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Haudegen und Heiliger - Hans Waldmann und Niklaus von Flüe
Aus Die Schweizer vom 14.11.2013.
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Gesellschaft & Religion Ist von der Flüe wirklich der Vater der Schweizer Neutralität?

Die Art, in der die Doku-Reihe «Die Schweizer» historische Ereignisse darstellt, ist umstritten. Auch bei der zweiten Folge über Hans Waldmann und Niklaus von der Flüe macht der Historiker Lucas Burkart einige Kritikpunkte aus: Der Film vermittle ein Geschichtsbild aus dem 19. Jahrhundert.

An der SRF-Dokufiction-Reihe «Die Schweizer» wurde kritisiert, dass sie sich zu sehr auf einzelne Personen konzentriert. In der zweiten Folge stehen nun immerhin zwei Figuren im Zentrum: Der Zürcher Politiker und Feldherr Hans Waldmann sowie der Eremit Niklaus von der Flüe. Der Kontrast zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Figuren wird der Komplexität der historischen Begebenheiten besser gerecht, sagt der Historiker Lucas Burkart von der Universität Basel.

Die grossen Kontraste in der alten Eidgenossenschaft

Ein Mann mit Bart, davor eine Filmklappe.
Legende: Schauspieler Daniel Rohr als Hans Waldmann, einst Bürgermeister von Zürich. SRF/Daniel Ammann

«Durch die beiden Figuren wird ein Spektrum aufgemacht, das die Heterogenität dieser alten Eidgenossenschaft deutlich macht», sagt Burkart. So zeigen die beiden unterschiedlichen Lebensläufe beispielsweise den grossen Kontrast zwischen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung dieser Zeit. Ausserdem betone der Film durch diese Figurenwahl die grosse Bedeutung der Religion für spätmittelalterliche Gesellschaften.

Kritischer beurteilt Burkart die These, dass die Ereignisse um Waldmann und von der Flüe den Kern der Schweizer Neutralität bilden würden: «Es ist auf alle Fälle nicht ganz falsch, aber es ist auch eine problematische Formulierung», sagt der Historiker.

Zwischen dem Stanser Verkommnis 1481 und der bewaffneten Neutralität des modernen Schweizer Bundesstaates gebe es keine direkte Verbindung, der Weg zur modernen Neutralität sei sehr viel verschlungener und komplexer.

Konstruierte Darstellung der Schweiz

Auch sonst macht Burkart in der zweiten Folge von «Die Schweizer» einige Darstellungsprobleme aus. So vermittle der Film das Bild einer nach innen geschlossenen Schweiz mit einem klar umrissenen Aussen. Diese Darstellung der Schweiz als Kern einer späteren, nationalstaatlichen Einheit sei konstruiert. Auch habe man im 15. Jahrhundert die Akteure ausserhalb der Eidgenossenschaft nicht als grossraumpolitische Gesamtheit wahrgenommen, sondern vielmehr als vielfältiges Beziehungsgeflecht verschiedener Akteure.

Diese Sichtweise gleiche dem Geschichtsbild des 19. Jahrhunderts: Der Fokus liegt auf zentralen politischen und verfassungsgeschichtlichen Ereignissen. Dadurch würden andere Perspektiven ausgelassen, sagt Burkart: Sozial- oder wirtschaftsgeschichtliche Sichtweisen, aber auch eine Geschlechterperspektive würden so ausgeblendet. Dass unser heutiges Geschichtsbild stark geprägt sei von Bildern historischer Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert, werde im Film nicht reflektiert.

Debatte über Fachkreise hinaus

Dennoch hält Burkart «Die Schweizer» für einen begrüssenswerten Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Schweizer Geschichte: «Positiv ist ganz bestimmt die Tatsache der Produktion, weil sie der Geschichtswissenschaft ein Plattform bietet für eine über den fachinternen Diskurs hinausreichende Debatte.» Das daraus resultierende gesellschaftliche Interesse an Geschichte und die Kontroversen begrüsse er als Historiker, sagt Burkart.

«Die Schweizer» im Check

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Nach jeder Ausstrahlung von «Die Schweizer» resümiert ein Experte bei SRF Kultur Online das Gezeigte: Wo sind aus historischer Sicht blinde Flecken und heikle Punkte? Was verdient Lob, was Kritik? Der Mittelalterspezialist Lucas Burkart prüft die ersten beiden Folgen, Historikern Caroline Arni Teil 3 und 4 (19. Jahrhundert).

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Girschweiler , 9500 Wil SG
    Was Hr. Burkart anprangert kann man so stehen lassen, aber etwas sehr wesentlich lässt der Historiker ausser Acht: in 50 Minuten können Momentaufnahmen über ausgewählte Personen aufgezeigt werden - nicht mehr und nicht weniger. Die Serie heisst ja auch "Die Schweizer" und nicht Generalabriss über die Geschichte der Eidgenossenschaft vom Rütlischwuhr bis heute.
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    1. Antwort von Sabine Stössel , Kerns
      Wichtiger wäre, in den Beiträgen Brüche aufzuzeigen zwischen dem Geschichtsbild des 19. Jahrhunderts - in der Schweiz immer wieder reanimiert bis weit ins 20. Jahrhundert hinein (z.B. im Zuge der Geistigen Landesverteidigung und bis in die Gegenwart durch politische Instrumentalisierung) - und der heutigen fachwissenschaftlichen Sicht: Brüche, die zu kognitiven Konflikten der Zuschauer führten und sie anregen könnten, über Funktion der traditionellen Schweizer "Geschichte(n)") zu reflektieren.
  • Kommentar von Lucas Kunz , Kleines Wiesental
    Der Film..., dafür wird Bilag-Zwangsgebühr eingezogen ... !!! atmet durch und durch den Geist des ausgehenden 19. Jahrhunderts - nun leben wir aber im 21. Jahrhundert. SF sei Dank, spielt so was keine Rolle - Disneylandkitsch hoch3 im Quadrat gibt den restlichen Puderzucker ...
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    1. Antwort von Harald Girschweiler , 9500 Wil SG
      @L. Kunz: Niklaus von Flüe u. Hans Waldmann sind Protagonisten des 15 Jahrh. Wie kommen Sie auf "ausgehendes 19. Jahrh? Ich finde die Reihe ist informativ, gut und verständlich auch für Leute, welche sich mit dieser Materie nicht so tief befassen.
  • Kommentar von Martin Holm , Muttenz
    Eine schweizer Geschichte existiert evtl. seit 1848, aber garantiert nicht davor. Zuvor kochte jeder sein eigenes Süppchen, was bis heute eigentlich nicht sehr geändert hat. Immerhin haben wir seit dem "Bürgerkrieg" (Sonderbund) ein eigenes Staatsgebilde, was aber mit der Eidgenossenschaft nicht verwechselt werden darf.
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    1. Antwort von Harald Girschweiler , 9500 Wil SG
      @Martin Holm: Doch eine Schweizer Geschichte existiert zuvor, nur kann man die Tagsatzung des Staatenbundes nicht mit der Regierung des heutigen Bundesstaates vergleichen. Man muss aber die Vorgänge vor 1848 kennen um die Entwicklungen danach zu verstehen.