Zum Inhalt springen

Header

Inhalt

Gesellschaft & Religion «Ich konnte Ungerechtigkeit noch nie ertragen»

Ein Leben ohne soziales Engagement ist für sie undenkbar: Vor acht Jahren begann die Dolmetscherin und vierfache Mutter Séverine Vitali bei einer Kundgebung, sich mit Flüchtlingen zu solidarisieren. Heute begleitet sie Menschen in Ausschaffungshaft und engagiert sich beim Solidaritätsnetz.

Auf dem Weg zurück vom Flughafengefängnis, wo Séverine Vitali seit fast einem Jahr einen jungen Algerier in Ausschaffungshaft besucht, klingelt ihr Mobiltelefon. Sie hat eine Sprachnachricht erhalten, liest sie und lacht. «Ich habe kürzlich angefangen, Peul zu lernen, eine westafrikanische Sprache.»

Ihr Privatlehrer ist der Geschäftsführer der Autonomen Schule Zürich und stammt aus Guinea. Es gefalle ihr, sagt die 48-jährige Zürcherin mit französischen Wurzeln, dass nicht er von ihr Deutsch lerne, sondern sie von ihm eine Sprache, die in Westafrika über 20 Millionen Menschen sprechen.

Eine Sprache, die so schwer zu erlernen ist, dass ihr Lehrer ab und zu eine Sprachnachricht schickt. «Dann weiss ich, wie es tönen sollte», sagt die Dolmetscherin, die selber in vier Sprachen fliessend spricht, mündlich und schriftlich übersetzt.

Begegnung statt Vorurteile

Sprachen sind die Welt von Séverine Vitali, und zu Sprachen gehören Menschen. So liesse sich erklären, weshalb die 48-Jährige ein so ausgeprägtes Interesse hat, sich zu engagieren. Sie verbringt ihre gesamte Freizeit damit, Menschen zu unterstützen, sei es auf dem Gang zu einem Amt, sei es im Durchgangsheim, sei es in der Ausschaffungshaft. «Ich konnte Ungerechtigkeit noch nie ertragen», sagt Séverine Vitali.

Ihr Engagement für Menschen in Not hat sich mit der zunehmenden Verschärfung des Asylgesetzes verstärkt. Als 2008 eine grosse Zahl Aktivistinnen, Sans-Papiers und Flüchtlinge aus Protest die Zürcher Predigerkirche besetzten, solidarisierte sich Séverine Vitali spontan. «Ich bin hineingerutscht», erklärt sie lakonisch.

Aus der Bewegung entstand das Solidaritätsnetz Zürich, welches Séverine Vitali mitgegründet hat und welches heute Flüchtlingen Deutschkurse, Mittagstische und andere Unterstützungshilfen anbietet.

Das Solidaritätsnetz überarbeitet derzeit sein Leitbild. Wichtig sei, dass eine Verbesserung des Alltags der Geflüchteten erreicht werde. Das soll in Zusammenarbeit mit diesen Menschen geschehen, nicht einfach für sie. «Es geht um Augenhöhe», erläutert Vitali. «Ich könnte ebenso gut auf der Seite der ankommenden Menschen stehen. Es ist reiner Zufall, dass ich hier geboren wurde.»

Engagement mit Unternehmergeist

Es ist nicht zuletzt auch eine gesunde Portion Kreativität, welche Séverine Vitali antreibt. Ende letzten Jahres veröffentlichte sie mit «Heimat im Kochtopf» eine bebilderte Sammlung von Rezepten aus fernen Ländern. Es sind in Wort und Bild dokumentierte Begegnungen, die der Leserin die Begegnung mit Syrien oder der Mongolei ermöglichen und zwar durch den Gaumen. Das Buch erschien zur richtigen Zeit, die Presse überschlug sich mit Krisennachrichten zur Flüchtlingsproblematik.

«Geflüchtete sind nicht einfach ein Problem», sagt Séverine Vitali, «sondern normale Menschen mit Geschichten und eben auch mit kulinarischen Schätzen.» Wie etwa Dolma Yaprach – gefülltes Gemüse auf Bohnen aus Kurdistan. «In einem Buch vorzukommen, macht die portraitierten Menschen stolz und verleiht ihnen die Würde, welche ihnen sonst abgesprochen wird», sagt die Herausgeberin. Und fügt das Versprechen der Dolmetscherin hinterher. «‹Heimat im Kochtopf› erscheint übrigens bald auf Französisch.»

Buchhinweis

Séverine Vitali: «Heimat im Kochtopf. Rezepte von Flüchtlingen aus aller Welt». Rotpunktverlag, 2015.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Laura Portmann  (migration is not a crime)
    Ja, Fr. Rüegg auch diesen Menschen in der Schweiz ist natürlich zu helfen! Weil die Wirtschaft zu mächtig und der Staat zu schwach ist, braucht es ein grosses Engagement, den Schwächsten zu helfen. Dazu gehören ALLE, die in der Schweiz als working poor leben, sich keine Verfahren zur Durchsetzung ihrer Rechte leisten können, zu Unrecht bestraft werden usw. Nochmals: Abgewiesene Asylsuchende sind doch nicht per se Verbrecher! Sie sind also für präventives Wegsperren?
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Heidy Rüegg  (heidy70)
    Was glauben sie wie viele Schweizer froh wären wenn ihnen jemand helfen würde! Aber man kommt eben nicht in die Medien wenn man sich für uinsere Aermsten einsetzt. In Ausschaffungshaft sind abgewiesene Asylbewerber, die sonst untertauchen würden, wie so oft. Wenn zum Beispiel ein Abgewiesener sofort in Haft genommen würde, würden jetzt 2 Menschen in Deutschland noch leben!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Laura Portmann  (migration is not a crime)
    Frau Frick, Sie verstehen da etwas gar nicht. Menschen in Ausschaffungshaft sind keine Verbrecher. Es ist eine reine Administrativhaft für Menschen, die sich nichts haben zu Schulden lassen kommen. Sie haben es nur gewagt, in die Schweiz einzureisen und auch ohne Aufenthaltsbewilligung zu bleiben, weil es woanders vielleicht verschissen ist. Kein Verbrechen. Dieses Engagement von Frau Vitali ist unglaublich wichtig!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten