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Jüdisch in Europa – Eine Erkundungsreise (1/2)
Aus Sternstunde Religion vom 19.01.2020.
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Jüdisches Leben in Europa «Der Holocaust ist im jüdischen Alltag nicht omnipräsent»

Von Marseille bis Berlin, von Budapest bis Venedig: Wie leben und fühlen Jüdinnen und Juden in Europa heute?

Für den zweiteiligen Dokumentarfilm «Jüdisch in Europa» ist der Journalist Yves Kugelmann mit der Filmproduzentin Alice Brauner quer durch Europa gereist. Und hat jüdischen Alltag jenseits der Angst vor Antisemitismus und der Erinnerung an den Holocaust gefunden.

Yves Kugelmann

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Der Journalist Yves Kugelmann ist Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins «Tachles», Link öffnet in einem neuen Fenster und eine wichtige Stimme der jüdischen Schweiz. Für den zweiteiligen Dokumentarfilm «Jüdisch in Europa» reiste er 2018 gemeinsam mit der Filmproduzentin Alice Brauner durch 5 Länder und 9 Städte Europas.

SRF: Sie sind 2018 durch Europa gereist, um jüdisches Leben aufzuspüren. Was haben Sie vorgefunden?

Yves Kugelmann: Menschen, die offen und ungefiltert vor der Kamera sprechen. Sie beschäftigen ganz andere Dingen als die Themen, die medial im Fokus stehen. Themen wie Sicherheit, Antisemitismus, Terror und so weiter haben im Alltag dieser Familien wenig Bedeutung. Jüdinnen und Juden lassen sich diese Diskussionen nicht von aussen aufdrängen.

Jüdinnen und Juden verstehen sich als Teil der lokalen Gesellschaft.

Also gibt es ein grosses Selbstbewusstsein?

Eher gelebte Normalität. Sie zeigt auch, wie stark Jüdinnen und Juden verankert sind in der jeweiligen lokalen Kultur. Sie verstehen sich nicht als Fremde, sondern als Teil der Gesellschaft. In Strassburg etwa gibt es eine grosse, gut sichtbare jüdische Gemeinschaft, die sich als Zentrum jüdischen Lernens etabliert hat.

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Auf der Spur jüdischen Lebens in Strassburg
Aus Sternstunde Religion vom 19.01.2020.
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Jüdisches Leben in Europa ist mit der Erinnerung an den Holocaust verbunden. Sie bezeichnen die Aufgabe dieses Erinnerns als Überforderung. Was meinen Sie damit?

Wenn industrieller Massenmord und ethnische Säuberungen ständig präsent sind, kann man keinen Alltag leben. Natürlich gibt es die Traumata, die prägend sind in Familien und Biographien. Aber der Holocaust ist deswegen im gelebten jüdischen Alltag nicht omnipräsent.

Sie waren nicht nur in Westeuropa, sondern auch in Osteuropa unterwegs. Was ist Ihnen aufgefallen?

In Osteuropa werden jüdische Gemeinschaften seit 1989, also nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, wieder neu aufgebaut. Dort gibt es ein anderes jüdisches Selbstverständnis.

Zum Beispiel werden dort gemischtreligiöse Paare und Kinder von sogenannten «Vaterjuden» in die orthodoxe Einheitsgemeinde integriert. In Westeuropa ist diese Integration so noch nicht möglich.

Ein Mann und eine Frau sprechen mit einer Gruppe jüdischer Männer mit Kippa.
Legende: Alice Brauner (r.) und Yves Kugelmann (n.v.r) haben für ihren Film in ganz Europa mit Juden gesprochen. SRF

Warum nicht?

Das Judentum kennt keine Mission und entstammt einer Stammestradition. Der Übertritt zum Judentum und somit der Eintritt in die jüdische Gemeinde ist daher ein langwieriger Akt. Die Integration nicht-jüdischer oder übergetretener Partner ist innerhalb von orthodox geführten jüdischen Gemeinden nur bedingt mehrheitsfähig.

In der Schweiz gibt es über 200 Jahre alte Synagogen und Gemeinden, die nicht zerstört wurden.

Wie unterscheidet sich die jüdische Kultur in der Schweiz von anderen europäischen Ländern?

In der Schweiz hat jüdisches Leben im 20. Jahrhundert keinen Bruch erfahren. Das unterscheidet die Schweiz und das Schweizer Judentum von den meisten europäischen Ländern. Es gibt in der Schweiz über 200 Jahre alte Synagogen und Gemeinden, die nicht zerstört wurden.

Fühlen sich Jüdinnen und Juden in der Schweiz sicherer?

Schwer zu sagen. Das Sicherheitsgefühl hängt mit aktuellen Ereignissen zusammen. Wenn es lange Zeit keinen Anschlag gibt, fühlen sich die Leute sicher. Nach einem Anschlag wie in Halle (D) ändert das sofort.

Glauben Sie, dass jüdische Gemeinschaften sich nach solchen Anschlägen von der Mehrheitsgesellschaft abschotten, um sich zu schützen?

Nein. Ein Vergleich: Die Menschen schotten sich seit 9/11 ja auch nicht ab und fliegen weiterhin. Aber die Situation an Flughäfen hat sich verändert. Wir wissen, warum Sicherheitskontrollen nötig sind. So ähnlich ist es in der jüdischen Gemeinschaft: Man geht pragmatisch damit um.

Das Gespräch führte Christa Miranda.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Danke für den interessanten Beitrag. Ja, ich denke es ist in der Tat so, dass sich der Alltag meist stark von dem unterscheidet, was uns die Medien immer und immer wieder präsentieren. Und, wie im Beitrag wunderbar gesagt, kann man keine normales Leben führen, wenn man immer eine Geschichte vor Augen hat, die weit zurückliegt und die Juden von heute fast nur noch aus Geschichten kennen. Man möchte und man muss heute sein Leben leben, egal was vor über 75 Jahren geschah.
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