Junge Dschihad-Reisende: politisiert und romantisiert zugleich

Wie erkennt man, ob ein Jugendlicher bereit ist, in den Dschihad zu ziehen? Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer sprach mit zahlreichen Müttern, deren Söhne und Töchter sich von Islamisten anwerben liessen. Sie resümiert: Junge Dschihad-Reisende sind desorientiert und suchen Ruhm und Freiheit.

Mitglieder der Gruppe Islamischer Dschihad in Palästina. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Burschen wollen Helden sein: Mitglieder der Gruppe Islamischer Dschihad in Palästina, 2014. Keystone

SRF Kultur: Edit Schlaffer, Sie führten mit einem Forscherinnenteam hunderte von Gesprächen mit Müttern durch, deren Söhne und Töchter in den sogenannten «Heiligen Krieg» zogen oder ein Selbstmordattentat begingen oder versuchten. Welche Rolle spielt dabei die islamische Religion?

Edit Schlaffer: Wir stellten fest, dass das Zeitfenster der Radikalisierung bei Jugendlichen, die von Islamisten angeworben werden, immer kleiner wird. Es sind aber nicht die religiösen Inhalte, die ihre Wirkung als Lockrufe entfalten. Die Jugendlichen haben in der kurzen Zeit gar nicht die Möglichkeit, die Suren zu studieren und die Hadithe zu verstehen und sich wirklich damit auseinanderzusetzen.

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Zur Person

Eine Frau um die sechzig mit Pagenschnitt.

Flickr/Women's eNews

Edit Schlaffer, geboren 1950, ist eine österreichische Sozialwissenschaftlerin und Feministin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Frauen in der internationalen Politik, Frauen in Politik und Zivilgesellschaft sowie zwischenmenschliche Beziehungen in der modernen Welt. 2002 gründete Schlaffer die internationalen Organisation «Frauen ohne Grenzen».

Warum lassen sich junge Männer von Islamisten anwerben?

Die Burschen wollen vor allem Helden sein. Sie sind oft unzufrieden, fühlen sich in der Gesellschaft an den Rand gedrängt – in einer Gesellschaft, in der vor allem diejenigen Bestätigung erhalten, die Erfolge vorweisen können. Solche Bestätigungen bleiben ihnen oft versagt. Es sind junge Leute, die desorientiert sind, die grosse Identitätsprobleme haben. Die Islamisten, die sie anwerben, versprechen ihnen, dass sie in ihrer Gemeinschaft jemand sind und zu Ruhm und Ehre kommen. Das hat eine enorme Zugkraft.

Auch junge Frauen reisen in den Dschihad. Wie kommt es dazu?

Wir haben das bei einem somalischen Mädchen miterlebt. Sie war in einer Mädchengang. Dort wurde sie von Islamisten angeworben. Die Rekrutierer suchen sich Jugendliche aus, die bereits gefährdet sind. Sie gehen nicht durchschnittliche Jugendliche an, sondern gezielt solche, die eine Schwachstelle haben, wo sie hineinstossen können.

Die Zahl junger Frauen, die sich Dschihadisten anschliessen, nimmt zu. Was ist ihre Motivation?

Wir beobachten, dass zunehmend jüngere Mädchen rekrutiert werden. Sie gehen idealisierten Vorstellungen von Männlichkeit nach. Sie wollen den Kämpfer, den tollen Kerl, den Prototyp des Mannes treffen. Dadurch entkommen sie einem behüteten, bewachten Umfeld, in dem ihr Bruder oder ihr Vater über ihre Ehre wacht. Oberflächlich winkt diesen Mädchen die Freiheit: Sie können die Enge des Elternhauses verlassen, indem sie früh heiraten und wegziehen. Sie werden selbständiger, indem sie für einen eigenen Haushalt verantwortlich sind. Sie erkennen nicht, dass sie in eine viel dramatischere Bewachung aufbrechen.

Ihre Untersuchung zeigt: Es gibt auch politische Motive. Was steckt dahinter?

Es ist das Versprechen, am Aufbau eines Reichs teilhaben zu dürfen. Das Kalifat ist ein paradiesisches Versprechen. Und dazu können sie einen elementaren Beitrag leisten, wenn sie Kinder gebären. Das sind die Verführungsgeschichten, die bei manchen jungen Frauen wirken. Sie sind politisiert und romantisiert zugleich. Dass sie in Wirklichkeit in ein riesiges Gefängnis aufbrechen, das sehen sie nicht.

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