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Schutz und Gefahr: Alison Matthews David über Kleidung
Aus Kultur-Aktualität vom 15.05.2020.
abspielen. Laufzeit 04:13 Minuten.
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Kleidung und Krankheit Als der Tod im Rocksaum lauerte

Kleidung gibt uns Schutz. Sie kann aber auch zur Gefahr werden. Oder gar zur Waffe, sagt die Mode-Historikerin Alison Matthews David.

Schutz: Das ist eine der Hauptfunktionen von Kleidung. So lapidar das klingt – so wahr ist es: Kleidung soll uns vor Kälte und Witterung schützen. Und wovor noch? Ab da wird das Ganze komplizierter. Denn Kleidung schützt nicht nur. Sie kann auch gefährlich sein.

Krankheitserreger im Stoff

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fürchtete man sich vor Keimen und Mikroben in langen Kleidern. Dass in dieser Zeit die Röcke kürzer wurden, habe deshalb nicht nur modische Gründe, erklärt die US-amerikanische Modehistorikerin Alison Matthews David.

Stoff als Schutz vor Krankheiten, Kleidung als Waffe gegen Seuchen: Dazu forscht Matthews David seit Längerem. Die Hygiene sei ein entscheidender Grund gewesen, die Kleider nicht mehr am Boden schleifen zu lassen, sagte sie kürzlich in einer Zoom-Vorlesung für den «National Arts Club» in New York, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Karikatur: Eine Zofe klopft einen langen Rock aus. Auf den hochsteigenden Staubwolken steht "Typhoid Fever", "Influenza", "Germs". Dahinter ein Sensemann.
Legende: «Der Rock, der Spuren hinterlässt»: Viktorianische Karikatur aus der Zeitschrift «Puch» (1900). American Public Health Association

Kleider als Waffen

Kleider können Virenschleudern sein. Und das hat man auch gezielt eingesetzt. «In der Renaissance warfen Soldaten die Kleidung von Kranken über die Stadtmauern von belagerten Städten», sagt Alison Matthews David. Das sei ein Teil einer biologischen Kriegsführung gewesen.

Damit lagen die Soldaten gar nicht mal so falsch: Wie wichtig das Waschen von Kleidung sei, zeige sich am Beispiel von Fleckfieber, das von Kleiderläusen übertragen werde, sagt Matthews David. Schiffsreisende, Gefangene und Soldaten, die ihre Kleidung nicht waschen konnten, starben oft an dieser Infektionskrankheit.

Kleidung kann natürlich dennoch Schutz bieten: Ohne Handschuhe ging zum Beispiel zwischen dem 16. und zum 20. Jahrhundert kaum jemand aus. Auch heute in Corona-Zeiten ziehen wir beim Einkaufen im Supermarkt Einweg-Handschuhe an.

Kleidung hilft seit Jahrhunderten beim Social Distancing: Da sind etwa die raumgreifenden Reifröcke. Und auch Hüte können nicht nur modisch, sondern auch praktisch sein.

Ein Hut hält auf Distanz

Der «Merry Widow»-Hut aus dem Jahr 1910 zum Beispiel: Seine breite Krempe hat einen ganz konkreten Nutzen, so Alison Matthews David: «Wenn eine Frau in den Bus steigt, hält der Hut die Person hinter ihr auf Distanz.»

Besonders Männer seien Frauen auf dem Trottoir gerne zu nahe gekommen – ein breitkrempiger Hut hat das verhindert.

Altes Sepia-Foto einer Frau mit sehr grossem Hut
Legende: Der «Merry Widow Hat» hat seinen Namen aus der Operette «Die lustige Witwe». Wikimedia , Link öffnet in einem neuen Fenster

Breite Hüte als Social-Distancing-Instrument sind heutzutage kein Modethema mehr – oder allenfalls noch keines.

Doch ein breites Dach über dem Kopf beschert uns in Corona-Zeiten auch der Regenschirm. Er schützt vor Nässe. Und vor anderen Menschen, wenn man alleine druntersteht.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 15.5.2020, 08:20 Uhr.;

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