«Ich war noch nie im Club», sagt die 20-jährige Celine Meier. Den Samstagabend verbringt sie darum nicht im Ausgang, sondern zu Hause am Esstisch: beim Spieleabend mit ihrer jüngeren Schwester und einer guten Freundin. Dem Nachtleben können die drei nicht viel abgewinnen. Zu viele Leute auf einmal seien nicht ihr Ding, findet Sarah Meier.
Anders die Eltern von Celine und Sarah: Sie machen sich gerade für den Ausgang bereit und gehen auswärts essen.
Kennengelernt im Ausgang
«Wir haben uns im Ausgang kennengelernt», erzählen Jürgen und Nadja Meier, «damals in einer Disco in Basel». Um zwei Uhr morgens, erinnert sich Nadja, seien sie ins Gespräch gekommen. Jürgen lud sie zu einem Bon‑Jovi‑Konzert zwei Wochen später ein. Der Haken: Er hatte zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Tickets.
«Ein bisschen dick auftragen musst du», grinst Jürgen. Und es hat auch geklappt: Die beiden gingen ans Konzert. Heute sind sie seit 30 Jahren zusammen.
Die Eltern können aber durchaus nachvollziehen, warum ihre Töchter nicht in den Club gehen. Die Zeiten hätten sich eben geändert: «Wir waren früher in Cliquen organisiert und fühlten uns sicher», blickt Jürgen zurück. «Aber ich finde auch, sie verpassen etwas, dieses Unbeschwerte», fügt Nadja hinzu.
Dann verabschieden sich die Eltern.
Kein Ort für Unbeschwertheit
«Diese Unbeschwertheit, die Celines und Sarahs Eltern beschreiben, hatte ich im Ausgang nie», sagt Linda Murray, eine Freundin der Familie. «Wenn ich früher jung gewesen wäre, hätte ich das gerne ausprobiert», erklärt Celine.
Heute sei das anders. Einer der Gründe sei das Sicherheitsgefühl. «Ich habe schon gehört, dass Leuten K.-o.‑Tropfen ins Getränk gemischt wurden. Davor habe ich grossen Respekt», sagt Celine. Auch Linda hat schlechte Erfahrungen gemacht.
«Einmal ist eine Bekannte von mir im Club zusammengebrochen, wir wussten nicht, warum.» In dieser Situation habe sie sich hilflos gefühlt, erzählt Linda. «Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich in einem Club war.» Doch wenn das Setting gepasst habe, habe es ihr durchaus Spass gemacht – etwa am Oktoberfest oder an einer Taylor‑Swift‑Party.
Ein weiterer Grund, warum das Nachtleben für die drei jungen Frauen nicht besonders reizvoll ist: Sie trinken keinen oder nur sehr wenig Alkohol. Mit ihrer Zurückhaltung gegenüber dem Ausgang stehen sie nicht allein da.
Junge gehen seltener in den Club
Ein Artikel der Universität Zürich aus dem Jahr 2023 zeigt: Junge Menschen gehen heute deutlich weniger in den Ausgang als noch in den Nullerjahren. 2007 gab rund ein Drittel an, mindestens einmal pro Woche in einen Club zu gehen. 2022 waren es weniger als zehn Prozent.
Auch aktuelle Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: In den letzten Jahren sind Clubs ans untere Ende der Freizeitaktivitäten junger Menschen in der Schweiz gerutscht. Stattdessen gehen sie wandern, treiben Sport – und spielen Gesellschaftsspiele.
Hohe Erwartungen, wenig Begegnung
Es gibt aber durchaus junge Menschen, die sich auf das erste Mal Ausgang freuen, wie zum Beispiel der 24‑jährige Vito Paternostro. «Ich habe zwei ältere Schwestern, und sie haben mir Tolles darüber erzählt.» Er habe sich darauf gefreut, neue Freundschaften zu knüpfen und Spass zu haben. Doch die Realität sei eine andere gewesen.
Im Club habe er niemanden kennengelernt für eine Freundschaft oder eine Beziehung. «Wenn ich eine Frau angesprochen habe, wurde sie gleich von einer Kollegin weggezerrt.» Vielleicht würden sie denken, dass jeder Typ nur ein Ziel hat: Sie anzubaggern, mutmasst Vito. So seien keine Gespräche entstanden.
Zudem habe er im Ausgang Gewalt beobachtet. «Das verändert die Atmosphäre.» Und wenn man dann auch noch Geld für Eintritt und Getränke ausgebe, ohne wirklich Spass zu haben, könne er ebenso gut zu Hause bleiben.
Auf der Suche nach Alternativen
Vito kocht und backt gerne in seiner Freizeit, liest Bücher. Doch er merkt: Die sozialen Kontakte fehlen ihm. Er sucht nach einer Alternative. «Ich gehe ins Gym, weil man dort mega einfach ins Gespräch kommt», sagt er. Man unterhalte sich über alles – wie die Woche war, wie es einem geht. So habe er neue Freunde gefunden. Mit ihnen geht er auch mal Billard spielen oder in eine Bar. «Dort kann man sich gut unterhalten, und die Atmosphäre stimmt.»
Auch Celine geniesst das Zusammensein mit Freundinnen. Der Austausch mit ihnen gebe ihr extrem viel. Sie macht derzeit die Berufsmatur mit Schwerpunkt Kunst und Gestaltung. Am Wochenende schätzt sie genau diese Zeit. Sie könne viel von ihren Freundinnen lernen und lasse sich inspirieren, etwa von Linda, die trotz ihres anspruchsvollen Studiums immer Zeit für sie finde.
Mit Menschen Zeit zu verbringen, sei für sie das Grösste – und das könne kein Club ersetzen, so Celine.