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Blick ins Buch: «Kartenland Schweiz»
Aus Kultur-Aktualität vom 04.01.2022.
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«Kartenland Schweiz» Als die Schweiz alles auf Karten setzte

Über viele Jahre haben Karten aus Papier unseren Alltag begleitet. Diesen Relikten aus früheren Zeiten geht der Sammelband «Kartenland Schweiz» nach – und eröffnet Welten.

Postkarten, Weihnachtskarten, Kondolenzkarten, Landeskarten, Fichen, Lebensmittelkarten und Eintrittskarten: Diese sieben Karten aus der Vergangenheit thematisiert der Sammelband «Kartenland Schweiz – Geschichten aus der analogen Welt».

Geschichten voller Emotionen

Dabei haben Historikerinnen und Historiker je eine besondere Karte ausgesucht. Ausgehend von dieser entwickeln sie Geschichten über Medien und kulturellen Wandel, Unternehmen und Familien, die Schweiz und ihre Menschen vom 19. Jahrhundert bis heute.

Jede der Geschichten steht für sich. Das Verbindende ist, dass sie alle von Emotionen erzählen und über die individuelle Bedeutung der einen Karte hinausweisen.

Postkarte mit verschiedenen Elementen drauf, die auf ein Worträtsel hindeuten.
Legende: Postkarte geht auch ohne Panorama: Rätsel-Gruss aus vergangener Zeit. Zytglogge Verlag

Von Berg und Thal

Barbara Piatti erzählt zum Beispiel in einem halbfiktionalen Text die Erinnerungen des Gebirgsvermessers Xaver Imfeld aus Sarnen. Er hat am «Topografischen Atlas der Schweiz» mitgearbeitet, einem Kartenwerk des 19. Jahrhunderts, das für die Erschliessung und Industrialisierung der Schweiz bedeutsam war.

Claudia Mäder hingegen erinnert an die Geschichte der Postkarte – anhand einer Postkarte von Zürich nach Thal. Sie erzählt, wie dieses Medium entstand, aufblühte und fast wieder verschwand.

Bürgerliche Sammelwut

Passend ergänzt dieses Kapitel Margret Ribberts Erzählung über eine Weihnachtskarte, anhand derer sie über die grosse Postkartensammlung einer wohlhabenden Familie schreibt. So verweist sie auf Schreibgewohnheiten, die Sammelleidenschaft Ende des 19. Jahrhunderts und die Industrie, die Postkarten und Sammelalben herstellte.

Eine Karte mit einem verzierten Tannenzweig.
Legende: Weihnachtskarten waren schon im 19. Jahrhundert ein eigener Industriezweig. Historisches Museum Basel, Depositum der Stocker-Nolte-Stiftung

Oder Benedikt Pfister, dessen Geschichte von einer Eintrittskarte an ein legendäres Fussballspiel handelt: Von dieser Karte schlägt er einen Bogen zur Firma, die dieses Ticket hergestellt hat, und deren Entwicklung.

Literarische Zugänge

Neben Historikerinnen und Historikern haben auch die Schriftstellerin Julia Weber und der Schriftsteller Frédéric Zwicker je einen Text zum Sammelband beigetragen. Sie haben einen anderen, poetischen Zugang zum Thema gewählt.

So gibt es in der Buchmitte von Julia Weber den «Einwurf». Darin schreibt sie über den Lebensmittelpunkt. Um festzustellen, wo der liegt, müsse ein Kartenland erstellt werden. Damit weist Weber das Kartenland in die Fantasie.

Der literarische Text von Frédéric Zwicker steht am Buchende. Er handelt vom Tod seiner Grossmutter, von Trauer, Erinnerungen und einer Beileidskarte einer Pflegerin, die seine Familie erhalten hat. Eine historische Einbettung der Karte findet sich bei ihm nicht.

Von Shakespeare zu Corona

Der Sammelband «Kartenland Schweiz» fasst das Thema der Karte aus Papier sehr weit, greift es ganz unterschiedlich auf und liefert gelungene Einblicke in die helvetische Kartenvergangenheit. Man erfährt viel über Menschen und ihre Zeit, über Veränderungen und die Karte als Mittel zur Orientierung und Ordnung.

Ein Stück Papier, das dich mit Schreibmaschine beschrieben ist.
Legende: Wenn das Polizeidepartement Shakespeare zitiert: Eine Fiche über die Progressive Studentenschaft Basel. Privat / Zytglogge Verlag

Der Zugang zum Thema über eine persönlich ausgewählte Karte ist reizvoll. Thomas Brückner hat beispielsweise einen Aktenberg von einem Freund erhalten. Darin findet er eine Fiche mit einem Zitat von Shakespeare, die ihn fasziniert. Diese führt ihn weiter zur Frage, was staatliche Tätigkeit ist und wie versucht wird, Kontrolle zu bewahren und Ordnung zu schaffen.

Einige Texte enden mit einem Sprung in die Gegenwart. So kommt zum Beispiel Brückner von der Fiche zum heutigen Contact-Tracing. Dieser Bogen ins Heute ist teils sehr verkürzt und überzeugt daher nicht überall.

Buchhinweis

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Benedikt Pfister und Thomas Brückner (Hrsg.): «Kartenland Schweiz – Geschichten aus der analogen Welt.» Zytglogge, 2021.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 4.1.2022, 17:20 Uhr

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