Ist Reichtum ein moralisches Problem?

Geld stinkt, sagt man. Und die Superreichen scheinen ebenfalls anrüchig. Doch ist es tatsächlich moralisch verwerflich, reich zu sein? Der deutsche Philosoph Christian Neuhäuser differenziert: Es ist vor allem die krasse Ungleichverteilung, die zu Problemen führt.

Ein 26-stöckiger Turm ragt in den Himmel, rechts im Bild eine brennende Laterne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Luxus auf 26 Etagen: In Beirut entstanden nach dem Bürgerkrieg ganze Viertel für Superreiche (im Bild: Marina-Tower). Reuters

Christian Neuhäuser, ist Reichtum ein moralisches Problem?

Christian Neuhäuser: Es gibt ganz generell zwei Formen moralischer Probleme: Schädigungen und unterlassene Hilfeleistungen. Reichtum scheint zunächst weder das eine noch das andere zu sein, sondern einfach nur die mehr oder weniger üppige materielle Ausstattung einiger Menschen.

Aber es kann sein, dass Reichtum systematisch mit Schädigungen oder unterlassenen Hilfeleistungen verbunden ist. Dann wäre Reichtum selbst auch ein moralisches Problem. Ich glaube, dass dies tatsächlich zutrifft. Die ungezügelte Reichtumsorientierung unserer Gesellschaften führt beispielsweise zu einer zunehmenden Umweltzerstörung und verhindert die effektive Bekämpfung von Armut.

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Zur Person

Christian Neuhäuser ist Juniorprofessor für Philosophie an der Technischen Universität in Dortmund. Er schreibt unter anderem an einem Buch zum Reichtum als moralisches Problem und betreibt einen philosophischen Blog.

Aber Reiche spenden doch auch?

Spenden verändern nicht die strukturellen Hintergrundbedingungen, sondern tragen schlimmstenfalls sogar zu deren Reproduktion bei. Wenn ich jedes Jahr 10 Prozent mehr bekomme als die Armen und 5 Prozent davon spende, dann nimmt die Ungleichheit trotzdem um 5 Prozent zu. Die Spenden müssten also so hoch ausfallen, dass sie die bestehende strukturelle Ungleichheit langfristig einebnen. Das tun sie jedoch nicht, und zwar selbst dann nicht, wenn die Superreichen die Hälfte ihres Besitzes spenden.

Eine Studie der britischen Hilfsorganisation Oxfam behauptet: 62 Superreiche besitzen mehr als die Hälfte der Menschheit. Wenn diese Hälfte genug hätte zum Überleben, wäre das dann noch ein Problem?

Angesichts der immer noch existenzbedrohenden Armut weltweit erscheint grosser Reichtum natürlich besonders problematisch, auf empörende Weise sogar obszön. Doch extremer Reichtum kann auch auf andere Weise wichtige Werte und Freiheiten unterwandern. Denken Sie beispielsweise an die von Millionären und Milliardären dominierte Politik in den USA. Oder stellen Sie sich vor, Sie legen sich mit einem Superreichen wie Bill Gates an und er will Sie richtig fertigmachen. Was könnte er alles anstellen, um Ihr Leben zu ruinieren? Zum Glück scheint Bill Gates ein netter Kerl zu sein. Aber es wäre wohl trotzdem besser, nicht der Willkür der Superreichen ausgeliefert zu sein. Deshalb ja: Auch wenn alle genug hätten, kann extreme Ungleichheit ein Problem sein.

Übrigens sind in einem globalen Massstab nicht nur die Superreichen reich, sondern die meisten Menschen in Ländern wie Deutschland und der Schweiz. Wenn Reichtum ein Problem darstellt, dann betrifft das also nicht nur die Superreichen.

Sahra Wagenknecht, die diesen Sonntag in der «Sternstunde Philosophie» zu Gast ist, macht den Kapitalismus verantwortlich für die massive Ungleichheit. Liegt sie richtig?

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Sehen Sie hier die «Sternstunde Philosophie» vom 15. Mai – Politikerin Sahra Wagenknecht im Gespräch zum Thema Kapitalismus.

Strenggenommen können nur Akteure verantwortlich sein. Der Kapitalismus ist kein Akteur, sondern eine Wirtschaftsordnung. Aber es trifft tatsächlich zu, dass der Kapitalismus strukturelle Bedingungen schafft, die eine Zunahme der sozialen Ungleichheit befördert, weil Kapitalbesitz auch zu immer mehr Kapitalbesitz führt. Es kommt also zu einer zunehmenden Kapitalkonzentration. Das haben in den letzten Jahren auch wissenschaftliche Autoren wie Thomas Piketty und Wolfgang Streek überzeugend nachgewiesen.

Müssen wir den Kapitalismus deshalb überwinden – oder lässt er sich verbessern?

Das ist die grosse Frage. Lange Zeit haben viele Reformer geglaubt, dass sich der Kapitalismus mit Hilfe eines über Steuerleistung finanzierten Sozialstaates zügeln lässt. Inzwischen wachsen die Zweifel daran. Allerdings ist es auch möglich, eine soziale Marktwirtschaft jenseits des Kapitalismus zu konzipieren. Dann müsste das Kapital breiter gestreut und das Wirtschaften insgesamt weniger kapitalabhängig werden. Ob solch eine soziale Marktwirtschaft kapitalistisch oder postkapitalistisch zu denken ist, scheint mir die zentrale Frage der gegenwärtigen politischen Ökonomie zu sein.

Kapitalismuskritik ist seit ein paar Jahren auch unter Intellektuellen im Trend: Axel Honneth verteidigt den Sozialismus, Alain Badiou ruft zum Kampf auf gegen den globalen Kapitalismus, Terry Eagleton verteidigt Marx. Woher kommt dieses erstarkte Interesse?

Die genannten Autoren vertreten ihre Thesen ja schon seit vielen Jahren, sind sich selbst also treu geblieben. Neu ist vor allem die grosse Aufmerksamkeit, die sie über Fachkreise hinaus erfahren. Immer mehr Bürgerinnen und Bürger scheinen der Meinung zu sein, dass es mit dem Kapitalismus – nicht zuletzt wegen der schweren Banken- und Kreditkrisen – nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Das macht die Suche nach Alternativen attraktiv.

Übrigens halten nicht nur sozialistische Intellektuelle den Kapitalismus für überholt. Auch andere Denker, wie der sozialliberale Philosoph John Rawls, sind der Meinung, dass Kapitalismus auf der einen Seite und Demokratie sowie Gerechtigkeit auf der anderen Seite unvereinbar miteinander sind.

Wie löst Rawls diese Unvereinbarkeit auf?

Rawls fordert eine sogenannte «Besitzdemokratie». Der Besitz an Kapital muss möglichst gleichmässig unter den Bürgerinnen und Bürgern aufgeteilt sein, beispielsweise indem alle ungefähr gleichviel Aktien an den Unternehmen besitzen. Es ist Aufgabe des Staates für diese grössere Gleichverteilung zu sorgen. Allerdings hält Rawls darüber hinaus sowohl am Prinzip des Privateigentums als auch am Marktprinzip fest.

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