gleichermassen verfolgt wurden wie Schwule.
Schon 1934 trat Hollenstein der in Österreich noch verbotenen Nazipartei bei und verteilte Propagandamaterial. Bereits Anfang des Jahrhunderts hatte sie sich mit völkischem Gedankengut befasst. Als das Reich 1938 Österreich anschloss, schmückte die Malerin ihren Vorgarten in Lustenau mit vierzehn Hakenkreuzfahnen.
Sie habe sich politisch sehr aktiv eingebracht, so Schedlmayer. Zum Beispiel, indem sie 1939 das Präsidium der Vereinigung Bildender Künstlerinnen Österreichs übernahm. «Sie erwies sich als begabte Netzwerkerin und unterhielt etwa Kontakte zum Kriegsverbrecher Baldur von Schirach, der die Deportation der Wiener Juden verantwortete.»
1941 schlug sie dem Wiener Bürgermeister erfolglos vor, ein «Museum der kunstschaffenden Frau» der «Ostmark» zu schaffen. Ein solches, schrieb sie, wäre ganz im Sinne Hitlers. Als Nationalsozialistin kenne sie kein «höheres Ziel, als der Kunst und damit Führer und Volk zu dienen», zitiert Schedlmayer aus einem Briefentwurf.
Zwei Kunstsammler, Heinrich Rieger und Ludwig Neumark, die ab den 1920ern Werke von Hollenstein angekauft hatten, strich sie später aus ihrem Lebenslauf. «In früheren Biografien führt sie deren Namen an, ab 1938 fehlen diese. Das waren jüdische Sammler, deren Existenz sie später verleugnet hat.»
Schöne Kunst, unschöne Geschichte
Und ihre Kunst? «Technisch war sie auf jeden Fall sehr, sehr gut», urteilt Schedlmayer. «Sie hatte Anklänge an expressionistische Tendenzen. Ihre Porträts sind toll. Sie war auch in der Landschaftsmalerei sehr gut.» Sie habe «gemässigt modern» ländliche Motive gemalt. Eine Stadtansicht in ihrem Werk sticht heraus – als eines der wenigen in einem urbanen Setting.
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Bild 1 von 5. «Hollenstein war, technisch betrachtet, eine brillante Malerin: Ihre Porträts sind psychologisch durchdringend», so Kulturjournalistin Schedlmeyer. «Bildnis der Mutter der Künstlerin». (1916). Bildquelle: Dock20 / Günter König.
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Bild 2 von 5. Auch «ihre Landschaften beeindrucken durch intensive Farbigkeit und Ausdrucksstärke», heisst es von der Kulturjournalistin. «Gebirgssee». (1938) . Bildquelle: Dock20 / Günter König.
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Bild 3 von 5. «Italienisches Haus mit Menschengruppe» (1931) zeigt anonyme Paare und Gruppen, meist gesichtslosdargestellt, vor kahlen Hochhäusern. Das Bild fällt auf – da eine der wenigen Stadtansichten im Werk Hollensteins. Bildquelle: Dock20 / Marktgemeinde Lustenau.
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Bild 4 von 5. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete Hollenstein auch in Kriegsspitälern. Dort fertigte die Künstlerin eine Skizze an und nennt sie «Sterbender Soldat». (1917). Bildquelle: Dock20 / Günter König.
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Bild 5 von 5. Keines von Hollensteins Bildern war besonders berühmt. Durch Kontakte in hohe NS-Kreise verkaufte sie dort zum Teil ihre Werke. «Bildnis eines Soldaten». (1916–1917). Bildquelle: Dock20 / Günter König.
Nach dem Krieg sei die 1944 Verstorbene als lediglich «karrierebewusst» von österreichischen Medien schöngeredet worden. Schedlmayers Buch zeigt, dass mehr dahintersteckte. Nämlich Unschönes. Dass die einstige «Galerie Hollenstein» in Lustenau seit 2020 «Galerie Dock 20» heisst und die Malerin nur noch im Zusatz «Kunstraum und Sammlung Hollenstein» erscheint, kommt nicht von ungefähr.