Iran will eine neue Identität aufbauen – ein Berner hilft dabei

Vor mehr als 20 Jahren schrieb der Berner Architekt Jörg Grütter ein Buch über Ästhetik in der Architektur. Bei uns ist das Werk längst vergriffen. Im Iran aber, entdeckt der verblüffte Autor, ist es ein Bestseller. Und er ein bekannter Mann.

Jörg Grütter staunt nicht schlecht, als er im Internet auf eine Publikation stösst, die seinen Namen trägt. Um was es dabei geht, kann er nicht erkennen, das Buch ist in Farsi geschrieben – wie er erfährt, als er seine Entdeckung an einen Spezialisten für arabische Sprachen schickt.

Er staunt noch mehr, als ihm dieser Spezialist mitteilt, dass es sich um die Übersetzung eines Werkes handelt, das Jörg Grütter vor mehr als 20 Jahren verfasst hat. «Ästhetik der Architektur – Grundlagen der Architekturwahrnehmungen»: bei uns längst vergriffen, im Iran hingegen eine Pflichtlektüre an zahlreichen Universitäten und Kunstschulen mit einer Auflage von inzwischen 50'000 Exemplaren.

In Iran gehört er zu den «Klassikern»

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Literaturhinweis (Englisch)

Jörg Grütter: Architecture and Perception, Niggli Verlag, 2012.

Statt sich über den Raubdruck zu ärgern, schreibt Jörg Grütter an die Art University of Isfahan und der Rektor lädt den Schweizer Professor für Architektur-Theorie begeistert ein. Jörg Grütter reist für zwei Monate in den Iran, wo er als Dozent zahlreiche Vorträge und Vorlesungen hält, Interviews gibt, in Jurys eingeladen wird und immer wieder «sein» Buch signiert.

Amüsiert stellte er fest, dass er in einem Zug genannt wird mit diversen westlichen Architektur-Klassikern. Und in iranischen Fachkreisen eine bekannte Grösse ist.

Er hält Vorträge, vor allem über die europäische Moderne, beschäftigt sich zunehmend mit der iranischen Architektur und entdeckt dabei eine mehr als 2500 Jahre zurückreichende faszinierende Baukunst. Zahlreiche Herrscher und Völker haben sie geprägt: Achämeniden, Mongolen, Araber, Chinesen und nicht zuletzt die Safawiden, die dem Land architektonisch zu seiner Hochblüte verholfen haben.

Tradition und westliche Einflüsse

Problematisch wurde diese Entwicklung, als die Pahlewis, die beiden letzten Schahs, die Macht in Persien übernommen hatten. Ähnlich wie Kemal Atatürk in der Türkei orientierten sie sich an westlich-säkularen Gepflogenheiten, und verboten zum Beispiel das Tragen traditioneller Kleidung, inklusive des Tschadors.

Ob das als persischer Aufbruch in die Moderne gewertet wird, oder als Verlust kultureller Eigenständigkeit: architektonisch, so Jörg Grütter, suchen die Iraner seither nach einer neuen Identität. Immer wieder würde er von Studierenden gefragt: «Wie können wir bauen, ohne dass wir die alten Formen und Traditionen einfach als Dekoration für moderne Bauten verwenden? Und wie modern sein, ohne lediglich den westlichen Stil zu übernehmen?»

Neuauflage ist in Arbeit

Schwierige Fragen, auf die der Schweizer Architekt in seinem Buch mögliche Antworten liefert – was vielleicht seine ausserordentliche Beliebtheit im Iran erklärt.

Wieder zurück in der Schweiz, beginnt Jörg Grütter, seine erste Auflage zu überarbeiten. Seine Gastgeber haben ihm bereits angeboten, diese neue Auflage ins Sortiment zu nehmen, erzählt er schmunzelnd. Selbstverständlich wie gehabt: ohne Entschädigung und ohne Absprachen mit dem Verlag. Aber dieses Mal doch wenigstens mit dem Einverständnis des Autoren: Der nämlich hat seine zwei Monate im Iran in bester Erinnerung und freut sich, dass sein Buch dort so geschätzt wird.

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