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Gesellschaft & Religion Ist Musikerziehung Luxus oder Allgemeingut?

Finnland punktet bei Pisa und in der Musik. Das Wunderland der Bildung investiert in der Grundschule ganze 15% des Unterrichts in die Musikerziehung. Die Schweiz wird in nächster Zeit auf gut 6% erhöhen. Was sagen diese Zahlen über uns aus? Und: Was kann die Schweiz von den Finnen lernen?

Ein Junge, Geige spielend (Nahaufnahme).
Legende: Die Schweiz holt mit dem Lehrplan 21 auf, und für die musikalische Bildung sollen ab 2016 mehr Bundesgelder fliessen. Getty Images

In Finnland ist musikalische Bildung seit Ende der 1950er-Jahre in der Verfassung verankert, in der Schweiz ist ein neuer Verfassungsartikel seit 2012 niedergelegt. Finnische Grundschülerinnen und Grundschüler der 1. bis 9. Klasse haben im Schnitt drei Lektionen Musikunterricht pro Woche. Schweizer Schüler haben in den ersten sechs Schuljahren eine bis zwei Lektionen Musikunterricht. Was spricht aus diesen Zahlen?

Isabelle Mili: Zuerst die Vergangenheit. In den Primarschulen des Kantons Genf fanden bis in die 1990er-Jahre drei Lektionen pro Woche statt und heute nur noch zwei. Warum? Vorher gab es keine zweite Sprache im Unterricht. In Genf hat man Französisch unterrichtet bzw. gelernt, Deutsch kam dann in der Sekundarschule dazu.

Heute muss die zweite Landessprache bereits in der Primarschule unterrichtet werden, in vielen Kantonen ist zusätzlich Englisch obligatorisch. Dafür musste man Raum schaffen. Die Musik wird als weniger wichtig eingeschätzt als die Sprachkompetenz.

Musikunterricht an einer Musikschule kostet Kinder und Jugendliche in Finnland im Schnitt 300 Euro im Jahr. Damit decken die Eltern 20% der Kosten, die anderen 80% trägt der Staat. In der Schweiz zahlen Eltern im Schnitt 2500 Schweizer Franken. Damit decken die Eltern 42% der Kosten, während die öffentliche Hand knapp 60% deckt. Wie interpretieren Sie diese Zahlen?

Das sind zweifellos Zeichen. Diese sind in der Bildungspolitik begründet. Dass der finnische Staat 80% der Kosten des Unterrichts an Musikschulen deckt – darüber muss es in der Gesellschaft offenbar einen Konsens geben. In der Schweiz ist das seit Langem anders. Die Spaltung nimmt zu.

In Finnland leben aufgrund seiner peripheren Lage überdurchschnittlich wenige Ausländer und Ausländerinnen. Im Jahr 2014 betrug der Anteil 3.79%. Die Schweiz hat mit 24% einen der höchsten Anteile weltweit. Welche Wechselwirkung sehen Sie zwischen musikalischer Bildung und Migration?

Zuerst müsste man sich an das Stichwort «Kulturelle Vielfalt» erinnern. Vor zehn Jahren war das in der Diskussion von Bildungsfragen wichtig. Musikalische Bildung sollte wie jede Form von Bildung integrativ wirken und die Kultur von Migrantinnen und Migranten einbeziehen. An den Schweizer Musikschulen gibt es wenige Angebote dieser Art. Klassische traditionelle Volksmusik aus Herkunftsländern wie etwa Nordafrika und Türkei findet sich kaum. Das zu ändern, wäre sehr interessant.

Sie glauben, Musikunterricht kann integrative Kraft entwickeln?

Ja, indem man zusammenspielt und sich dabei kennenlernt. Wer im Orchester oder in der Band mitmacht, lernt über das technisch-musikalische Handwerk hinaus sozial ganz viel. Die Integration fängt aber früher an: bei der Sprache. Die Kinder von Migranten der 1950er- und 1960er-Jahre konnten ihre Muttersprache bzw. die Sprache ihrer Eltern als Schulfach belegen. Italienisch, Spanisch und später Portugiesisch wurden in der Westschweiz und auch in einer Stadt wie Zürich angeboten.

Das hat zur Integration beigetragen – entgegen manchen Befürchtungen. Denn Kinder und Jugendliche hatten keinen Loyalitätskonflikt mit ihrer Herkunftsfamilie auszutragen. Sie waren deren Sprache mächtig, konnten sich dort behaupten und auch im Umfeld selbstbewusster auftreten. Das würde auch mit der Musik funktionieren. Kinder könnten Wertschätzung erfahren und stolz sein auf die Musikkultur ihres Herkunftslandes.

Welche Chance räumen Sie der musikalischen Bildung für das 21. Jahrhundert ein?

Im Moment bin ich optimistisch. In der Schweiz lässt man sich neuerdings vom venezolanischen Erfolgsmodell «El Sistema» inspirieren. Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien sollen eine fundierte musikalische Ausbildung erhalten und damit die Chance auf ein besseres Leben.

Überhaupt war man hier immer neugierig auf andere Modelle. Denken Sie an die Breitenwirkung der Jaques-Dalcroze-Schule. In Genf gibt es hundert Jahre nach Dalcroze, einem der Begründer der rhythmisch-musikalischen Erziehung, immer noch Rhythmik-Unterricht in der Primarschule. Seit zwei Jahren ist in der Westschweiz ausserdem die «axe culture» in Kraft. Alle Kinder praktizieren Gehörbildung und lernen Werke verschiedener Stile kennen.

Zur Person

Isabelle Mili ist Musikerin und unterrichtet Musikdidaktik an der Universität Genf. In ihrer Lehre legt sie den Schwerpunkt auf das klassische und zeitgenössische Repertoire. Sie forscht u.a. über das Hören von Musik und die schulische Vermittlung von Musik, Theater und Bewegung. Seit 2007 ist sie Präsidentin des Schweizer Musikrats.

Zahlen zu Finnland

Das Land mit 5.4 Mio. Einwohnern leistet sich 15 professionelle Sinfonieorchester. Lange vor dem Volksmusikboom wurde ein Institut für Volksmusik ins Leben gerufen. Das Fach «Musikpädagogik» ist für Lehrer obligatorisch. Grundschul-Kinder in einer Musikklasse haben 5 Lektionen Musik pro Woche, in einer Klasse ohne diesen Schwerpunkt 3 Lektionen.

Zahlen zur Schweiz

Für 8.2 Mio. Einwohner gibt es zehn professionelle Sinfonieorchester und viele Spezial-Ensembles (meist von Stiftungen und Privaten getragen). «Alpenländische» Volksmusik existiert als Studienfach, Musik ist in der Lehrerbildung Wahlfach. Primarschüler besuchen 1-2 Musiklektionen. Musikerziehung ist aus dem föderalen System weitgehend ausgelagert.

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