Neue Studie Junge Schweizer Moslems hören nur wenig auf bekannte Prediger

Die Universität Luzern hat 61 junge Musliminnen und Muslime gefragt, auf wen sie in Sachen Religion hören – und hat heute die Resultate präsentiert.

Junge Muslime, die beten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Um ihren Glauben zu finden, suchen junge Muslime oft ihren eigenen Weg. Keystone

  • Ein Forschungsprojekt der Universität Luzern zeigt: Der Einfluss muslimischer Hassprediger ist begrenzt.
  • Oft beeinflussen Menschen im nahem Umfeld – wie Eltern, Grosseltern oder Menschen aus der muslimischen Gemeinschaft – junge Muslime.
  • Jugendliche suchen aber auch selbst nach ihrer Religion – sei es beispielsweise im Internet oder im Koran.

Prediger, die übers Internet zu Hass anstacheln. Imame, die zum Jihad verführen. Oder Korangelehrte, die alle anderen Religionen verteufeln: So stellt man sich vielleicht Autoritäten vor, von denen muslimische Jugendliche lernen.

Forscher der Universität Luzern haben deshalb 61 junge Muslime und Musliminnen gefragt, auf wen sie in Sachen Religion wirklich hören.

Kritische Distanz zu Hasspredigern

Islamische Hassprediger gibt es. Das ist nicht zu widerlegen. Aber ihr Einfluss ist begrenzt, weiss Jürgen Endres, Projektmitarbeiter an der Universität Luzern:

«Wir haben festgestellt, dass sogenannte Hassprediger von Jugendlichen gehört werden. Die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen währen aber eine kritische Distanz. Wenn es beispielsweise um Pierre Vogel geht, hören sie ihm zu, fragen aber auch: Was bedeutet das, was er sagt?»

Die Gefahr der Radikalisierung ist klein

Die Gefahr, dass Jugendliche einem solchen Prediger wie dem deutschen Salafisten Pierre Vogel hörig werden und sich so radikalisieren – ob in der Moschee oder übers Internet – sei deshalb relativ klein.

«Es gibt diese fragwürdigen Fälle – insbesondere in Winterthur –, bei denen Autoritäten vielleicht wirklich sehr negative Auswirkungen gehabt haben. Gleichzeitig muss man sagen, dass Jugendliche oft andere Menschen als Autoritäten wahrnehmen. Das sind nicht Internetprediger, nicht die Imame, sondern Menschen aus dem Nahbereich: Eltern, Grosseltern oder andere Menschen, die in der muslimischen Gemeinschaft aktiv sind und Einfluss auf die Jugendlichen haben.»

Gesucht: Imame mit Bezug zur Schweiz

Je näher, je zugänglicher die Vorbilder sind, desto grösser ihr Einfluss. Das können auch Imame sein, wenn sie die richtigen Voraussetzungen mitbringen, sagt Jürgen Endres:

«Die Jugendlichen suchen Imame, die in der Schweiz aufgewachsen sind, die über die Lebensverhältnisse in der Schweiz Bescheid wissen. Oftmals findet man solche Imame in der Schweiz nicht. Man findet Imame, die aus der Türkei, aus Bosnien, aus anderen Ländern kommen. Sie wissen nicht, wie das Leben von Jugendlichen in der Schweiz aussieht.»

Wenn die Religion zur Belastung wird

Denn für viele junge Muslime und Musliminnen ist gerade der Diskurs über den Islam, wie Schweizer und Schweizerinnen über den Islam denken und sprechen, eine Belastung.

«Der Diskurs über den Islam ist sehr negativ und drängt die Jugendlichen permanent dazu, sich als Muslime selbst zu positionieren», sagt Endres. Zum Beispiel die Minarett-Initiative: Die Muslime wurden mit Unterdrückung und Terrorismus in Verbindung gebracht.

Selbständige Suche nach Erklärungen

Auch deswegen suchen Jugendliche nach Autoritäten, die ihnen die Religion zuerst einmal erklären und ihnen später vielleicht helfen, ihre Religion in der Schweiz zu leben. Dazu konsultieren sie ganz verschiedene Quellen – von Eltern über Imame bis hin zu Internetpredigern und den Koran selbst. Sie vergleichen, wägen ab, bewerten und suchen das Passende.

Jürgen Endres war überrascht von der Ernsthaftigkeit, mit der sich die junge Muslime mit ihrer Religion auseinandersetzen: «Ich fand erstaunlich, mit welchem Interesse sich die jungen Menschen und den religiösen Themen beschäftigt haben. Und dass sie sich durchaus überlegen: Welche Konsequenzen bringt das Verhalten in der Schweiz mit sich?»

Jugendliche folgen Hasspredigern nicht blind

Einige Muslime haben sich deswegen entschieden, die Religion nur im Privaten zu leben. Andere praktizieren die Religion nur, so weit es keine Probleme gibt. Wiederum andere fordern das Recht ein, ihre Religion öffentlich und sichtbar zu praktizieren.

Allen gemein ist aber: Sie suchen einen Weg, ihre Religion in der Schweizer Gesellschaft zu leben. Von blindem Folgen eines Hasspredigers und Abkapselung keine Spur.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 17.01.2017, 17:08 Uhr

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