In Chinas Philosophie geht's immer auch ein bisschen um Konfuzius

Wäre China nicht so gross und gegensätzlich, könnte es zur Gelehrten-Republik werden, sagt der Philosophieprofessor Volker Gerhardt. Er weiss, welche Ideen das chinesische Denken bis heute prägen: An Konfuzius kommt man nicht vorbei. Auch an Nietzsche ist man interessiert. Und wo bleibt Karl Marx?

Junge Chinesen gehen an einer riesigen Büste von Konfuzius vorbei. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: An Konfuzius geht noch heute jede geisteswissenschaftliche Laufbahn vorbei: Studenten auf dem Weg zur Prüfung in Wuhan. Keystone

Herr Gerhardt, zu Ihnen nach Berlin kommen immer wieder chinesische Studierende, die sich für die Klassiker der deutschen Philosophie interessieren. Haben Chinesen eine andere Herangehensweise an die Texte von Kant, Marx und Nietzsche?

Ja, ich denke schon. Auffällig ist, dass sie sich in der Regel nicht nur für das Werk eines bestimmten deutschen Philosophen interessieren, sondern stets auch Bezüge zur chinesischen Tradition herstellen wollen. Dabei geht es meist um Parallelen zu den Lehren des Konfuzius. Das Interesse an Konfuzius gehört zu den Konstanten, ganz gleich ob in Peking, Wuhan, Kanton oder Shanghai.

Welche Philosophen stehen an Chinas Universitäten im Zentrum?

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Zur Person

Zur Person

Volker Gerhardt lehrt Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Ethik, der Politischen Philosophie, der Ästhetik, der Metaphysik und der Theologie.

Aktuelles Buch:
«Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche». Verlag C.H. Beck, 2014.

Eines der grössten chinesischen Philosophie-Institute Chinas ist auf die vier obersten Stockwerke eines Hochhauses verteilt. Steigt man im obersten Stockwerk aus dem Fahrstuhl, blickt man als erstes auf einen überlebensgrossen Kopf des Konfuzius aus schwarzem Marmor. Im Stockwerk darunter schaut dem Besucher ein ebenso monumentaler Kopf Platons entgegen. Eins tiefer hat man aus dem Kopf Immanuel Kants ein Monument gemacht. Und darunter ist Karl Marx verewigt. Marx, so habe ich den Eindruck, steht dem Ausgang am nächsten.

Konfuzius, Platon, Kant und Marx. Ein Chinese, ein Grieche und zwei Deutsche. Ist das Abendland hier nicht übervertreten?

Die Chinesen blicken nicht nur nach dem fernen Westen Europas oder nach Amerika. Sie studieren auch die weltanschauliche Literatur der Perser und der Inder. Dazu lernen sie wie selbstverständlich die Sprachen, um die Klassiker im Original lesen zu können. Die Erforschung der indogermanischen Sprachen, die einst eine Domäne deutscher Gelehrter war, ist dabei, nach China auszuwandern.

Wäre China nicht so unerhört gross und gäbe es nicht so viele andere gegensätzliche Eindrücke aus diesem unerhört vielfältigen Land, könnte man den Eindruck haben, China sei mit aller Macht dabei, eine Gelehrten-Republik zu werden. Die Wissenschaften – Geisteswissenschaften eingeschlossen – scheinen dort noch eine Zukunft zu haben.

Und die Religionen?

Ich bin beeindruckt, wie gross und vorbehaltlos das Interesse an Religionen und an religiösen Denkern ist. Aber man möchte auch mehr über die Aufklärung wissen, die -nach meinem Eindruck – nicht als Gegeninstanz zum Glauben verstanden wird. Die chinesischen Philosophen scheinen nach Aufklärung zu dürsten. Das stimuliert auch das Interesse an Nietzsche, der sich ja als «freier Geist» begriff. Aber dass er in China so grosses Interesse auf sich zieht, hat wesentlich mit dem Werk «Also sprach Zarathustra» zu tun. Dass hier ein Philosoph in Bildern und Geschichten denkt, zieht die chinesischen Leser an.

Für welche deutschen Philosophen ausser Nietzsche interessieren sich die chinesischen Studierenden auch noch?

Experten, mit denen man über Leibniz, Kant, Fichte, Hegel, Feuerbach, Nietzsche oder Cassirer diskutieren kann, findet man an allen grossen Universitäten. Auch über Heidegger oder über Carl Schmitt wird intensiv gearbeitet.

Und Karl Marx?

Es finden sich überall Institute, in denen sich eine grosse Anzahl von Mitarbeitern mit Marx befasst. Da kann es einem passieren, dass man beiseite genommen wird und die Frage gestellt bekommt, was man denn über Marx noch forschen soll. In China, so hört man gerade von Marx-Forschern, gibt es doch keinen Marxismus mehr!

Was antworten Sie darauf?

Ich verweise auf die noch nicht ins Chinesische übersetzten Bände der «Marx-Engels-Gesamtausgabe», der MEGA, die von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird. Ich sage das in der Erwartung, dass jeder auf diese Weise selbst entdeckt, wie sehr er Karl Marx als einen hochbegabten Publizisten und Theoretiker schätzen kann, ohne ihn als unfehlbare Autorität zu verehren.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 30.11.2014 11:00

    Sternstunde Philosophie
    China kommt – Wo bleibt der Westen?

    30.11.2014 11:00

    China wird im Jahr 2050 die Wirtschaft aller Industrienationen überholt haben. Was ist Chinas Erfolgsrezept? Und ist unser demokratischer Reflex wachstumsfeindlich? Eine Sondersendung mit Bundesrat Johann Schneider-Ammann, Kurt Haerri und Shi Ming aus dem GDI Rüschlikon. Moderation: Barbara Bleisch.