Infografik: Wer hat's erfunden? Die Steinzeitjäger

Infografiken boomen. Wir finden sie überall: in der Zeitung, in Büchern, im Web. Die bunten Diagramme liegen im Trend. Und das schon eine ganze Weile: Sie sind fast so alt wie die Menschheit selbst.

Ein Riesenhirsch und eine rätselhafte Linie von Punkten: Eine Felszeichnung in der Höhle von Lascaux. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Ursprung der Infografik: Ein Riesenhirsch auf einem Felsen in der Höhle von Lascaux. Wikimedia

Vor 20'000 Jahren hatte ein Jäger in einer Höhle in der französischen Dordogne einen Geistesblitz: Er erkannte, dass er den Jugendlichen die Technik des Jagens rascher und nachhaltiger beibringen konnte, wenn er Taktik, Waffen und Beute – Rinder, Bären, Riesenhirsche, Wildpferde – auf die Höhlenwand malte. Die Felszeichnungen im Höhlensystem von Lascaux sind damit die ältesten Infografiken der Welt.

Verständlich und deshalb beliebt

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Einfache Verlaufsdiagramme haben die Aufgabe, Zahlen bildlich zu verdeutlichen, so dass wir Grössenordnungen und Entwicklungen auf einen Blick erkennen können.

Ihre Verständlichkeit macht sie so beliebt: Spätestens auf Seite 2 einer durchschnittlichen Präsentation prangt die erste Säulen- oder Balkengrafik. Werte auf der einen, Zeit auf der zweiten Achse: Eine Verlaufsgrafik ist im Grunde eine einfache Sache. Einen Schritt weiter gehen die sogenannten «Infografiken». Sie nutzen das ganze Arsenal herkömmlicher Säulen-, Balken- oder Kuchengrafiken und dazu als weitere Dimensionen Bilder, Karten, Baupläne. Kurz: buchstäblich alles, was sich statt in Worte in Bilder fassen lässt.

Eine erfrierende, verhungernde Armee als Infografik

Eine Infografik von William Playfair ist im Bild. Sie zeigt die britische Handelsbilanz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: William Playfair (1759-1823): Britische Handelsbilanz mit Dänemark und Norwegen 1700-1780. Wikimedia/ MarsInSVG

Infografiken kommentieren nicht, sie informieren. Sie illustrieren nicht bloss Zahlen und Zeiten, sondern sie visualisieren komplexe Entwicklungen und abstrakte Prozesse. Die Umweltzerstörung am Amazonas, der Verlauf des Irakkriegs, die Geschichte der Typografie – kaum ein Thema, das sich nicht in eine Infografik fassen liesse.

Als Erster erkannt hat das 1786 der schottische Statistiker William Playfair. In seinem «Commercial and Political Atlas» veröffentlichte er die ersten Balken- und Kreisdiagramme, die Englands Handel und Staatshaushalt auf einen Blick sichtbar machten.

Noch weiter ging 1869 der französische Bauingenieur Charles Joseph Minard. Er visualisierte Frankreichs desaströsen Russlandfeldzug.

Eine Infografik von Napoleons gescheitertem Russlandfeldzug 1812-1813. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Charles Joseph Minard (1781-1870): Napoleons gescheiterter Russlandfeldzug 1812-1813. Wikimedia

Von 422'000 Soldaten der «Grande Armée», die Napoleon 1812 im weissrussischen Kaunas Richtung Osten in Marsch gesetzt hatte, kehrten nur 16'000 wieder zurück. Die kämpfende, erfrierende, verhungernde Armee in Form zweier, immer dünner werdenden Äste. Sie verlaufen auf einer stilisierten Russlandkarte nach Moskau und zurück. Diese erste Infografik im modernen Sinn geht selbst heute noch unter die Haut, nach bald 150 Jahren.

Multimedial und interaktiv

Nutzte die Infografik des 19. Jahrhunderts neben Balken und Linien vor allem geografische Karten, macht das Web die Infografik multimedial und interaktiv. Nicht nur statische Grafiken und Fotos, sondern zunehmend auch Animationen, Töne und Filme unterstützen die Kernaussage. Der Betrachter wird zum Regisseur: Inhaltliche Bereiche lassen sich per Mausklick ein- und wieder ausblenden, so dass in einer schematischen Skyline die angehende und erlöschende Beleuchtung eines ganzen Strassenzugs den Anteil einer bestimmten Stromerzeugungsart augenfällig illustriert. Zu mächtigen, interaktiven Klang- und Filminstallationen ausgebaut, lassen moderne Infografiken den Besucher in virtuelle Erlebniswelten eintauchen.

Die Infografik ist längst nicht mehr eine Domäne der Jäger und Statistiker: Sie nutzt die Talente der Grafikerin ebenso wie die des Ingenieurs oder Programmierers. Genau wie einst in der Höhle von Lascaux hilft sie uns, mit viel Bild und wenig Wort die Welt, in der wir leben, ein bisschen besser zu verstehen.

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