Kinski-Biograf: «Man muss die Vorwürfe von Pola ernst nehmen»

«Kindermund» ist das Protokoll einer kaputten Kindheit: Pola Kinski, älteste Tochter des berühmten Schauspielers Klaus Kinski, beschreibt in ihrer Autobiographie, wie ihr Vater sie jahrelang missbraucht hat. Es begann im Alter von 5 und dauerte, bis sie 19 war.

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Bildlegende: Klaus Kinski: Missbrauchsvorwürfe seiner Tochter Pola müssen ernstgenommen werden, meint Biograf Christian David. Getty Images

Pola Kinski ist mittlerweile über 60, ihr Vater Klaus seit 1991 tot. Er kann den Vorwürfen nicht mehr widersprechen, und rein im juristischen Sinne gilt die Unschuldsvermutung. Dennoch hat kaum jemand Zweifel an der Echtheit der Missbrauchvorwürfe. Pola Kinskis eindringliche Darstellung, die so gar nicht auf Sensation aus ist, und die vielen, beklemmendem Details sprechen dafür.

Portrait von Pola Kinski. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Pola (geb. 1952) ist die Tochter von Klaus Kinski und seiner ersten Frau Gislinde Kühbeck. Keystone

Und – schlimm genug – irgendwie passt es ja zum Bild des «Psychopathen Kinski», dem tobenden, egozentrischen Künstler, der sich nichts sagen liess und sich einfach nahm, was er wollte. Er war ein Monster vor der Kamera, der Kollegen und Journalisten beschimpfte – warum sollte er nicht auch im Privaten ein Monster gewesen sein.

«Man muss die Vorwürfe von Pola sehr ernst nehmen»

Auch der Kinski-Biograf Christian David («Kinski. Die Biographie») erachtet die Vorwürfe von Pola Kinski als glaubwürdig. «Ich bin schockiert», sagt David im SRF-Interview, «schockiert und überrascht.» Bisher habe nichts darauf hingedeutet, dass Kinski pädophile Neigungen gehabt habe. Man müsse die Vorwürfe von Pola sehr ernst nehmen, so David. Angesichts der schweren Missbrauchsvorwürfe sei seine vor sechs Jahren erschienene Biografie jetzt völlig überholt.

Vom Erdbeermund zum Kindermund

«Kindermund» nennt Pola Kinski ihre Autobiografie. Es ist ein deutlicher Bezug auf Klaus Kinskis Autobiografie «Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund». Das Buch ist 1975 erschienen, Kinski schildert darin Inzesterlebnisse mit seiner Mutter, seiner Schwester und seiner anderen Tochter. Aus heutiger Sicht lässt das aufhorchen.

Christian David winkt ab, man solle das nicht als verkapptes Geständnis von Klaus Kinski deuten: «Insgesamt war das zu unglaubwüridig. Die meisten haben Klaus Kinskis Autobiografie damals als pure Fiktion gesehen. Man hatte den Eindruck, da will sich jemand wichtig machen.» Zumal Kinskis Schwester die Passage über den Inzest mit ihrem Bruder in einem Leserbrief im «Spiegel» widerlegt hat.

Durch die Missbrauchsvorwürfe liege die künstlerische und menschliche Existenz Klaus Kinskis in Trümmern vor uns, meint David. Er schreibt seine Kinski-Biografie aber nicht neu. Er hat mit Kinski abgeschlossen und verfasst Kriminalromane.