Müllserie «Ich bin wie Luft – unsichtbar»

Wo gefeiert wird, da gibt es Abfall. Die Müllberge: Auch sie gehören zu Weihnachten und Silvester – und kleiner werden sie nicht. Davon können uns die Männer von der Kehrichtabfuhr ein Lied singen. Wie erleben sie die Kehrseite des Konsums?

Ein Mann blickt in die Kammera Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Muhammed Eshhakuliev arbeitet in Moskau, weil er hier mehr verdient als in seiner Heimat Kirgisistan. SRF/ Vasily Ilyinsky

SRF: Was ist das Absurdeste, das Sie je entsorgen mussten?

Muhammed Eshhakuliev*: Da erinnere ich mich nicht wirklich an etwas Besonderes. Zurzeit sind alte Möbel der Renner. Mir scheint, halb Moskau richtet sich zur Weihnachtszeit neu ein. Viele entsorgen bei dieser Gelegenheit auch einen Teil ihrer Biografien. Die Menschen haben 40, 50 Jahre mit diesen Möbeln gelebt und sie in Ehren gehalten. Wenn ich Platz hätte, könnte ich mit ihnen ein Schloss einrichten – im DDR-Stil oder mit rustikalen rumänischen Eichenholz-Möbeln. Aber ich habe kein Schloss.

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Zur Person

Muhammed Eshhakuliev, 30 (Name geändert), stammt aus der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Wie viele Menschen aus Zentralasien, kam er der Arbeit wegen nach Moskau.

Welchen Gegenstand aus Ihrem Besitz würden Sie nie wegwerfen?

Die Fotos, die mich an meine Grossmutter und meinen Grossvater erinnern.

Warum sind Sie Müllmann geworden?

Aus Not. Ich komme aus Bischkek, der Hauptstadt von Kirgisistan, einer früheren Sowjetrepublik. Aber bei uns gibt es keine Arbeit. Hier in Moskau habe ich wenigstens eine Arbeit – wenn auch nur als Müllmann. Die Russen wollen diese Drecksarbeit ja nicht machen. Das ist unser Glück. Wir sind froh, dass wir überhaupt etwas verdienen. Und der Verdienst ist nicht schlecht – gemessen amVerdienst zuhause. Da hatten wir gar keinen.

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Beruf?

Was wären all die Leute hier ohne uns? Sie würden in ihrem eigenen Müll ersticken! Die meisten von ihnen sehen mich aber gar nicht. Sie schauen mich an, als sähen sie durch mich hindurch. Für Sie bin ich wie Luft, unsichtbar.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Freizeit? Was ist das? Ich lebe mit meiner Frau, meiner grossen Tochter und noch fünf Verwandten in einer kleinen Zwei-Raum-Wohnung. Wie das geht? Wir schlafen alle auf dem Boden auf dicken Teppichen. Die Miete kostet umgerechnet rund 748 Franken. Damit wir die bezahlen können, müssen alle arbeiten. Wenn wir Freizeit haben, schauen wir fern, spielen mit den Kindern und trinken Tee.

Gefällt Ihnen Moskau?

Moskau ist ein Moloch. Hier leben über elf Millionen Menschen. Sie produzieren 25 Millionen Tonnen Müll im Jahr. Der Müll ist ein Problem. Im Zentrum ist die Stadt schön und sauber. Im Frühjahr ist es in den Sperlingsbergen am schönsten, da wo die Stadt grün ist. Jetzt im Winter aber ist hier alles grau und trist. Dann sehne ich mich nach der Wärme von Bischkek.

Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft?

Nach Hause zurückkehren zu können, eine Arbeit zu finden. Genug Geld zu haben, damit mein jüngster Sohn einmal studieren kann. Damit er nicht wie ich im Müll anderer Leute wühlen muss.

Wieviel verdienen Sie?

Knapp 19'400 Rubel, umgerechnet also rund 320 Franken.

Das Gespräch führte Boris Kaimakov.

*Viele der Moskauer Firmen, die eine Lizenz zur Müllentsorgung haben, bedienen sich illegaler Arbeiter. So müssen nicht die vorgeschriebenen Mindestlöhne gezahlt werden und es lässt sich mehr verdienen. Damit die Behörden nicht so genau hinschauen, werden zum Teil beträchtliche Schmiergelder für die Lizenzen gezahlt. Daher wurden alle offiziellen Anfragen unseres Korrespondenten, ein Müllentsorgungsfahrzeug begleiten zu dürfen, von mehreren Müllentsorgungsfirmen abgelehnt. Alle Müllmänner hatten Angst, mit unserem Korrespondenten zu sprechen. Darum bat Muhammed, der nicht Muhammed heisst, seinen Namen zu ändern.