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Politik im Ausnahmezustand - Alain Berset im Gespräch
Aus Sternstunde Philosophie vom 27.12.2020.
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Interview mit Bundesrat Berset Alain Berset, kamen Sie 2020 an Ihre Grenzen?

Seit zehn Monaten ist der Ausnahmezustand sein Alltag: Gesundheitsminister Alain Berset manövrierte die Schweizer Bevölkerung durch das Krisenjahr 2020.

Doch die Corona-Zahlen sind immer noch erschreckend hoch. Hat das System versagt? Nein, sagt Bundesrat Berset. Aber der Schweizer Wege habe seinen Preis.

Alain Berset

Alain Berset

Bundesrat

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Der 48-jährige Sozialdemokrat leitet seit 2012 das Departement des Innern (EDI) und war 2018 Bundespräsident. Zuvor war er als Ständerat für den Kanton Freiburg tätig und übte dort 2008/2009 das Amt als Ständeratspräsident aus.

SRF: Bundesrat Berset, nach zehn Monaten als Krisenmanager, praktisch ohne Pause, mit wenig Schlaf – kamen Sie da nicht an die eigenen Grenzen?

Alain Berset: Doch, es gab Momente in der ersten Welle, als ich nicht mehr wusste, ob es Tag oder Nacht war, Wochentag oder Wochenende. Auch körperlich habe ich meine Grenzen gespürt. So etwas habe ich vorher noch nie erlebt.

Es gab Momente, als ich nicht mehr wusste, ob es Tag oder Nacht war, Wochentag oder Wochenende.

Wie haben Sie für sich die Krise gemeistert – Ihre drei wichtigsten Regeln?

Erstens sollte man die Krise als solche akzeptieren und sich auf eine lange Zeit vorbereiten. Darum habe ich Anfang Jahr von einem «Marathon» gesprochen, der noch vor uns liegt. Wenn es kürzer dauert, umso besser.

Zweitens braucht es eine absolute Flexibilität, zeitlich sowie inhaltlich. Und drittens brauchen wir eine gewisse Bescheidenheit. Keine Angst, aber viel Respekt vor der Situation, vor dem Virus. Und Bescheidenheit heisst auch: Transparent zu kommunizieren, auch wenn etwas unklar ist oder wenn man Fehler gemacht hat.

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Alain Bersets drei Regeln für das Krisenmanagement
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Die Schweiz hat Fehler gemacht, insbesondere bei der zweiten Welle. Was waren die grössten?

Es gab einige. So hatten wir im Sommer das Gefühl, das Schlimmste sei vorbei. Wir waren zu locker. Und dann waren wir viel zu optimistisch, als wir dachten, wir könnten im Herbst die Grossveranstaltungen wieder öffnen.

Wenn Sie sagen, die Krise brauche absolute Flexibilität: Warum beruft sich der Bundesrat dann immer wieder auf die Tradition der Schweiz, auf den Schweizer Mittelweg, den Föderalismus und die Eigenverantwortung. Was, wenn all das für die Krise nicht taugt?

Flexibilität bedeutet nicht, dass man im Moment der Krise die Strukturen auf den Kopf stellt. Das wäre eine Katastrophe. Wenn alles unsicher ist, müssen wir uns auf bestehende Strukturen verlassen können.

eine Illustration von Alain Berset, der einen Regenschirm über die Miniature-Schweiz spannt
Legende: Gesundheitsminister Alain Berset versuchte die Schweiz durch die erste und zweite Welle zu manövrieren – nicht immer erfolgreich. SRF / Yvonne Rogenmoser

So können wir mit einzelnen Verfahren flexibel sein. Aber man beginnt mit bestehenden Strukturen, um wirklich innovativ und flexibel zu sein.

Zeigen nicht die Zahlen, dass der Schweizer Weg der falsche ist?

Der Schweizer Weg hat einen Preis. Er erfordert Eigenverantwortung, Vernunft und Weitsicht von allen. Wenn das nicht funktioniert, müssen wir die Massnahmen verschärfen. Das haben wir getan.

Der Schweizer Weg hat einen Preis. Er erfordert Eigenverantwortung, Vernunft und Weitsicht von allen.

Das Gute an der aktuellen Situation ist, dass wir noch Reserven haben. Auch das ist Sinn und Zweck der Politik: Immer in einer Situation zu sein, wo wir Alternativen haben.

Darf die Politik eigentlich Menschenleben abwägen gegen wirtschaftliche, soziale und psychische Kosten?

Es geht ums Gesamtbild. Aber die Gesundheit der Menschen hat oberste Priorität. Das haben wir schon im März gezeigt. Wir mussten dann aber sehr grosse Probleme in Kauf nehmen, etwa durch die Schliessung der Schulen für fast zwei Monate. Das war sehr wahrscheinlich der schwierigste Entscheid für uns.

Politische Entscheidungen zu treffen, das braucht viel Urteilskraft. Wie sieht der Prozess der Entscheidungsfindung bei Ihnen konkret aus?

Urteilskraft ist das Wichtigste in solchen Momenten. Bei mir persönlich sieht das konkret so aus: Unterschiedliche Personen liefern mir Informationen. Bei Bedarf verlange ich mehr. Und dann entsteht ein Entscheid.

eine Illustration, die mehrere Wissenschaftler zeigt, die Alain Berset ihre Berichte vorhalten
Legende: Im Corona-Jahr wurde klar, wie abhängig die Politik von den Befunden der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist. SRF / Yvonne Rogenmoser

Die Gewichtung der Perspektiven ist nicht rational oder mathematisch. Es ist ein Gefühl. Der Entscheid ist letztlich sehr intuitiv – ein Bauchgefühl, fast schon organisch. Das geht noch einfacher, wenn man weiss, dass Fehler passieren dürfen und man sie wieder korrigieren kann.

Sie haben einmal gesagt, es sei besser, schlechte Entscheide zu treffen als gar keine Entscheide.

Ja, in der Bewältigung einer Krise ist es das Schlimmste, einfach nichts zu tun, blockiert zu sein und alles über sich ergehen zu lassen. Klar: Wenn man Fehler macht, muss man diese möglichst schnell korrigieren.

Die Kunst wird sein, nach der Krise die Fragen vom Anfang nicht zu vergessen.

Das Jahr 2020 brachte fundamentale Gewissheiten ins Wanken. Im Frühling hinterfragten viele Menschen den eigenen Lebensstil, die Hektik, den Konsum. Man dachte wieder über Alternativen und Utopien nach. Sie auch?

Ja, doch. Der Moment der Krise ist auch oft der Moment der Fragestellung. Die Antwort aber kommt später. Derzeit sind wir mit der Bewältigung der Krise beschäftigt. Die Kunst wird sein, nach der Krise die Fragen vom Anfang nicht zu vergessen.

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Alain Berset: «Die Kunst nach der Krise wird sein, unser Leben zu ändern»
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Welche Fragen sind das?

Ich war Ende März, Anfang April in der Stadt Bern, fast alles war geschlossen. Plötzlich sah ich überall auf den Türen diese kleinen Plakate: «Wir sind junge Menschen und gehören nicht zur Risikogruppe. Das sind unsere Handy-Nummern. Wir machen gerne für Sie Einkäufe und helfen.»

Da war diese Solidarität zwischen Menschen, die sich nicht einmal kennen. Das hat mich stark beeindruckt.

Wie können wir diese Momente der Solidarität in Zukunft beherzigen?

Man hat in den letzten Jahrzehnten sehr stark den Individualismus gefeiert. Aber man hat jetzt gemerkt: Individualismus ist für eine Gesellschaft ein Begriff für schöne Zeiten. Wenn es schlecht geht, funktioniert es nur kollektiv und solidarisch.

Das war für mich die Erkenntnis in diesem Moment. Und die Frage ist dann: Was machen wir damit? Was bedeutet das nach der Krise? Was wird von diesem Geist bleiben?

Haben Sie eine Prognose?

Ich habe keine Prognose, aber meine Befürchtung wäre, dass wir diese Chance verpassen.

Wo sehen Sie die grossen politischen und gesellschaftlichen Baustellen der nächsten zehn Jahre?

Schwierig. Zunächst einmal glaube ich, dass dieses Virus nicht so schnell weg sein wird. Es wird bleiben, trotz Impfungen und besseren Medikamenten.

Hinzu kommen die Folgen der Krise, die man nicht unterschätzen darf: wirtschaftliche Folgen, gesellschaftliche. Und dann glaube ich, dass der internationale Bezug der Schweiz für die nächsten Jahre sehr wichtig sein wird.

Die Solidarität innerhalb des Landes, die gerade in Krisenzeiten so wichtig ist, soll auch international gelten. Ein Engagement der Schweiz für eine multilaterale Welt scheint mir hier sehr wichtig zu sein.

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Alain Berset über die grössten Baustellen der nächsten Dekade
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Woran denken Sie konkret?

Etwa an die Stärke der humanitären Organisationen, der internationalen Organisationen, der Weltgesundheitsorganisation. Ohne WHO wäre jetzt alles viel schlimmer.

Die Schweiz ist als Land zu klein, um auf die anderen verzichten zu können. Und zu gross, um zu denken, es ist egal was passiert.

Die Schweiz ist als Land zu klein, um auf die anderen verzichten zu können. Und zu gross, um zu denken, es ist egal was passiert – niemand kümmert sich um uns. Wir wollten sehr stark an stabilen internationalen Beziehungen interessiert sein. Auch in der Klima- und Energiepolitik, die für die nächsten Jahre sehr wichtig sein wird.

Wenn Sie Ihre Agenda 2020 in wenigen Tagen zuklappen und vorne drauf etwas schreiben müssten, quasi zur Erinnerung: Was wäre das?

Endlich vorbei.

Das Gespräch führte Yves Bossart.

Das Interview ist eine verkürzte und leicht paraphrasierte Fassung des Gesprächs in der «Sternstunde Philosophie».

Sendung: SRF 1, Sternstunde Philosophie, 27.12.2020, 11:00 Uhr;

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83 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    Noch nie war ich von unserer Regierung so enttäuscht wie jetzt während der Coronakrise. Wenn wir die Bundesräte direkt wählen könnten würde ich keinen wieder wählen. Es wurde viel zu wirtschaftsfreundlich gehandelt. Vor allem grosse Firmen wurden unterstützt, während Kleine im Stichgelassen wurden. Vor allem Bundesbetriebe konnten sanktionslos mit Staatsgeld weiterhin Boni auszahlen während einfache Arbeiter hungern müssen. Die Spitäler vor allem deren Angestellten werden im Stich gelassen.
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    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Im Bundesat sitzen mindestens zwei Bundesräte, bei denen die Wirtschaft erste Priorität hat. Herr Berset gehört nicht dazu.
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    2. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Herr Planta: Sagen sie das mal den Restaurants und Läden, die dauerhaft schliessen mussten. Mag sein das der Bundesrat zu wirtschaftsfreundlich ist, aber nur bei grossem Geld.
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    3. Antwort von Marlies Artho  (marlies artho)
      A.P. bei dieser Kriese und auch sonst können nicht einzelne BR entscheiden, sondern es wird im Kollegialprinzip gehandelt. Darum ist es sehr wichtig, dass unterschiedliche Parteien im BR sitzen. Es geht leider um sehr viel auf beiden Seiten und dies ist nicht so einfach zu beurteilen. Mehr Arbeitslose Menschen bekommen vielleicht psychische Krankheiten z.B. Depressionen, oder werden aggressiv, darum hat häusliche Gewalt auch zugenommen. Hoffe auf bessere Zeiten mit weniger Unsicherheit.
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  • Kommentar von Wolfgang Nivard Wolfsgruber  (Nivi)
    Ob nun Familien, Unternehmer, Arbeitnehmer, die jetzt wegen der C-Massnahmen vor dem Aus stehen, aber auch die vielen Greise, die von ihren Angehörigen alleine gelassen werden mussten, auch so tolle Bewertungen für AB haben?
    Meine Frage an AB ist: Gibt es für den PCR Test einen Goldstandard-Test mit dem man die PCR Testergebnisse auch verifizieren kann? Wann und wo haben sie die Verhältnismässigkeit der C-Massnahmen dargelegt, bzw. die Wirksamkeit der Corona-Massnahmen belegen können?
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  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Mein Meinung über die Regierungen und wie sie die Coronakriese angingen muss ich nicht wiederholen. In diesen 10 Monaten habe ich nicht wirklich viel über die Viren dazu gelernt. Wie viele Viren sind zum Beispiel auf einem menschlichen Körper. Wird wohl kaum jemand beantworten können. Gut jetzt kommt das Impfbuisenes, ja das hat der A.B im Griff, das schon. Der Mensch hat 22000 Gene, wie eine Maus oder Fruchtfliege, so genial ist er also nicht. Allein die Bakterien auf uns haben 8 Millionen Gene
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