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Mänenr beim Beten in der Moschee.
Legende: Auch eine Frau kann muslimische Männer zum Gebet anleiten: Sherin Khankan macht es vor – in Dänemark. Keystone
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Interview mit Sherin Khankan Islamische Frauen sind die Imame von morgen

Heute predigen in Schweizer Moscheen ausschliesslich Männer. In einigen Ländern sieht das anders aus: Da werden die weiblichen Gläubigen von einer Imamin unterstützt. In Dänemark entstand jüngst sogar eine Frauenmoschee – vorgebetet wird ausschliesslich von Frauen. Sherin Khankan erklärt weshalb.

SRF: Sherin Khankan, Sie sind Imamin in Kopenhagen und haben kürzlich die Mariam Moschee eröffnet – eine Moschee für Frauen. Was ist Ihr Anliegen?

Zur Person

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Porträt einer Frau mit langem Haar und weissem Pullover.
Legende: Manyar Parwani

Sherin Khankan ist studierte Religionssoziologin und Philosophin. Zudem ist sie Imamin und Co-Gründerin der Mariam Moschee sowie der NGO Exit Circle, die sich um Frauen kümmert, die psychischer und emotionaler Gewalt ausgesetzt sind. Nebst diesen Tätigkeiten ist sie vierfache Mutter.

Sherin Khankan: Wir glauben, dass eine Person, die über Wissen verfügt, unabhängig ihres Geschlechts auch Gebete anleiten kann. Die meisten Imame in Europa sind momentan Männer. Das wollen wir verändern.

Wir vertreten progressive islamische Werte und sind deshalb der Meinung, dass die patriarchalen Strukturen innerhalb religiöser Institutionen aufgeweicht werden müssen.

Welche progressiven Werte vertreten Sie?

Unser Ziel ist es, die erste Moschee in Dänemark zu errichten, die sich speziell auf Frauenrechte fokussiert. Bei uns wird deshalb auch die «khutba», also die Rede vor dem Gebet, von einer Frau vorgetragen.

Diese Rede ist sehr wichtig. Denn sie ist der wirklich einflussreiche Teil des Moscheebesuchs. Darin reden wir über islamischen Feminismus und unterstreichen die Wichtigkeit von Geschlechtergleichheit.

In Dänemark gibt es keine andere Moschee, die so etwas tut. Wir möchten die grossartigen weiblichen Gelehrten des Islams wieder aufleben lassen, und ihnen ihren zustehenden Platz zurückzugeben.

Der von uns vertretene islamische Feminismus ist unter anderem von Amina Wadud und Rābiʿa al-ʿAdawiyya inspiriert. Letztere ist eine islamische Mystikerin und Mitbegründerin des Sufismus, die im Jahr 801 starb.

Was tut Ihre Moschee für die Frauenrechte im Islam?

Wir haben beispielsweise einen Heiratsvertrag entwickelt, der einige Punkte enthält, die in anderen Moscheen so nicht vertreten werden. Die Frau gewinnt darin das Recht auf eine Scheidung, sie bekommt im Falle einer Trennung das Sorgerecht über die Kinder, oder im Falle von physischer Gewalt des Ehemanns wird sie von der Ehe befreit. In Dänemark gibt es lediglich eine Moschee, die der Frau das Recht zur Scheidung gibt.

Welchen Status haben Sie in der islamischen Gemeinschaft in Dänemark?

Zu Beginn hatten wir natürlich einige Gegner, weil wir für etwas Neues kämpfen. Viele fragten, weshalb jetzt plötzlich Frauen Imame sein sollen. Und dachten, wir Frauen seien dazu nicht fähig.

International erhielten wir aber breite Unterstützung. Wir merken, dass es viele junge Muslime gibt, die eine progressiven Interpretation des Islam und eine offene, kritische Gemeinschaft in der Moschee suchen.

Ist es eine neue Erscheinung, dass auch Frauen Imame sind?

Eigentlich nicht, China kennt seit 1820 Imaminnen, in Kanada gibt es sie seit 1995. Aber auch in Teilen Deutschlands, Frankreichs, den USA, und in einigen arabischen Ländern, etwa Algerien oder Marokko findet man sogenannte murshidats – also weibliche Predigerinnen.

Wenn wir weiter in die Geschichte zurückgehen, ist natürlich Aisha, die Ehefrau von Prophet Muhammad zu erwähnen. Sie leitete die Gebete für die Frauen der Gemeinschaft. Unsere Art von Moschee hingegen ist wirklich ein Novum und – neben einer in Deutschland – die erste in Europa.

Was war Ihre Motivation, Imamin zu werden?

Ich fühlte mich in den bestehenden muslimischen Gemeinschaften einfach nicht aufgehoben. Ich suchte nach einem Ort, an dem ich mich mit Menschen spirituell und religiös verbinden konnte.

Weil ich das nicht fand, gründete ich selber ein Zentrum, in welchem die islamische Mystik – der Sufismus sowie die Gleichstellung von Männern und Frauen im Zentrum stehen. Deshalb ist die Mariam Moschee auch stark vom Sufismus inspiriert.

Weshalb sind weibliche Imame wichtig?

Der Koran sagt nichts darüber, welches Geschlecht ein Imam haben soll. Hingegen sagt er, dass Männer und Frauen gleichwertige spirituelle Partner sind, die beide Wissen suchen und Wissen erhalten sollen. Vier von fünf islamischen Schulen akzeptieren deshalb auch weibliche Imame, die Frauen beim Gebet anleiten.

Ich bin überzeugt, dass weibliche Imame in der islamischen Seelsorge einen Vorteil haben: Zu mir kommen zum Beispiel Frauen, die ein Kind verloren haben, Frauen mit postnataler Depression, Frauen, die belästigt oder vergewaltigt wurden.

Solche sensitive Themen besprechen Frauen meist nur mit Frauen. Weibliche Imame leisten also einen sehr wichtigen Beitrag zur Stabilität einer islamischen Gemeinschaft und bauen Brücken.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Sand  (Jürg Sand)
    Man lasse uns in Ruhe! Dieser schreckliche Glaube, diese Geistespenetrierung mit lächerlichen, ja brutalsten Vorstellungen und Praktiken aus dem 7. Jahrhundert nun auch noch von Frauen souffliert, scheusslich! Das ist wie ein Chor von Kälbern im Schlachthof.
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  • Kommentar von M. Roe  (M. Roe)
    Ob Männer oder Frauen, wir wollen keine Imame in der Schweiz und sie sind auch in Europa nicht erwünscht. Das ist doch bloss ein Versuch, die Islamisierung auf eine andere Art zu fördern. Der Islam passt nicht zu uns, denn Islam und Demokratie vertragen sich in keiner Weise. Man kann doch in vielen Ländern sehen, dass wenn sich unverträgliche Religionen in einem Land niederlassen, es am Ende immer Krieg gibt! Warum wollen unsere Politiker (vor allem Frau Merkel) nichts sehnlicher als das?
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    1. Antwort von Sven von Niederhäusern  (svn)
      Welch scharfsinniger Kommentar, wissenschaftlich fundiert und über jeden Zweifel erhaben... Wer ist eigentlich "wir"...?
    2. Antwort von Doris Loegel  (Doris Loegel)
      Was für ein Tunnelröhrenblick! Mit ihm kann es nie ein "wir" geben! Und zwar in keiner Religion! Auch nicht im Christentum. Ich jedenfalls zähle mich nicht dazu! Möchten wir ALLE friedlich zusammen leben, müssen wir weg vom egoistischen "Ich will" zum "wir möchten uns gegenseitig verstehen und finden". Nur so ist in einer freien Gesellschaft auch Religionsfrieden möglich, gegenüber all unseren Mitmenschen!
  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Das scheint mir in Bezug auf die Geschlechterrolle wieder das alte westlich feministische Muster das wir schon hatten, in dem Sinn sind die Aleviten schon weiter, da herrscht eher eine Gleichberechtigung, leider fehlen da die Predigerinen. Allerdings ist die Mystik der Sufis eine sehr beachtenswerte. Ich denke in 60-90 Jahren waren wir alle schon weiter. Wird wohl einige Jahrzehnte gehen bis wir wieder dort sind und das gilt nicht nur für Muslime.
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