Im Land der Granatäpfel, Kreuze und Klöster

Armenien ist reich an Geschichte und Traditionen. Die Armenier von heute haben aber nicht viel davon. Das Land ist bettelarm, Arbeitslosigkeit und Armut dominieren den Alltag. Der Stolz auf das eigene Land bleibt dennoch ungebrochen.

Armenien, das Land im Herzen des Kaukasus, trägt viele Namen. Land der Granatäpfel, Land der Aprikosen («Prunus armeniaca») oder auch Land der Steine und «Felseninsel». Armenien ist ein Gebirgsland mit einer Durchschnittshöhe von 1700 Metern. «Land der Klöster und Kirchen» – diesen Namen hätte Armenien genauso verdient, denn beinahe auf jeder grösseren Anhöhe, scheint hier ein Kirchenkloster erbaut worden zu sein.

Alte Traditionen

Steinstatue mit Schrifttafel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Heilige Mesrop kreierte um 303 die armenische Schrift. SRF/ Judith Wipfler

Die armenische Architektur ist voller Eigenheiten und erreichte im 12. und 13. Jahrhundert Höhepunkte. Bis heute sind die Armenierinnen und Armenier stolz darauf, im Jahr 301 der erste Staat gewesen zu sein, der das Christentum als Staatsreligion annahm. Die heute bettelarme Nation mit 40 Prozent realer Arbeitslosigkeit ist auch auf anderes stolz. Etwa auf feinste Aprikosen, Wein und Cognac, jahrhundertealte Handschriften, die eigene Sprache und Schrift, Kirchengesang und eine ganz eigene kirchenmusikalische Tradition.

Die Macht der Kirche

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Literaturhinweise

Jasmine Dum-Tragut: «Armenien. 3000 Jahre Kultur zwischen Ost und West», Reiseführer, Trescher Verlag 2011.

Franz Werfel: «Die vierzig Tage des Musa Dagh», Fischer TB, div. Auflagen.

Ossip Mandelstam: «Die Reise nach Armenien», Edition Suhrkamp 2012.

Das Sowjetregime hat den Armeniern das Christentum nicht austreiben können, auch wenn der Traditionsabbruch überall spürbar ist. In den «Klöstern» gibt es oft gar keine Mönche mehr. Manchmal ist es ein einzelner Abt, der fast allein seine zeremoniellen Dienste versieht.

Die Kirche nimmt zwar wieder viel Einfluss auf Nationenbildung und Politik. Sie hat es auch geschafft, dass Kirchengeschichte zum regulären Schulfach wurde. Aber die priesterliche Versorgung ist noch lange nicht flächendeckend. Klerikaler Nachwuchs wird in der Stadt Etschmiadsin ausgebildet, die auch Sitz des Katholikos (Patriarchen) der armenisch-orthodoxen Kirche ist.

Aber der priesterliche Nachwuchs geht zur Hälfte in alle Welt, denn die Armenier sind ein Volk der Diaspora mit Millionen starken Zentren in den GUS-Staaten wie auch in Nordamerika. In der Schweiz gibt es Gemeinden in Zürich und Genf.

Ruhe und Konzentration statt Prunk

Steinplatten mit eingemeisselten Kreuzen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Kreuzsteine standen einst verstreut über das ganze Land als Zeichen der Christianisierung. SRF/ Judith Wipfler

Eine armenische Besonderheit sind die so genannten Kreuzsteine. «Chatschkar» heisst der Kreuzstein auf Armenisch. 40‘000 von ihnen soll es heute noch geben. Sie waren einst in der ganzen Region zerstreut, um deren Christianisierung anzuzeigen. Dieses Kreuz ist hier immer ein blühender, sprossender Lebensbaum und symbolisiert damit die Erlösung zum Leben durch das Kreuz.

Die Klöster der armenischen Kirche lassen sich kaum mit denen anderer orthodoxer Kirchen vergleichen. Hier gibt es keine Ikonenverehrung und kaum Bilder. Die Kirchlein sind oft sehr dunkel und wenig verziert. Man kommt hier gut zur Ruhe und kann sich auf das Wesentliche konzentrieren, wenn nicht gerade die nächste Touristengruppe drängelt.

Von der Kupferindustrie zurück zur Agrarwirtschaft

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Musikhinweis

Jordi Savall und Hesperion XXI: «Esprit d’Armenie – Armenian Spirit», Alia Vox 9892.

Der Tourismus ist eine wichtige, devisenbringende Einnahmequelle für das Land. Es wurde in die Agrarwirtschaft zurück katapultiert. Der Sowjetstaat Armenien lieferte einst 75 Prozent des Kupferbedarfs in die Staaten der UDSSR. Nach deren Zusammenbruch und nach Erdbeben, die wichtige Industrieanlagen zerstörten, liegt die Kupferverarbeitung fast danieder. Überall rosten und rotten Fabrikanlagen vor sich hin. Viehherden dagegen weiden selbst auf über 2000 Metern.

Geleugneter Genozid

Grosse Platten im Halbkreis. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Denkmal in der Hauptstadt Jerewan erinnert an den Genozid durch Jungtürken 1915/16. SRF/ Judith Wipfler

Die Erinnerung an den Genozid an den Armeniern wird überall wach gehalten, besonders aber in der nationalen Gedenkstätte in der Hauptstadt Jerewan. Weit über eine Million Armenierinnen und Armenier sind in den Jahren 1915/16 von den Jungtürken ermordet worden. Die Türkei erkennt diesen Genozid bis heute nicht als solchen an. Darum gibt es auch immer wieder diplomatische Spannungen zwischen der Türkei und den Politikerinnen oder Kirchenoberhäuptern, die offen von Genozid sprechen oder gar ein Schuldeingeständnis der Türkei einfordern.

National-Berg auf fremdem Terrain

Auch Armeniens National-Berg Ararat steht heute auf türkischem Gebiet. Der Ararat ist jener Berg, auf dem Noah einst mit der Arche gestrandet sein soll. Der Ort, an dem Gott seinen ewigen Bund mit allem Lebendigen auf der Erde schloss und zum Zeichen dafür den Regenbogen schickte. Der Blick auf den schneebedeckten Ararat begleitet einen auf der ganzen Reise durch Armenien. Er ist das Erste und auch das Letzte, was beim An- und Abflug auf Jerewan unvergesslich in den Blick kommt.

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