Kambodscha – Drehscheibe des Menschenhandels

In Kambodscha nutzen Sklavenhändler die grosse Armut der Menschen schamlos aus. Statt ihnen wie versprochen ein besseres Leben zu bieten, lassen sie die Verschleppten als Arbeitssklaven auf Plantagen arbeiten oder treiben sie in die Prostitution. Die Hoffnung auf Besserung ist gering.

  • Armut und die Perspektivlosigkeit in Kambodscha sind der perfekte Nährboden für Menschenhandel.
  • Unter den Opfern sind viele Kinder.
  • Ein staatliches Aktionskomitee gegen Menschenhandel soll nun Abhilfe schaffen.
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Kambodscha

Das südostasiatische Land grenzt an Thailand und Laos, hat rund 16 Millionen Einwohner und ist flächenmässig viermal so gross wie die Schweiz. Seit mehr als drei Jahrzehnten regiert Diktator Hun Sen mit eiserner Hand. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft seinem Regime Morde, Folter und willkürliche Verhaftungen vor.

Eine riesige Mülldeponie der kambodschanischen Stadt Poi Pet an der thailändischen Grenze. Der Gestank ist unerträglich, beissender Rauch lässt die Augen tränen, Rabenvögel krächzen. Ein altersschwacher Bulldozer türmt Abfall zu hohen Bergen. Zu deren Füssen wuchern Wellblechverschläge. Hier lebt Choen Poay mit seiner Frau und seinen sieben Kindern. Er sieht ausgemergelt und zerbrechlich aus. Die Familie sortiert Metall und Plastik aus dem Müll. «Ich war arbeitslos und wir mussten hungern», sagt der 45-jährige Vater.

Riskante Flucht

Deshalb vertraute er sich einem Nachbarn an, den er gut zu kennen glaubte. Dieser schleuste ihn ins Nachbarland Thailand auf eine Zuckerrohrplantage. «Er sagte, mach einfach deine Arbeit, Ende Monat bekommst du deinen Lohn.» Doch es kam anders. Ein Salär sah Choen Poay nie. Die Plantage wurde wie ein Gefängnis geführt. Choen Poay beschloss, zu fliehen. Er tat es voller Angst, denn er riskierte sein Leben: «Ich musste zusehen, wie sie einen Mann auf der Flucht erschossen». Heute versucht der Vater, mit dem Abfall der Stadt Poi Pet irgendwie zu überleben. Ein Schicksal von Tausenden.

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Handelsware Mensch

Menschenhandel ist nach Drogen- und Waffenhandel das drittgrösste Geschäft weltweit. Ein 32-Milliarden-Business, schätzt die internationale Arbeitsorganisation ILO. Der Global Slavery Index 2014 spricht von weltweit fast 39 Millionen Menschen, die als Arbeitssklaven gehalten werden. In Kambodscha allein sollen es mehr als 150'000 sein.

In einer Analyse des kambodschanischen Ablegers der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung heisst es: «Während sich das Land vom Pol-Pot-Trauma und von den Verletzungen noch immer erholt und versucht, die verlorene Identität zurückzugewinnen, ist in Kambodscha eine Kultur der Menschenausbeutung entstanden.» Die unausweichliche Armut und die Perspektivlosigkeit seien der Motor der Migration und machten Menschen besonders verletzlich – «der perfekte Nährboden für Menschenhandel».

Das Erbe der Roten Khmer

Zwischen 1975 und 1979 terrorisierten die Roten Khmer unter Pol Pot das Land. Der Diktator wollte einen geldfreien kommunistischen Agrarstaat errichten und liess die Bevölkerung aufs Land deportieren und fast die gesamte Elite Kambodschas ermorden – über zwei Millionen Menschen, also fast ein Viertel der damaligen Bevölkerung, starben. Das Regime der Roten Khmer hat das Land bis ins Mark geschwächt. Die Entvölkerung der Städte und die Ermordung der Elite führten dazu, dass bis heute ein Fünftel der Kambodschaner unter der Armutsgrenze lebt.

Die Kindheit zurückgeben

Zu den ärmsten des Landes gehören auch die Eltern der Kinder, die im Damnok-Toek-Rehabilitationszentrum in Poi Pet leben. Sie sind zwischen acht und fünfzehn Jahre alt und wurden im benachbarten Thailand Opfer von Menschenhändlern. Im Rehabilitationszentrum, unterstützt von Caritas Schweiz, sollen die traumatisierten Kinder ihre Kindheit zurückbekommen. Ziel ist die Rückführung in ihre Familien.

Ein Bub mit traurigem Blick sitzt am Boden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der 11-jährige Mao-Chun wurde mit sechs Jahren Opfer einer Menschenhändlerin und musste täglich zehn Stunden betteln. Roland Schmid

Unter den Opfern ist der 11-jährige Mao-Chun. Er wurde in Thailand zum Betteln gezwungen. «Ich musste das ganze Geld abliefern. Manchmal gaben die Leute nichts oder nicht viel und ich wurde mit einem eisernen Kleiderbügel geschlagen und musste ohne Essen zu Bett.»

Aktionsplan gegen Menschenhandel

2014 verabschiedete die Regierung in Phnom Penh einen 5-Jahres-Aktionsplan gegen Menschenhandel. Die grenzüberschreitende Koordination von Massnahmen hat darin eine hohe Priorität: Durchsetzen der Gesetze, Verbesserung der Prävention, konsequente Strafverfolgung von Tätern und Schutz von Opfern sind weitere Ziele des Plans.

Ein asiatischer Mann mit gebräunter Haut sitz an einem Tisch und schaut ernst. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Suo Malai ist Leiter des Damnok-Toek-Rehabilitationszentrums. Roland Schmid

Suo Malai, der Leiter des Rehabilitationszentrums, beklagt die mangelhafte Durchsetzung bestehender Gesetze. Schuld sei einerseits schlecht ausgebildetes Personal – Polizei, Grenzbeamte, Behördenmitglieder in der Gemeinde – aber auch die weit verbreitete Korruption. Selbst hochrangige Beamte seien ins Menschenhändlergeschäft verstrickt. «Regierungsangestellte mischen mit», sagt Suo Malai. «Sie lassen sich korrumpieren und kassieren von den Menschenhändlern Geld; als Gegenleistung verzichten sie auf eine Strafverfolgung.» Ein staatliches Aktionskomitee gegen Menschenhandel soll nun Abhilfe schaffen.

Kambodscha scheint weit weg zu sein. Doch in der heutigen Wirtschaftswelt ist die moderne Sklaverei näher, als man denkt. Wer ein Smartphone kauft – es könnte Sklaverei drin stecken. Wer Textilien kauft – es könnte Sklaverei drin sein. Wer Agrarprodukte aus fernen Ländern konsumiert – es könnte Menschenhandel drin sein. Menschenhandel betrifft auch uns.

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